Predigtarchiv - ältere Online-Predigten

Singen und Beten

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Auf dieser Seite finden Sie ältere Predigten, die als Lesepredigt online gestellt wurden. Wir werden auch zukünftig die Gottesdienstpredigten zum Nachlesen und als PDF-Datei zum Ausdrucken und ggf. Weitergeben zur Verfügung stellen.

 

Ihr Pfarrer

Thorsten Müller

Predigtarchiv

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  • Predigt zum 3. Sonntag nach Trinitatis (28.06.2020)

    Gott und die Götter

    Liebe Gemeinde!

     

    Gott und die Götter – das klingt ziemliche archaisch. Als würde dieser Satz aus einer längst vergangenen Zeit stammen. Schließlich gibt es doch nur einen Gott, und alle Menschen, die irgendwie religiös sind, beten letztlich diesen einen Gott an. Zumindest sind wir als aufgeklärte Menschen des Abendlandes davon überzeugt, dass das so ist. Wenn wir hier nicht überhaupt die Existenz Gottes bezweifeln und alles religiöse und spirituelle auf die Ebene der persönlichen seelischen Erfahrungen schieben. In unserem Land sind Glaube und Religion private Angelegenheiten. Und viele Menschen glauben heute gar nicht mehr an irgendeinen Gott. Ganz anders ist unser Predigttext.

    Predigttext:

    18Wo ist solch ein Gott, wie du bist, der die Sünde vergibt und erlässt die Schuld denen, die geblieben sind als Rest seines Erbteils; der an seinem Zorn nicht ewig festhält, denn er hat Gefallen an Gnade! 19Er wird sich unser wieder erbarmen, unsere Schuld unter die Füße treten und alle unsere Sünden in die Tiefen des Meeres werfen. 20Du wirst Jakob die Treue halten und Abraham Gnade erweisen, wie du unsern Vätern vorzeiten geschworen hast.

    1.    Die Götter der alten Zeit

    Offenbar geht der Prophet Micha nicht nur von einem, sondern mehreren Göttern aus. In seiner Zeit hatte jedes Volk seine eigenen Götter. Viele Vorstellungen von diesen Göttern waren einanander ähnlich. Trotzdem waren die Menschen überzeugt, dass der babylonische oberste Gott Marduk nicht der gleiche war wie der kanaanäische oberste Gott Baal oder gar Jahwe, der Gott, den die Israeliten verehrten. Ganz im Gegenteil, in der Vorstellung der Menschen damals lagen die Götter im Wettstreit untereinander. Genauso wie die Völker, von denen sie angebetet wurden. Das stärkste Volk hatte wohl auch die stärksten Götter. Und in Israel hatte man schon erlebt, dass die Nachbarn militärisch stärker waren. Die Stadt Samaria war zerstört, das nördliche Königreich erobert, die Menschen deportiert worden. Im südlichen Königreich herrschte große Sorge, dass die Assyrer ihre Eroberungen bis nach Jerusalem ausdehnen könnten. Vielleicht waren die assyrischen Götter ja stärker als der Gott Israels und ihre Armee deshalb erfolgreicher als andere.

     

    Sie merken, mit diesen Überlegungen ist ein bestimmtes Gottesbild verbunden. Einen starken Gott zu verehren macht Menschen stark. Wenn ein Volk nur den richtigen Gott anbetet, gelingt das Leben, ist der Erfolg gesichert.

    2.    Die Götter unserer Zeit

    Über solche altertümlichen Vorstellungen sind wir in unserer Kultur inzwischen hinaus gewachsen. Überhaupt glauben wir ja nicht mehr an viele Götter, sondern eher daran, dass es gar keinen Gott gibt. Die Vorstellung, dass man einen Gott anbetet, und dass er oder sie dafür Hilfe und Erfolg gewährt, haben wir hinter uns gelassen. Glauben wir. Ich sehe das anders. Viele Menschen glauben vielleicht nicht mehr an einen Gott, den man wie eine Person ansprechen kann. Aber einen Gott oder gleiche mehrere Götter haben die meisten Menschen trotzdem. Sie nennen es nur nicht so.

     

    Da ist der Unternehmer, dessen ganzer Lebensinhalt seine Firma darstellt. Es geht ihm vielleicht nicht einmal darum, mit seiner Arbeit reich zu werden, das ist vielleicht ein Nebeneffekt. Es geht ihm darum, etwas aufzubauen, das von anderen bewundert wird und das er vielleicht einmal seinen Kindern vererben kann. Er lebt und arbeitet nur mit Blick auf sein Unternehmen. Seine Hingabe grenzt an Verehrung.

     

    Da sind die Fußballfans, die auf Gedeih und Verderb zu ihrem Verein halten. Deren einziges Gesprächsthema die nächste Meisterschaft, der Abstieg aus der oder der Aufstieg in die Bundesliga ist. Wo jede noch so winzige Entscheidung und Äußerung des Vereinsvorstandes, jedes Spiel, jedes kleine Detail erörtert wird, als sei es das einzige, was im Leben wichtig sei. Wo man als Besucher im Stadion, der nicht in diese besondere Fangruppe gehört, manchmal den Eindruck hat, man sei in einer Art religiöser Feier gelandet. Wo gerade jetzt in der Zeit der Geisterspiele darunter gelitten wird, dass man das Ritual der anfeuernden Gesänge für die eigene Mannschaft gerade nicht zelebrieren kann.

     

    Da ist der Mensch, der ganz in seiner Familie aufgeht. Jedes eigene Bedürfnis wird zurückgestellt, weil Partner und Kinder und ihr Wohlergehen scheinbar über allem anderen stehen müssen.

     

    Da gibt es den Menschen, der immer das neueste technische Wunderwerk im Haus haben muss. Was immer neu erfunden und zum Kauf angeboten wird, es muss angeschafft werden. Und wenn das Geld dafür geliehen wird.

     

    Da gibt es Menschen, die leben nur für ihren Reichtum. Es kommt gar nicht darauf an, was man mit dem Vermögen anstellen kann, nur es zu haben und zu mehren ist Mittelpunkt des Lebens.

     

    Sie können sich selbst überlegen, was Ihnen noch einfällt, was zum Lebensinhalt, man könnte sagen, zum Lebenssinn werden kann. Im Grunde ist alles denkbar, was es so gibt – sogar bis hinein in Abhängigkeit und Sucht. Nun würden wir niemals auf die Idee kommen, zu sagen, das alles sind Götter, in der einen oder anderen Weise. Aber eigentlich ist das gar nicht so weit von der Wahrheit entfernt. Martin Luther schreibt in seiner Erklärung zum ersten Gebot: Woran du nun dein Herz hängst, das ist eigentlich dein Gott.

     

    Die Götter der Gegenwart – sie sind nicht persönlicher Art. Aber sie haben genau so viel Einfluss auf unser Leben wie die Götter des Alten Orients auf die Menschen damals. Und eines haben alle dieser Götter, alte, wie neue, gemeinsam: Sie sind unbarmherzig. Sie müssen besänftigt und genährt werden mit unserer Verehrung. Ganz egal, ob es der zürnende Marduk der Babylonier ist, der ein Opfer fordert oder die Unternehmenskrise, die die ganze Aufmerksamkeit des Chefs erfordert, so sehr, dass alles andere hinten an stehen muss und in Vergessenheit geraten mag. Und wehe, wir folgen den unbarmherzigen Forderungen nicht. Unser Gewissen, unser Misserfolg, unsere Angst werden uns plagen.

    3.    Der barmherzige Gott

    Wo ist solch ein Gott, so wie du? Der Gott Israels ist anders. Gnade und Barmherzigkeit sind seine Art, mit seinen Leuten umzugehen. Der Predigttext spricht in großer Gewissheit davon. Der Gott Israels, Jahwe, unterscheidet sich von den Göttern der alten Zeit und von den Götter unserer Zeit. Zielverfehlung, Missachtung, Nachlässigkeit in der Verehrung straft er nicht gnadenlos mit Misserfolg, Armut, Unglück und Einsamkeit. Der Gott Israels ist ein persönlicher, ein zugewandter Gott. Er rechnet nicht Auge um Auge ab, wie du mir, so ich dir. Zum Glück nicht. So oft, wie wir Menschen unseren Schöpfer missachten, wenn das jedes Mal auch durch Missachtung von Gottes Seite beantwortet würde, dann hätten wir große Probleme.

     

    Gott sei Dank erbarmt sich der große Gott über seine Welt und seine Menschen. Er lässt uns nicht fallen. Unsere Sünde, die Zielverfehlung unseres Lebens, eben, dass wir uns andere Götter suchen als den einen, wahren Gott, straft er nicht gnadenlos. Eher nimmt er selber in Jesus die Strafe auf sich. Er bleibt uns zugewandt und wartet, dass wir uns ihm auch zuwenden. Damit wir nicht von unseren selbstgemachten Göttern erbarmungslos versklavt werden, sondern frei leben können.

     

    Wo ist solch ein Gott, so wie du?

    Amen.

     

    Der Friede Gottes, der höher ist als alle Vernunft, bewahre eure Herzen und Sinne in Christus Jesus, unserem Herrn.

    Amen.

  • Predigt zum 2. Sonntag nach Trinitatis (21.06.2020)

     

    Predigt Matthäus 11,25-30

    Gnade sei mit Euch und Friede von Gott unserm Vater und dem Herrn Jesus Christus. Amen.

    Lastenheber

    Liebe Gemeinde!

    Haben Sie beim Heimbringen ihrer Einkäufe schon einmal gedacht: „Man bringe einen hydraulischen Lastenheber“, weil die Menge und das Gewicht der Einkäufe doch sehr umfangreich war?

     

    Mussten Sie schon einmal an ihrem Auto ein Rad wechseln, weil der Reifen platt war und der Wagenheber wollte einfach das Auto nicht anheben, weil er nicht richtig funktioniert hat?

     

    Haben Sie schon einmal einen schweren Stein vom Acker heben müssen? Der Frontlader eines Bulldog hilft weiter, wenn man denn einen zur Verfügung hat.

     

    Unsere Kinder haben einmal zu Weihnachten einen Flaschenzug geschenkt bekommen. Es war immer wieder spannend, damit zu experimentieren, was für Lasten man damit heben kann, die ohne die Hilfe nicht zu tragen gewesen wären.

     

    Um einen Lastenheber ganz anderer Art dreht sich unser heutiger Predigttext.

    Predigttext:

    25Zu der Zeit fing Jesus an und sprach: Ich preise dich, Vater, Herr des Himmels und der Erde, dass du dies Weisen und Klugen verborgen hast und hast es Unmündigen offenbart. 26Ja, Vater; denn so hat es dir wohlgefallen. 27Alles ist mir übergeben von meinem Vater, und niemand kennt den Sohn als nur der Vater; und niemand kennt den Vater als nur der Sohn und wem es der Sohn offenbaren will.

    28Kommt her zu mir, alle, die ihr mühselig und beladen seid; ich will euch erquicken. 29Nehmt auf euch mein Joch und lernt von mir; denn ich bin sanftmütig und von Herzen demütig; so werdet ihr Ruhe finden für eure Seelen. 30Denn mein Joch ist sanft, und meine Last ist leicht.

    1.    Belastet und beladen

    Wie wir in den Beispielen manchmal ganz praktische Lasten bewegen müssen, die ohne Hilfe nicht zu bewältigen sind, so gibt es auch noch ganz andere Lasten. Menschen können „mühselig und beladen“ sein. Wahrscheinlich haben Sie alle irgendeine Vorstellung davon, was das heißen könnte, „mühselig und beladen“. Im Moment ist sicher die von Sars-CoV-2 ausgelöste Covid19-Pandemie eine der größten Lasten, die uns mühselig und beladen macht.

     

    Da ist zum einen die Angst vor der Krankheit selbst. Auch wenn nur etwa ein fünftel der Menschen, die sich anstecken, schwere Symptome entwickelt, so ist diese Angst doch da. Denn niemand kann im Moment zuverlässig sagen, wer wie schwer erkranken wird. Es gibt keinen Impfschutz und keine wirksamen Medikamente, also kann sich theoretisch jeder anstecken. Wir wissen, das Menschen mit Vorerkrankungen und Menschen über 60 Jahren ein höheres Risiko für schwere Symptome haben. Aber das ist Statistik. Statistik sagt nie etwas über den Einzelfall. Und so bleibt die Sorge immer im Hintergrund: Was wäre, wenn …

     

    Zum anderen hat die Pandemie eine Reihe von Begleiterscheinungen. Viele haben wir in den Monaten März und April selbst sehr deutlich erfahren. Kontaktverbote, die dazu führten, das wir keine Gottesdienste feiern konnten. Geschlossene Gemeindehäuser, wodurch alle unsere Veranstaltungen abgesagt werden mussten. Sogar Ostern ohne Gottesdienst uns die Konfirmation musste auch verschoben werden. Und weil ja die grundsätzliche Ansteckungsgefahr nicht vorbei ist, bleiben viele Vorsichtsmaßnahmen bestehen. Das Gemeindehaus ist immer noch geschlossen. Gerade im Moment wird an Konzepten gearbeitet, wie die kirchliche Musikarbeit wieder beginnen kann: Belcanto und unser Posaunenchor würden gerne wieder proben, aber unter den Schutzbestimmungen ist das gar nicht so einfach.

     

    Eine weitere Begleiterscheinung ist eine vielleicht folgenschwere Wirtschaftskrise. Es kann noch niemand recht überblicken, welche Folgen der mehrwöchige Shutdown mittelfristig haben wird, aber das viele kleinere Unternehmen in wirtschaftliche Not geraten sind und nur durch staatliche Hilfe weiter machen können, ist jetzt schon klar. Ob die seit Jahren zurück gehende Arbeitslosigkeit auch weiterhin niedrig bleiben wird, oder ob uns die Pandemie neue Massenarbeitslosigkeit wie in den 90ern beschert, ist noch unklar. Im Moment sieht es aber nicht allzu gut aus – und in vielen anderen Ländern wie z.B. den USA ist es noch viel schlimmer als bei uns.

     

    Die Pandemie hat zudem völlig in den Hintergrund gedrängt, dass das Flüchtlingsproblem ja auch noch weiter besteht. Immer noch versuchen Menschen, auf völlig überladenen Schlauchbooten und lecken Seelenverkäufern über das Mittelmeer nach Europa zu kommen. Immer noch herrscht in Syrien Bürgerkrieg, wird im Jemen ein Stellvertreterkrieg zwischen Saudi-Arabien und dem Iran geführt, in den auch viele andere Staaten irgendwie verwickelt sind. Immer noch geschehen Verbrechen und wird völlig überzogene Gewalt gegen Menschen geübt. Immer noch herrscht an vielen Orten der Welt das Recht des Stärkeren und nicht die Würde des und der Respekt vor dem Menschen. Immer noch werden Profitinteressen vor den Schutz von Leben und Umwelt gestellt.

     

    Vieles, was ich jetzt aufgezählt habe, ist irgendwie kollektive Schuld. Wir wissen, wir hängen da mit drin, haben auch einen Teil an Verantwortung. Aber wir können nichts unmittelbar ausrichten, um die Situation zu verändern. Es ist auch schwierig, Schuld konkret zuzuweisen oder schuldige Personen zu benennen. Es genügt eigentlich schon, zu leben, um in diese Zusammenhänge verstrickt zu sein. Kein Mensch hat eine weiße Weste. Schuldlos leben geht nicht. Dazu gibt es noch die Last persönlicher Schuld, von Dingen, die ich gesagt oder getan habe, und die sich im Nachhinein als falsch, ungerecht oder schlicht böse heraus stellen. Manchmal weiß ich das sogar vorher und tue es trotzdem.

     

    Zu erkennen, dass wir als Menschen nicht schuldlos leben können, dass wir immer einen Teil von Verantwortung mittragen, dass schreckliche Dinge passieren, auf die wir keinen Einfluss haben, unter denen wir aber leiden oder mitleiden, das macht uns mühselig und beladen. Entweder es quält uns oder unsere Empathie und unser Gewissen stumpfen irgendwann ab. Man könnte daran verzweifeln.

    2.    Erfrischt und entlastet

    Haben Sie den Wochenspruch noch im Ohr: „Kommt her zu mir, alle, die ihr mühselig und beladen seid; ich will euch erquicken.“ Jesus gibt die Antwort auf die Lasten, die uns bedrücken, niederdrücken, erdrücken wollen. Alle, die mühselig und beladen sind, kommt zu Jesus, dem Sohn Gottes. Die Lasten sind da, das kann niemand bestreiten. Aber ebenso ist Jesus da, der Lastenheber. Niemand muss die Last seines Lebens, seiner Sorgen, seiner Fragen, seiner Ängste und Zweifel alleine tragen. Das Gefühl, allein zu sein, ist die größte Anfechtung. Aber wir leben eben nicht in einer gottverlassenen Gegend, sondern in der Gegenwart von Jesus, der uns zu sich ruft.

     

    Eigentlich feiern wir am 2. Sonntag nach Trinitatis das Heilige Abendmahl, um diese Einladung, die Jesus da ausspricht, nicht nur zu hören, sondern auch sinnlich zu spüren. Unter den Bedingungen der Corona-Pandemie müssen wir im Moment aus Gründen des Infektionsschutzes noch darauf verzichten. Aber die Einladung, zu Jesus zu kommen, gilt auch ohne Abendmahl: Ich will euch erquicken. Die Last eures Lebens ist zu schwer, als dass ihr sie alleine tragen könntet. Jesus lädt uns ein, diese Lebenslast bei ihm abzulegen. Dafür legt er uns seine Last auf – eine leichte Last. Er spannt uns in sein Joch ein – ein sanftes Joch. Das Bild vom Joch ist heute vielleicht nicht mehr ganz zeitgemäß. Niemand von uns möchte sich gerne wie ein Arbeitstier einspannen lassen oder gar unterjochen lassen. Aber das Bild vom sanften Joch geht über das eingespannt sein hinaus. Sanft ist das Stichwort. Ein sanftes Joch war in der Zeit Jesu eines aus poliertem Holz, ohne Spreißel, dass den Lasttieren so gut angepasst wurde, dass es keine Qual war, es zu tragen. Es gab Joche auch aus grobem Holz, die scheuerten und drückten. Gerade dieses grobe Joch nimmt Jesus von unserem Hals herunter, und gibt uns eines, das zu uns passt, das wir gut tragen können.

     

    Ein Joch braucht man nur, wenn man mit mehr als einem Ochsen den Pflug oder den Karren ziehen will. Wer sich von Jesus einladen lässt, dem nimmt Jesus nicht nur das Joch seiner Lebenslast ab, er wird auch mit anderen zusammen gespannt. Gemeinsam schafft man mehr als einer allein. Das ist das Kennzeichen von Gemeinde. Da sind Menschen zusammen, die von Jesus erfrischt uns entlastet sind. Da sind Menschen zusammen, die die leichte Last Jesu tragen wollen, statt der schweren Lasten, die das Leben sonst mit sich bringt. Bleibt noch die Frage, was diese leichte Last sein mag, von der Jesus redet. Der Text gibt keine direkt Antwort, aber ich glaube, es geht auch hier um das, was Jesus überhaupt seinen Leuten aufträgt: Liebe Gott von ganzem Herzen und deinen Nächsten wie dich selbst. Das ist genug. Alle anderen Lebenslasten dürfen wir ablegen, uns in der Liebe Gottes wärmen lassen und ausruhen, und erfrischt und befreit Liebe weiter geben, wo wir können. Und auch das tun wir nie allein und auf uns selbst gestellt. Wir stehen als Glaubende gemeinsam vor Gott, und Jesus, der Lastenheber, ist durch seinen Geist immer bei uns.

    Amen.

     

    Der Friede Gottes, der höher ist als alle Vernunft, bewahre eure Herzen und Sinne in Christus Jesus, unserem Herrn.

    Amen.

  • Predigt zum 1. Sonntag nach Trinitatis (14.06.2020)

    Liebe Gemeinde,

    stellen Sie sich ein Ehepaar im Ruhestand vor: Vergangenes Jahr sind sie Großeltern geworden, gleich zweimal. Es ist für sie das größte Glück, Zeit mit den Enkelkindern zu verbringen. Jede Woche gab es, bevor die Corona Krise begann, einen »Enkeltag«. Das war in der Wochenplanung ganz fest vorgesehen, und diesem Termin musste alles andere weichen. Und jetzt kehrt so langsam das Leben, wie es vor der Corona Krise war, wieder zurück und die beiden freuen sich auf ihre Enkelkinder.

     

    Die beiden Rentner haben beschlossen, da sie selbst finanziell gut hinkommen, für ihre Enkelkinder etwas Geld zur Seite zu legen. Zinsen gibt es ja nicht groß, aber ein bisschen was wird schon herausspringen. Der Besuch bei der Bank hat die beiden Großeltern allerdings ziemlich verwirrt, weil der Berater ihnen die vielfältigen Möglichkeiten zur Geldanlage präsentiert hat. Und wie undurchschaubar viele Anlagefonds sind! Ohne es zu wissen investiert man mitunter in Unternehmen, die mit Nahrungsmitteln spekulieren oder mit Waffen in aller Welt handeln. Aber wäre das in Ordnung? Mit dem Hunger anderer oder mit der Ausrüstung von Kindersoldaten in Bürgerkriegsländern die finanzielle Zukunft der eigenen Enkel absichern? Irgendwie stimmt da etwas nicht. Also, was tun?

     

    Viele Fragen unserer Zeit sind ähnlich kompliziert wie die, die das Ehepaar mit der Geldanlage hat. Von der Diskussion um Organspende über Chancen und Probleme der Digitalisierung bis hin zu den Maßnahmen im Klimaschutz ist alles so vielschichtig. Und wenn wir dann die Maßnahmen zur Eindämmung der Corona Krise verfolgt haben, dann konnten wir da überall von Expertinnen und Experten hören – und oft war das alles auch manchmal sehr verwirrend. Schön wäre es, wenn es hier ganz klare, eindeutige Anweisungen gäbe. Einfach um zu wissen, wo es langgeht. Doch so einfach ist das nicht. Auch der Blick in die Bibel bringt bei solchen Fragen nicht das gewünschte Ergebnis. Sie enthält weder das Kapitel zur Digitalisierung noch den Merkvers zum Klimaschutz noch den Hinweis auf den vorzüglichen Aktienfonds. Wenn wir direkt anwendbare Angaben zu den Themen unserer Zeit suchen dann werden wir nicht sehr fündig. Dennoch gilt auch umgekehrt: Wenn die Bibel zu all den Fragen unserer Zeit nichts zu sagen hätte, wäre es um ihre Orientierungskraft schlecht bestellt. Aber so ist es nicht. Unser Ruheständlerehepaar könnte durchaus etwas mitnehmen zum Problem bei der Geldanlage für die Enkelkinder. Gerade am heutigen Sonntag, der sich im Kirchenjahr besonders auf das Leben von Propheten und Aposteln konzentriert, bietet der Predigttext eine Orientierung an.

     

    Wir hören einen Abschnitt aus dem vierten Kapitel in der Apostelgeschichte des Lukas:

    Predigttext

    32Die Menge der Gläubigen aber war ein Herz und eine Seele; auch nicht einer sagte von seinen Gütern, dass sie sein wären, sondern es war ihnen alles gemeinsam. 33Und mit großer Kraft bezeugten die Apostel die Auferstehung des Herrn Jesus, und große Gnade war bei ihnen allen. 34Es war auch keiner unter ihnen, der Mangel hatte; denn wer von ihnen Land oder Häuser hatte, verkaufte sie und brachte das Geld für das Verkaufte 35und legte es den Aposteln zu Füßen; und man gab einem jeden, was er nötig hatte.

     

    36Josef aber, der von den Aposteln Barnabas genannt wurde - das heißt übersetzt: Sohn des Trostes -, ein Levit, aus Zypern gebürtig, 37der hatte einen Acker und verkaufte ihn und brachte das Geld und legte es den Aposteln zu Füßen.

    Genug für alle

    Keiner leidet Mangel, weil alle alles gemeinsam besitzen. So beschreibt Lukas die urchristliche Gemeinde. Nach dem begeisternden Pfingsterlebnis gehen die Christen in Jerusalem ihren Weg, angeleitet von Petrus und den anderen Aposteln. Und das sieht in der Rückschau des Lukas so aus: Kein Mangel, weil alle füreinander sorgen. Kritik an dieser Beschreibung lässt nicht lange auf sich warten.

     

    »Weltfremder Kitsch« sei das doch, hallt es dem Text entgegen. Utopisch, dass alle verkaufen, was sie haben und es der Gemeinschaft stiften. Und dann dieses rosarote Gefasel von wegen »ein Herz und eine Seele« – kitschig und weltfremd eben. Damit nicht genug. Die Vorwürfe an den kurzen Abschnitt aus der Apostelgeschichte kommen noch aus einer ganz anderen Richtung: »Gefährlicher Kommunismus « werde hier stark gemacht! Allen gehört alles. Das sei doch ein Bild vom Zusammenleben, das Privateigentum verteufelt und abschaffen will. Müssen wir dann etwa Besitz enteignen? Die Geschichte hat doch gezeigt, dass der Kommunismus nicht funktioniert, dass er auf dem Weg seines Scheiterns nur Unterdrückung und Unfreiheit hervorbringt. Also: Von »weltfremder Kitsch« bis hin zu »gefährlicher Kommunismus«! Bei solch einer Bandbreite an Vorwürfen lohnt es sich, den Abschnitt aus der Apostelgeschichte genauer unter die Lupe zu nehmen.

     

    »Ein Herz und eine Seele« seien die Christen der Urgemeinde gewesen, hören wir. Genau genommen spricht da aber nicht so sehr der Verfasser Lukas, sondern der Übersetzer Martin Luther. Seine sprichwörtlich gewordene Übertragung ins Deutsche steht für ein romantisches Ideal von Eintracht. Das biblische Wort betont aber etwas anderes: Hier geht es um Herz und Seele als zwei wesentliche Aspekte dessen, was den Menschen ausmacht. Sein Denken und Fühlen ist gemeint, seine ganze Haltung. Für Hörerinnen und Hörer, die diesen Abschnitt vor einem jüdischen Hintergrund hörten, war die Sache völlig klar. Wie im berühmten »Schma Israel« – dem jüdischen Glaubensbekenntnis – wie dort von Herz, Seele und Kraft die Rede ist, so ist auch hier der ganze Mensch in seinem Denken, Tun und Wollen angesprochen. Also kein romantischer Harmoniekitsch, sondern ganz wesentlich eine Frage der Haltung. Die grundlegende Einstellung der ersten Christen war eine ganz bestimmte, so kann man Lukas wiedergeben.

     

    Was das für eine Haltung war, beschreiben die Verse ziemlich genau. Es geht dabei um zweierlei. Das Eine ist das Fundament, die absolute Grundlage: »Mit großer Kraft bezeugten die Apostel die Auferstehung des Herrn Jesus«. Ohne diese Verkündigung und ohne das Vertrauen auf diese Kraft gäbe es die Jerusalemer Urgemeinde nicht – gäbe es überhaupt keine christliche Gemeinde. Von Anfang an, schon in der Pfingstpredigt des Petrus und dann immer wieder betont Lukas dieses Fundament. Das Andere ist davon nicht zu trennen: »Auch nicht einer sagte von seinen Gütern, dass sie sein wären, sondern es war ihnen alles gemeinsam«. In »Herz und Seele« oder »Denken und Fühlen« oder auch »in der innersten Einstellung« gehört für Lukas beides untrennbar zusammen: das Vertrauen auf die Auferstehung Jesu und die Für-sorge für den, der womöglich Mangel leiden müsste, weil er zu wenig zum Leben hat. Erst wo beides zusammenkommt, ergibt sich, was Lukas so in Worte fasst: »Und große Gnade war bei ihnen allen«. Aus dem theologischen und oft auch theoretischen Glauben sollte auch bei uns ein praktischer Glaube werden, der zupackt dort wo Mangel herrscht. Das konnten wir in den letzten Wochen vielerorts erfahren.

     

    Bleibt allerdings noch immer der Zweifel daran, ob Lukas nicht doch zu weit geht. Allen soll alles gehören? Gemeindeeigener Besitz anstelle von Privateigentum? Tatsächlich aber ist die Apostelgeschichte in dieser Sache viel bescheidener. Sie spricht keineswegs davon, dass aller Besitz zugunsten der Gemeinschaft veräußert werden musste. Gemeint ist vielmehr, dass wohlhabende Gemeindeglieder das verkauften, was sie durch Geschäfte hinzuerworben hatten. So gewonnenes Geld wurde der Gemeinschaft für die Armenfürsorge zur Verfügung gestellt. Um Missverständnisse zu vermeiden: Das ist immer noch eine ganze Menge, ein herausfordernder Schritt im eigenen Leben für jeden einzelnen. Wie schwer, das zeigt Lukas im Folgekapitel. Es erzählt von zwei Gemeindegliedern, die sich nicht dazu überwinden konnten, den eigenen Zugewinn zu spenden. Weltfremd, nein weltfremd ist die Apostelgeschichte nicht.

     

    Die Haltung prägt das Handeln. Der Glaube an die Auferstehung lässt sich nicht von der Sorge um die Bedürftigen trennen. »Große Gnade« ist da, wo beides zusammenkommt. Auch wenn ihnen das einleuchtet, wissen unsere beiden engagierten Großeltern vom Anfang noch nicht recht weiter. Was hilft das vorbildliche Leben der Apostel und der ganzen Urgemeinde in der Sache mit der Geldanlage für die Enkelkinder?

     

    Den eigenen Besitz zu teilen, um Mangel zu vermeiden, das ist heute Thema wie eh und je. Ressourcen unserer Welt schonen. Sie in einer Art verwenden, dass es nicht auf Kosten von Umwelt und unseren Mitmenschen geht. Das heißt nichts anderes als deren Mangel zu vermeiden. Darum können wir in einer Welt, die enger zusammengerückt ist als jemals zuvor, unser Handeln nicht allein auf die Gemeinschaft der Glaubenden konzentrieren. Ob Christen oder nicht – Menschen, die Mangel leiden, brauchen, dass wir fair handeln.

     

    Unsere beiden Großeltern aus der Momentaufnahme vom Beginn wollen das ganz konkret werden lassen. Sie haben sich vorgenommen, noch einmal zur Bank zu gehen. Doch diesmal haben sie vorher in einer Broschüre der Evangelischen Kirche gelesen, die Hinweise gibt zum sogenannten »ethischen Investment«. Es geht darum, Geldanlagen zu meiden, die auf Kosten anderer Menschen und der Umwelt Gewinne machen. Das Spekulieren mit Nahrungsmitteln oder der Handel mit Waffen sollen ausgeschlossen werden. Mit Hunger und Leid soll kein Gewinn möglich sein. Die beiden Rentner werden ihren Bankberater fragen, ob die Angebote, die er ihnen vorlegt, nachhaltig und fair sind. Ob sie klimaverträglich sind. Ob sie dem Frieden in der Welt dienen. Denn so und nicht anders wollen sie das Geld für ihre Enkel zurücklegen. Wenn er ihnen keine Antwort auf ihre Fragen geben kann, dann werden sie woanders weitersuchen. Und noch etwas haben die beiden sich vorgenommen: Auch in ihrer Kirchengemeinde wollen sie sich erkundigen, wie sie ihre Rücklagen anlegt. Denn es soll doch beides zusammenkommen: Der Glaube an die Auferstehung und die Sorge um die Bedürftigen. Es soll ein gläubiges Handeln und ein handelnder Glaube entstehen.

    Amen.

     

    Prädikant Martin Dörr

  • Predigt zu Trinitatis (07.06.2020)

    Predigt 4. Mose 6,22-27

    Gnade sei mit Euch und Friede von Gott unserm Vater und dem Herrn Jesus Christus. Amen.

    Der Segen

    Liebe Gemeinde, ich lese den Predigttext für das heutige Trinitatisfest. Er wird ihnen bekannt vorkommen:

    Predigttext:

    22Und der HERR redete mit Mose und sprach: 23Sage Aaron und seinen Söhnen und sprich: So sollt ihr sagen zu den Israeliten, wenn ihr sie segnet: 24Der HERR segne dich und behüte dich; 25der HERR lasse sein Angesicht leuchten über dir und sei dir gnädig; 26der HERR hebe sein Angesicht über dich und gebe dir Frieden. 27So sollen sie meinen Namen auf die Israeliten legen, dass ich sie segne.

    1.    Gottes Name

    Wir feiern das Fest der Dreieinigkeit. Im Glaubensbekenntnis sprechen wir von Vater, Sohn, heiligem Geist. In dem Lied, das wir gerade gehört haben, wurde dieses Glaubensbekenntnis in moderner Form vertont. Aber wer ist eigentlich dieser Gott, von dem wir sagen, er sei „drei in eins“?

    Der Predigttext führt uns zurück in eine Zeit, als die Götter zueinander in Konkurrenz standen. Vielleicht kennen Sie den Text von Mose am brennenden Dornbusch, der nach dem Namen Gottes fragt. Wie sollen wir dich anreden – wer bist du? Das ist die Frage hinter dem Namen. Die Menschen dieser Zeit, in der ägyptischen Hochkultur, kannten nur Götter, die man mit Namen bezeichnet. Isis, Osiris, Anubis, Ra, das sind Namen einiger ägyptischer Götter. Auch die Hebräer, die zum Volk Gottes wurden, kannten die Namen dieser Götter. Und nun ist von Gott die Rede, der Mose erschienen ist. Da stellt sich zu Recht die Frage: Welcher Gott denn? Wie heißt er?

    Und Gott offenbart seinen Namen: יהוה – Jahwe. Das Wort, abgeleitet vom hebräischen Wort für „sein, existieren“, ist schwer zu übersetzen. Es bedeutet ungefähr: Ich bin, der ich bin. Gemeint ist damit: Meine Existenz kann man nicht hinterfragen. Ich bin schon immer dagewesen und werde immer da sein. Ich bin da. Das heißt, im Namen Gottes liegt die Grundlage von allem, was ist. Alles, was geschaffen ist, aus und durch Gott geschaffen ist, hat seine Existenzgrundlage von diesem Gott her, der sagt: Ich bin da. Martin Buber, der jüdische Religionsphilosoph und Bibelübersetzer, übersetzt den Gottesnamen in seiner deutschen Übersetzung des AT deshalb mit: „Ich bin für Euch da.“

    Segen ist als erstes: den Namen Gottes, der da ist, über den Menschen auszusprechen: Der „Ich bin für Euch da“ segne dich und behüte dich. Das nicht nur eine liturgische Formel, das sind nicht nur Worte, die seit 3000 Jahren im Gottesdienst wiederholt werden. Es ist ein Auftrag Gottes an seine Menschen: So sollt ihr meinen Namen über der Gemeinde aussprechen. Die Gemeinde, damals nur Israel, heute auch die Gemeinde Jesu Christi, gehört sich nicht selbst. Sie gehört dem dreieinigen Gott. Deshalb wir der Name Gottes am Ende des Gottesdienstes über der Gemeinde ausgesprochen. Wir sollen das nicht vergessen: Wir gehen als die von diesem Gott beschenkten, erfüllten und geliebten Menschen aus dem Sonntag in den Alltag, aus dem geschützten Raum der Kirche in die Welt.

    2.    Gottes Angesicht

    Angeschaut werden, liebevoll, freundlich, wohlwollend – das tut gut. Wenn mir jemand in die Augen schaut, und ich zurück blicke in leuchtende, warme Augen, dann entsteht eine Verbindung. Durch Blicke, die signalisieren: Du bist mir willkommen, ich mag dich, ich respektiere dich, werde ich zum Leben ermutigt. Jahwe blickt uns so an, gnädig, leuchtend. Wir Menschen sind von klein auf darauf angewiesen, dass man uns anschaut. Die Mutter schaut ihr Kind mit liebvollem Blick an. Wo der liebevolle Blick fehlt, da fehlt eine Beziehung. Vielleicht lernt das Kind dann selber auch nicht, liebevoll auf andere zu schauen.

    Wir wollen auch, dass man uns anschaut, auch auf das schaut, was wir getan haben. Jedes Kind, das etwas gebaut, gemalt, gebastelt oder sonstwie gestaltet hat, wird so lange um Mutter oder Vater, die Erzieherin im Kindergarten oder eine andere Bezugsperson herum und auf sich aufmerksam machen, bis es sich und seine Arbeit präsentieren kann. Wir wollen wahrgenommen werden. Und wir wollen wertschätzend angeschaut werden, mit leuchtenden Augen, die sich über uns und mit uns freuen. Wir Menschen sind Beziehungswesen, weil wir Geschöpfe Gottes sind, der als dreieiniger Gott schon in sich selbst Beziehung ist und lebt. Darum ist das angesehen werden so wichtig für uns. Darum tun uns die leuchtenden, liebenden Augen so gut.

    Noch eine zweite Zusage über Gottes Angesicht wird im Segen zugesprochen: Jahwe erhebe sein Angesicht über dich. Neben den leuchtenden, liebenden Augen kann man sich noch ganz anders anschauen. Von oben herab, überlegen, überheblich. Der Blick von oben nach unten ist oft Ausdruck von Macht, Anmaßung und Geringschätzung. Wer mich von oben herab ansieht, der will mich klein machen, will, dass ich mich hilflos und gedemütigt fühle. Und er will sich dabei selbst stark und groß fühlen. Es passiert viel zu schnell, dass wir Menschen uns von oben herab ansehen. Der Amerikaner George Floyd, der bei einem Polizeieinsatz zu Tode kam, ist ein Beispiel dafür. Die Welle von Gewalt, die die berechtigten Proteste gegen Staatswillkür und systemische Diskriminierung begleiten, ist ein weiteres. Sie können diese Liste beliebig verlängern. Ich bin mir sicher, jeder von uns kennt Situationen, in denen er von oben herab auf andere Menschen geblickt hat, und ebenso solche, wo andere von oben herab geblickt haben.

    Gottes erhobenes Angesicht blickt anders. Es ist nicht der Blick von oben herab, sondern der aufschauende Blick. Es ist der Blick der Würdigung und der Hochschätzung, des Respekts und der Anerkennung, den Gott auf uns richtet. Wenn Gott sein Angesicht auf einen Menschen erhebt, dann nicht, um den Menschen klein zu machen und zu demütigen. Gott gibt uns indem, dass er sein Angesicht auf uns richtet, unserer Würde als Menschen. Wir sind seine geliebten Geschöpfe.

    3.    Gottes Frieden

    Schalom – Friede, das ist der letzte, was uns der Segen mitgibt. Frieden ist ein viel gebrauchtes Wort. Auch eines, das vielfach geschunden und missbraucht wurde. Die Römer brachten unter Gaius Julius Caesar die Pax Romana – den römischen Frieden. Allerdings gab es diesen Frieden erst nach vorherigen, blutigen Eroberungskriegen. Karl der Große wollte Gottes Frieden für die Sachsen – er verbreitete den Glauben mit Krieg und Gewalt. Wir leben in Mitteleuropa seit dem Ende des 2. Weltkriegs in Frieden – und haben doch, völkerrechtlich genau genommen, eigentliche nur eine Kapitulation mit Waffenstillstand. Da stellt sich die Frage: Frieden – was ist das eigentlich?

    Die Bibel redet von Schalom viel umfassender als nur in der Form „Abwesenheit von offener Gewalt“. Friede ist eigentlich „Heil“, ein Zustand, in dem Leben aller Art, alles von Gott geschaffene und gewollte Leben, wachsen und gedeihen kann. Wenn Gott seinen „Frieden setzt“ – so die wörtliche Übersetzung des Predigttextes, dann ist das ein Rechtsakt. Gott verpflichtet sich sozusagen, Frieden zu schaffen und zu erhalten. Zugleich ist es Heilszusage. Gott setzt Schalom – er setzt Beziehung zwischen Schöpfung und Schöpfer. Gott stiftet den Rahmen, der zum Leben nötig ist. Frieden und Sicherheit gehören ebenso dazu wie Gedeihen der Feldfrüchte und Gelingen der Arbeit. Und eben auch die Gegenwart Gottes – der Mensch lebt nicht vom Brot allein, sondern von einem jeden Wort, dass aus dem Munde Gottes geht. Dies alles, alles was unser Leben schützt, erhält, aber auch bereichert und schön macht, ist im Schalom Gottes enthalten. Dieser Frieden wird uns zugesprochen – immer wieder neu. Wir können uns das nicht selbst sagen, wir sind darauf angewiesen, dass es uns zugesagt wird. Frieden, angesehen werden, den Namen Gottes kennen und ihn ansprechen können – das alles ist Beziehungssache. Gott, der ins sich selbst als Vater, Sohn und heiliger Geist Beziehung ist, spricht uns seinen Segen zu uns stellt uns damit in den Raum der Gottesbeziehung hinein. Darin dürfen wir leben.

    Zum Schluss noch eine kleine Anekdote: Eine Tochter fragte ihren alten, schwerhörigen Vater, warum er darauf bestehe, sonntags in die Kirche zu gehen. Er könne ja doch nichts mehr verstehen von dem, was dort gesprochen werde. Der Vater antwortete: Aber ich weiß, dass ich gesegnet werde. Ich nehme den Segen mit.

    Amen.

    Der Friede Gottes, der höher ist als alle Vernunft, bewahre eure Herzen und Sinne in Christus Jesus, unserem Herrn.

    Amen.

  • Predigt zum Pfingstmontag (01.06.2020)

    Predigt Johannes 20,19-23

    Gnade sei mit Euch und Friede von Gott unserm Vater und dem Herrn Jesus Christus. Amen.

    Berufen und gesandt

    Liebe Gemeinde!

    Was macht und was ist eigentlich der Heilige Geist? Von Gott, dem Vater redet das apostolische Glaubensbekenntnis als Schöpfer Himmels und der Erde. Von Jesus Christus, dem Sohn Gottes, sehr ausführlich als Retter und Erlöser, Weltenherrscher und Weltenrichter. Aber was ist mit dem heiligen Geist? Scheinbar wird über den Geist Gottes im Glaubensbekenntnis wenig gesagt. Ich glaube an den heiligen Geist, die heilige christliche Kirche usw. Ich glaube, dass es den heiligen Geist gibt. War das dann schon alles? Ist da nicht mehr zu sagen?

    Predigttext:

    19Am Abend aber dieses ersten Tages der Woche, da die Jünger versammelt und die Türen verschlossen waren aus Furcht vor den Juden, kam Jesus und trat mitten unter sie und spricht zu ihnen: Friede sei mit euch! 20Und als er das gesagt hatte, zeigte er ihnen die Hände und seine Seite. Da wurden die Jünger froh, dass sie den Herrn sahen. 21Da sprach Jesus abermals zu ihnen: Friede sei mit euch! Wie mich der Vater gesandt hat, so sende ich euch. 22Und als er das gesagt hatte, blies er sie an und spricht zu ihnen: Nehmt hin den Heiligen Geist! 23Welchen ihr die Sünden erlasst, denen sind sie erlassen; welchen ihr sie behaltet, denen sind sie behalten.

    1.    Furcht

    „Gott hat uns nicht einen Geist der Furcht gegeben, sondern der Kraft, der Liebe und der Besonnenheit.“ Diesen Vers aus dem 2. Timotheusbrief konnte man in den vergangenen Wochen immer wieder hören und lesen. Daran müssen wir immer wieder erinnert werden, denn Furcht, Angst, ist ein Teil unseres Lebens. In unserer wohlgeordneten Welt, in der es gegen alles und jedes eine Versicherung gibt, kann man die Furcht mit menschlichen Mitteln gelegentlich verdrängen. Wir glauben, wir hätten das Leben in seiner ganzen Breite und Fülle in den Händen und könnten alles kontrollieren. Die Corona-Pandemie hat uns mit aller Macht eindringlich daran erinnert, dass wir die Welt und das Leben nicht in den Händen haben, dass wir nicht alles kontrollieren und uns auch nicht gegen alles absichern können. Zurück zur Natur, die Umwelt vor der Zerstörung durch den Menschen schützen, dass sind wichtige und wertvolle Ziele. Aber jetzt erschrecken wir darüber, dass eben diese Natur auch hart und gefährlich sein kann. Die Furcht vor der Gefahr, der wir nicht entgehen können, ist wieder zurück.

     

    Die Jünger, die in einem Haus in Jerusalem versammelt waren, fürchteten sich auch, allerdings aus einem anderen Grund. Sie fürchteten die Nachstellungen der Leute, die Jesus ans Kreuz gebracht hatten. Wenn sie vor Jesus, dem Wunderheiler und Wanderprediger, der nie einem Menschen ein Leid zugefügt hat, nicht zurückschrecken, dann werden sie seine Anhänger wohl erst recht verfolgen. Und so verstecken sie sich hinter verschlossenen Türen. Tun so, als wäre niemand zu Hause, wenn es klopft. Die Furcht vor der jüdischen Obrigkeit hat sie so im Griff wie uns die Furcht vor dem Virus und all den Folgen, die die Pandemie mit sich bringt.

    2.    Freude – Friede

    In die Furcht hinein tritt Jesus und spricht seinen Jüngern seinen Frieden zu: Friede sei mit euch – auf Hebräisch: Schalom alechem. Der Gruß und die Begegnung verändern alles. Sie wurden froh, als Jesus sich ihnen eindeutig zu erkennen gibt. Die Verletzungen an den Händen und an der Seite von der Kreuzigung sind noch deutlich zu sehen. Er ist es. Das verändert alles. Wenn nicht einmal der Tod Jesus festhalten kann, was sollen dann die Gegner ausrichten. Wo Jesus ist, weicht die Furcht.

     

    Leider ist das schnell erzählt und schön zu lesen, aber zur Zeit bei uns nicht ganz so einfach. Jesus ist in die Welt Gottes zurückgekehrt. Wir sehen ihn nicht, auch wenn wir glauben, dass er lebt und wirkt. Wir können uns gegenseitig das „Friede sei mit dir“ zusprechen. Wir tun das normalerweise dann, wenn wir das Heilige Abendmahl feiern. Der persönliche Friedensgruß ist eine Erinnerung an den Gruß, den Jesus seinen Jüngern zugesprochen hat. Der Handschlag oder die Umarmung dabei sind spürbare Zeichen des Zuspruchs. Wir glauben, dass Jesus selbst in Brot und Wein unter uns anwesend ist. Doch alles das fällt jetzt weg. Wir dürfen im Moment kein Abendmahl feiern, keinen Friedensgruß mit Handschlag zusprechen. Der nötige Abstand zum Infektionsschutz wäre dabei schlicht nicht möglich. Wie kann Freude und Friede Jesu denn dann zu uns kommen? Es kann doch nicht sein, dass unser Gott vor den Begrenzungen einer Pandemie halt machen muss – nur weil wir unsere gewohnten Rituale nicht durchführen können.

    3.    Auftrag

    Was macht der heilige Geist? Im dritten Artikel des Glaubensbekenntnisses steht „ich glaube an die Vergebung der Sünden“. Jesus sagt seinen Jüngern: Nehmt hin den heiligen Geist: Welchen ihr die Sünden vergebt, denen sind sie vergeben. Vergebung und heiliger Geist werden ihr irgendwie verbunden.

     

    Was heißt denn „Vergebung der Sünden“? Doch nichts anderes, als dass alles, was mich als Mensch von Gott trennt, weggeräumt ist. Die Zielverfehlung meines Lebens, alles Streben nach falschen und letztlich vergänglichen Werten, alle Lieblosigkeit, alle Gottvergessenheit, alles das ist weggenommen. Vergeben und erledigt. Es muss mich nichts altes mehr belasten und festhalten. Aber sind das nicht nur Worte? Sagen kann man viel, wenn der Tag lang ist. Ich glaube, dass es das Werk des Heiligen Geistes ist, wenn ich das glauben kann, geradezu körperlich spüre, wie eine Last von mir abfällt.

     

    Und warum dürfen Menschen einander so etwas zusagen? An einer anderen Stelle in der Bibel heißt es doch, Gott allein kann Sünden vergeben. Auch das ist ein Werk des Heiligen Geistes. Diese Kraft Gottes, deren Wirkung man spüren kann, die man aber wie den Wind nicht sehen kann, gibt uns die Vollmacht dazu. Das Geschenk des Geistes ist eine Gabe Gottes für jeden Menschen, der an ihn glaubt. Wir brauchen dafür keine besonderen Gebete oder außergewöhnliche Erlebnisse. Niemand muss erst ein Jahr ins Kloster gehen oder eine Pilgerreise machen, um Gottes Geist zu bekommen. Der Geist Gottes schenkt manchmal besondere Erfahrungen. Die besonderen Erfahrungen machen uns aber nicht erst zu richtigen Christen. Jedem gilt das „nimm hin den Heiligen Geist“. Genauso gilt jedem der Auftrag: Wie mich mein Vater gesandt hat, sende ich Euch. Wir sind an die Welt gewiesen, an unsere Mitmenschen. Wir können vielleicht gerade die meisten Menschen nicht umarmen, oder einander die Hände schütteln. Aber wir können mit Worten und, wo nötig, mit Taten Mut machen. Das ist unser Auftrag. Dazu ist der Heilige Geist gegeben. Er tröstet uns und hält uns mit Gott in Verbindung und er macht uns fähig, selbst zu trösten. Vielleicht ungelenk, unbeholfen, manchmal mit Ringen um Worte, die fehlen. Aber der Geist Gottes stellt sich dazu und sorgt dafür, dass die menschlichen Worte als Wort Gottes ankommen. Das gilt für jede Predigt, für jedes Gespräch, für jede Begegnung. Wir müssen uns auch nicht erst bewusst machen: „So, jetzt bin ich im Geist-Modus.“ Der Heilige Geist ist uns gegeben und heiligt das, was wir tun.

     

    Was macht der heilige Geist? Durch ihn wirkt Gott mit den Menschen, die an ihn glauben, in dieser Welt.

    Amen.

     

    Der Friede Gottes, der höher ist als alle Vernunft, bewahre eure Herzen und Sinne in Christus Jesus, unserem Herrn.

    Amen.

  • Predigt zu Pfingsten (31.05.2020)

    Predigt Apostelgeschichte 2,1-21

    Gnade sei mit Euch und Friede von Gott unserm Vater und dem Herrn Jesus Christus. Amen.

    Voll Begeistert

    Liebe Gemeinde!

    Hören wir auf den Predigttext zum Pfingstsonntag:

    Predigttext:

    1Und als der Pfingsttag gekommen war, waren sie alle beieinander an einem Ort. 2Und es geschah plötzlich ein Brausen vom Himmel wie von einem gewaltigen Sturm und erfüllte das ganze Haus, in dem sie saßen. 3Und es erschienen ihnen Zungen, zerteilt und wie von Feuer, und setzten sich auf einen jeden von ihnen, 4und sie wurden alle erfüllt von dem Heiligen Geist und fingen an zu predigen in andern Sprachen, wie der Geist ihnen zu reden eingab. 5Es wohnten aber in Jerusalem Juden, die waren gottesfürchtige Männer aus allen Völkern unter dem Himmel. 6Als nun dieses Brausen geschah, kam die Menge zusammen und wurde verstört, denn ein jeder hörte sie in seiner eigenen Sprache reden. 7Sie entsetzten sich aber, verwunderten sich und sprachen: Siehe, sind nicht diese alle, die da reden, Galiläer? 8Wie hören wir sie denn ein jeder in seiner Muttersprache? 9Parther und Meder und Elamiter und die da wohnen in Mesopotamien, Judäa und Kappadozien, Pontus und der Provinz Asia, 10Phrygien und Pamphylien, Ägypten und der Gegend von Kyrene in Libyen und Römer, die bei uns wohnen, 11Juden und Proselyten, Kreter und Araber: Wir hören sie in unsern Sprachen die großen Taten Gottes verkünden. 12Sie entsetzten sich aber alle und waren ratlos und sprachen einer zu dem andern: Was will das werden? 13Andere aber hatten ihren Spott und sprachen: Sie sind voll süßen Weins.

     

    14Da trat Petrus auf mit den Elf, erhob seine Stimme und redete zu ihnen: Ihr Juden, und alle, die ihr in Jerusalem wohnt, das sei euch kundgetan, vernehmt meine Worte! 15Denn diese sind nicht betrunken, wie ihr meint, ist es doch erst die dritte Stunde des Tages; 16sondern das ist's, was durch den Propheten Joel gesagt worden ist (Joel 3,1-5): 17„Und es soll geschehen in den letzten Tagen, spricht Gott, da will ich ausgießen von meinem Geist auf alles Fleisch; und eure Söhne und eure Töchter sollen weissagen, und eure Jünglinge sollen Gesichte sehen, und eure Alten sollen Träume haben; 18und auf meine Knechte und auf meine Mägde will ich in jenen Tagen von meinem Geist ausgießen, und sie sollen weissagen. 19Und ich will Wunder tun oben am Himmel und Zeichen unten auf Erden, Blut und Feuer und Rauchdampf; 20die Sonne soll in Finsternis verwandelt werden und der Mond in Blut, ehe der große und herrliche Tag des Herrn kommt. 21Und es soll geschehen: Wer den Namen des Herrn anrufen wird, der soll gerettet werden.“

    1.    Trauergeist

    Das waren sicher interessante Tage, damals in Jerusalem. Die Trauer nach der Kreuzigung war der Freude gewichen. Der Tod konnte Jesus nicht festhalten. Die Freude war aber nur von kurzer Dauer. Jesus verlässt seine Jünger wieder, um zu Gott zurück zu kehren. Er verspricht ihnen Trost aus der Welt Gottes, die Kraft des heiligen Geistes. Vielleicht konnten sich die Jünger, die es damals schon gab, und das waren deutlich mehr als die 12 Apostel, etwas darunter vorstellen. Vielleicht auch nicht. Aber ich stelle mir vor, dass es ein ständiges Auf und Ab der Gefühle gewesen ist in den 50 Tagen zwischen Ostern und Pfingsten. Freuen, hoffen, warten, bangen – alles miteinander, zum Teil gleichzeitig. Neben den Hoffenden gab es immer auch die Zweifelnden.

     

    Im Grunde war diese Zeit des Wartens unserer Gegenwart 2020 recht ähnlich. Seit Monaten leben wir in einem Zustand zwischen Bangen und Hoffen. Bangen um die Gesundheit, die eigene und die der Mitmenschen. Bangen um die Wirtschaft, um Beruf, Arbeitsplatz und Zukunft. Bangen um Freunde und Familie, die man lange Zeit nicht treffen durfte. Bangen um Eltern oder Großeltern im Altenheim, Angehörige im Krankenhaus, die man nicht besuchen darf.

     

    Hoffen auf ein Heilmittel. Hoffen auf ein Ende der Kontaktbeschränkungen. Hoffen auf Schulen und Kitas, damit wieder ein geordneter Tagesrhythmus entsteht. Hoffen darauf, dass wir zurück zur Normalität kommen – was auch immer das für den einzelnen Menschen sein mag. Bisher wurden nur wenige Hoffnungen erfüllt. Und jede Enttäuschung lässt uns mit neuem Bangen oder neuem Ärger zurück. Das ist sicher auch ein Grund, warum Menschen in Stuttgart und anderswo gegen die Beschränkungen demonstrieren, die uns in der Pandemie auferlegt werden. Sie brauchen ein Ventil für ihre Frustration. Sie fühlen sich nicht mehr verstanden und sie verstehen die Welt nicht mehr, die plötzlich anders ist. Der Protest ist der Ausdruck dafür, vielleicht ein Versuch, eine unfassbare und unkontrollierbare Situation wieder verständlich zu machen und ein gewissen Gefühl von Kontrolle zurück zu geben.

    2.    Weingeist

    Kennen Sie den Ausdruck „Trunken vor Freude“? Das dürfte wohl die passende Beschreibung für die versammelte Pfingstgemeinde sein. Trunken, Betrunken, so erschienen sie für die Leute von Jerusalem. Auch wenn wir manchmal an die römische oder griechische Antike denken und daran, dass zumindest die Oberschicht gerne ausschweifende Feste gefeiert hat, bei denen viele gegessen und viel Alkohol getrunken wurde, es galt trotzdem als unschicklich, auch für solche Menschen, schon am Vormittag – zur dritten Stunde, um 9 Uhr nach unserer Tageseinteilung – betrunken zu sein. Das ist übrigens heute auch nicht anders. Eine feuchtfröhliche Feier ist in Ordnung – am nächsten Morgen immer noch oder schon wieder betrunken zu sein ist es nicht. Da schauen wir schnell auch mit Verachtung auf Leute, die sich so verhalten, die vielleicht die Kontrolle über ihr Leben und den Umgang mit einer Alltagsdroge verloren haben.

     

    Der Geist des Weines ist ein Ungeist. Alkohol im Übermaß zerstört. Aber die Jünger hatten gar keinen Alkohol getrunken. Wie konnte es nur zu dieser Verwechslung kommen?

    3.    Heiliger Geist

    Eine besondere Auswirkung des Heiligen Geistes, der über die erste Gemeinde ausgegossen wurde, war die Redegewalt. In der Bibel wird erzählt, wie beim Turmbau in Babel die Sprachen der Menschen verwirrt wurden. Eine Verständigung über Grenzen hinweg war plötzlich nicht mehr möglich. In der Kinderkirche lässt sich das hübsch erzählen: Zwei Handwerker schaffen zusammen am Bau. Der eine sagt: Reich mir mal den Hobel – und der andere gibt ihm eine Handvoll Nägel. Das scheint lustig zu sein – ist es aber nicht. Denn die Verwirrung geht viel tiefer. Das Verständnis der Sprache ist verloren gegangen und damit zugleich das Verständnis für den anderen Menschen. Der versteht mich nicht mehr, ich ihn auch nicht, der ist anders, von dem muss ich mich abgrenzen. Ich denke, das Misstrauen gegen alles Andersartige und Fremde, was tief in uns Menschen drin steckt, kommt aus diesem grundsätzlichen Nicht-mehr-verstehen-können.

     

    Das Pfingstwunder hebt für einen Moment diesen Zustand der Grenzen zwischen Menschen auf. Alle reden durcheinander – und jeder wird verstanden. Die Anwesenden sprechen viele damals im vorderen Orient gebräuchliche Sprachen – und jeder hört die ihm vertrauten Laute. Verstehen schafft Vertrauen – und Vertrauen führt zu besserem Verstehen. Der Heilige Geist schafft etwas, was wir Menschen nicht einfach so machen können: Er hebt die Grenzen zwischen Menschen auf. Das Fremde ist nicht mehr fremd. Das Andersartige wird vertraut.

     

    Schauen wir noch einmal mit dem Blick des heiligen Geistes auf den Protestierer vom Canstatter Wasen. Ich finde vielleicht immer noch nicht richtig, das jemand aus Trotz gegen wichtige Anordnungen zum Schutz von Leben und Gesundheit vieler Menschen demonstriert, aber ich kann den Menschen sehen, seinen Schmerz und seinen Frust, der ihn dorthin führt. Der Geist Gottes lässt mich verstehen statt zu verurteilen. Dasselbe gilt für den, der schon morgens um 9 „voll süßen Weines“ ist. Der Geist Gottes führt zum Verstehen, und zum Helfen, statt zum verächtlich die Nase rümpfen.

     

    In einer Zeit, in der uns die Kontrolle über unsere Welt entglitten ist auf eine Weise, die sich kaum jemand vorstellen wollte, brauchen wir ein Pfingstfest, dass uns mit dem Heiligen Geist erfüllt, damit wir verstehen, glauben und lieben. Damit wir als Christen, als Gemeinde Gottes, Gräben überwinden, statt sie aufzureißen. Damit wir Hoffnungsträger statt Schwarzmaler sind. Damit Gott und Welt zusammen kommen.

     

    Als Abschluss der Predigt spreche ich ein Gebet. Eigentlich ist es ein Lied, aber Singen geht ja nicht – ein Gebet sprechen schon.

     

    Komm, heilger Geist, mit deiner Kraft
    die uns verbindet und Leben schafft.

     

    Wie das Feuer sich verbreitet,
    und die Dunkelheit erhellt,
    so soll uns dein Geist ergreifen,
    umgestalten diese Welt.

     

    Komm, heilger Geist, mit deiner Kraft,
    die uns verbindet und Leben schafft.

    Amen.

     

    Der Friede Gottes, der höher ist als alle Vernunft, bewahre eure Herzen und Sinne in Christus Jesus, unserem Herrn.

    Amen.

  • Predigt zum Sonntag Exaudi (24.05.2020)

    Predigt Jeremia 31,31-34

    Gnade sei mit Euch und Friede von Gott unserm Vater und dem Herrn Jesus Christus. Amen.

    Vertragsverlängerung

    Liebe Gemeinde!

     

    Die Corona-Pandemie hat uns weiterhin im Griff. Die Sportbegeisterten unter uns werden sicher enttäuscht sein, dass alles, was mit großen Sportereignissen zu tun hat, zur Zeit abgesagt ist. Die olympischen Sommerspiele in Tokio und die Fußball-Europameisterschaft sind auf das Jahr 2021 verschoben. Die Spiele in der Fußball-Bundesliga finden ohne Zuschauer statt. Und auch die kleinen Sportvereine vor Ort, die sich dem Breitensport widmen, können bestenfalls ein stark beschränktes Programm anbieten, wenn ihre Angebote nicht überhaupt unter das Gebot der Kontaktvermeidung fallen und damit gestrichen sind.

     

    Trotz dieser Einschränkungen denken die Verantwortlichen der Sportvereine aber nach vorne. Es kommt auch eine Zeit nach Corona, wann immer das sein wird. Dafür werden jetzt gerade im Fußball Verhandlungen über Verträge geführt. Wer könnte die Mannschaft verstärken? Wer möchte zu einem anderen Verein wechseln und bringt dem aktuellen Verein eine „Verkaufsprämie“ für die vorzeitige Auflösung des Vertrages? Wer bekommt in der nächsten Saison einen besseren Vertrag, wer einen schlechteren?

     

    Normalerweise ist die Phase der Vertragsverhandlungen für die Fans der Vereine jedes Jahr im Frühsommer eine sehr spannende Zeit. Die Verträge mit den Fußballern sind eine spannende Sache. Verträge sind überhaupt eine spannende Sache. Kaufverträge, Mietverträge, Pachtverträge, Versicherungsverträge, Eheverträge etc. Was da alles drin steht und geregelt ist, beschäftigt ganze Scharen von Anwälten. Es muss schließlich alles wohl geordnet sein.

     

    So einen wohlgeordneten Vertrag hatte Gott auch mit seinem Volk, mit Israel, abgeschlossen. Die Vertragsurkunde ist nach jüdischer Auffassung die Thora. Das ist der Teil der Bibel, den wir als die fünf Bücher Mose kennen. Da stehen viele Einzelheiten drin, was es bedeutet, Volk Gottes zu sein, welche Rechte und Pflichten daraus folgen. Zusammengefasst sind die gesammelten Einzelregeln in den 10 Geboten und die wiederum werden im sogenannten „Doppelgebot der Liebe“ zusammengefasst: „Liebe Gott von ganzem Herzen und deinen Nächsten wie dich selbst.“ Eigentlich in dieser Summe recht übersichtlich. Aber funktioniert hat es irgendwie nicht. Gott klagt immer wieder darüber, dass sein Volk den Bund, den Vertrag, nicht einhält.

     

    Bei uns wäre es wohl so, dass wir den Vertrag auflösen würden, wenn ein Vertragspartner die Regeln immer wieder nicht einhält. Bei Gott ist das irgendwie anders:

    Predigttext:

    31Siehe, es kommt die Zeit, spricht der HERR, da will ich mit dem Hause Israel und mit dem Hause Juda einen neuen Bund schließen, 32nicht wie der Bund gewesen ist, den ich mit ihren Vätern schloss, als ich sie bei der Hand nahm, um sie aus Ägyptenland zu führen, mein Bund, den sie gebrochen haben, ob ich gleich ihr Herr war, spricht der HERR; 33sondern das soll der Bund sein, den ich mit dem Hause Israel schließen will nach dieser Zeit, spricht der HERR: Ich will mein Gesetz in ihr Herz geben und in ihren Sinn schreiben, und sie sollen mein Volk sein, und ich will ihr Gott sein. 34Und es wird keiner den andern noch ein Bruder den andern lehren und sagen: "Erkenne den HERRN", denn sie sollen mich alle erkennen, beide, Klein und Groß, spricht der HERR; denn ich will ihnen ihre Missetat vergeben und ihrer Sünde nimmermehr gedenken.

    1.    Alter Bund – altes Testament?

    Nehmen wir einen kurzen Blick auf den großen Bund Gottes mit Israel. Die Rettungserfahrung – aus der Sklaverei heraus, in die Begegnung mit Gott am Berg Horeb oder Sinai hinein geführt, war der Auslöser für den Bundesschluss. Gott bietet seinen Bund an: Ich will euer Gott sein, und ihr sollt mein Volk sein (3Mo 26,12). Verträge bei Gott funktionieren etwas anders als zwischen Menschen. Wenn wir einen Vertrag schließen, dann ist das ein Abkommen zwischen zwei gleichgestellten Personen. Beide sind für die Ausgestaltung des Vertrags und für die Einhaltung der Bestimmungen zu gleichen Teilen verantwortlich. Wenn Gott einen Bund mit Menschen schließt, dann treffen bicht zwei Gleichgestellte aufeinander. Gott steht als der Schöpfer und Erhalter der Welt höher als der Mensch, der Gottes Geschöpf ist. Darum verhandelt Gott seinen Bund auch nicht, er bietet ihn an. Eine Beziehung zu Gott ermöglicht der Bund mit Israel. Ihr Volk – ich Gott, das gehört von Gottes Seite aus zusammen. Die Frage ist, wie kann das gelingen? Gott eröffnet den Raum dafür, indem er seinem Volk seine Gebote anvertraut. Sie sind der Lebensrahmen, in dem sich die Beziehung zwischen Gott und Menschen gestalten soll. Zuerst Israel, dann alle Menschen. Auf die eine oder andere Weise will Gott das Wohl aller erreichen. Er setzt den Rahmen und schafft dafür die Möglichkeiten. Als der, der in diesem Bund unfassbar viel höher steht, sorgt er selbst dafür, dass dieser Bund, dieser Vertrag eine Chance hat.

     

    Es kommt anders. Die Menschen, die so begeistert dem Gott zujubeln, der ihnen auf vielfache Weise geholfen hat, vergessen Gottes Bund mit ihnen schnell, wenn die Lebensumstände mühsam werden. Wenn Geduld gefragt ist und sich nicht alles sofort mit einem Wunder Gottes in Wohlgefallen auflöst. Angefangen mit dem goldenen Kalb und dann immer wieder gerät Gott in Vergessenheit, macht sich Götzendienst und Egoismus breit. Die Kultur der Gegenwart hat diesen Egoismus im Wirtschaftssystem des Kapitalismus zum Lebensideal erhoben. Jeder sehe zu, dass er das meiste aus seinem Leben und seinen Möglichkeiten heraus hole, wenn nötig, auch auf Kosten der Mitmenschen.

     

    Der Prophet Jeremia wirft seinem Volk im Namen Gottes vor, sie hätten den Bund Gottes gebrochen. Und der Ausgangspunkt dieses Vorwurfs ist meistens das erste Gebot: Ich bin der Herr, dein Gott.

     

    Martin Luther schreibt in seiner Erklärung zu diesem Gebot: Woran du nun dein Herz hängst, das ist eigentlich dein Gott.

     

    Der alte Bund ist gar nicht so alt und vergangen, wie der Name besagt. Sein Kernproblem bleibt bis in die Gegenwart das Jahres 2020 bestehen. Gott will Beziehung zu seinen Menschen, aber die sind so sehr mit sich selbst, ihren eigenen Wünschen, Zielen und Begierden beschäftigt, dass sie keine Zeit und keinen Sinn mehr für Gott haben. Das macht vor keinem von uns halt, auch nicht in der Kirche. In unserem Innersten sind wir Egoisten.

    2.    Neuer Bund – neues Testament?

    Gibt es einen Weg aus dieser Lage heraus? Wollen Sie überhaupt da heraus? Will ich es?

     

    Gute Frage. Wenn der erste Vertrag schon nicht funktioniert hat, warum dann eine Vertragsverlängerung? Warum einen neuen Einsatz? Wie eben schon gesagt, ein Vertrag, der gebrochen wird, ist ungültig. Wenn sich die Menschen nicht an den Bund mit Gott, halten, warum sollte Gott es tun? Er könnte tatsächlich sagen: Nun, dann eben nicht. Gott sei dank ist Gott kein Mensch. Er handelt zu unserem Glück nach anderen Maßstäben. Bei Gott sieht das so aus: Der erste Bund funktioniert nicht, weil die Menschen ihn nicht einhalten? Dann überlege ich mir einen neuen Bund, den sie einhalten werden. So stellt Jeremia es da: Gottes Gebote in unsere Herzen hinein gelegt. Im Sprachgebrauch der Bibel ist das Herz nicht der Sitz der Gefühle. Das wäre der Bauch. Das Herz ist der Sitz des Willens und der Persönlichkeit – die Schalzentrale des Lebens, sozusagen. Weil Gott seine Menschen nicht aufgibt, macht er etwas ganz Neues. Er kommt nicht mit Forderungen um die Ecke, die am Ende niemand erfüllen kann und die uns alle nur frustrieren. Er verändert uns von innen her. Wahre Wesensänderung kommt von innen. In kleinen Schritten. Gott kommt mit der Kraft des heiligen Geistes, der an Pfingsten der Gemeinde gegeben wurde. Diese Kraft verändert uns, sie macht uns zu Gottes Kindern und stellt uns als seine Gemeinde zusammen. Das Doppelgebot der Liebe ist nicht mehr Anspruch von außen, sondern etwas, was ich aus mir selbst heraus will, weil Gott es in mich hinein gelegt hat.

     

    Gott sei Dank, dass unser Gott uns nicht aufgibt, sondern immer wieder neu den Weg zu uns sucht, damit wir den Weg zu ihm und zueinander finden.

    Amen.

     

    Der Friede Gottes, der höher ist als alle Vernunft, bewahre eure Herzen und Sinne in Christus Jesus, unserem Herrn.

    Amen.

  • Predigt zum Sonntag Rogate (17.05.2020)

    Predigt Matthäus 6,5-15

    Gnade sei mit Euch und Friede von Gott unserm Vater und dem Herrn Jesus Christus. Amen.

    Warum Beten?

    Liebe Gemeinde!

     

    „Not lehrt beten“, sagt der Volksmund. Ich bin mir gar nicht so sicher, ob das Anno 2020 noch stimmt. Die fortschreitende Säkularisierung führt vermutlich dazu, dass immer weniger Menschen in Notzeiten auf die Idee kommen, tatsächlich ernsthaft zu beten. Wie auch, wenn man von Gott nichts mehr weiß. Zu wem sollte man beten, wenn man keine Adresse kennt.

     

    Allerdings: Das zugrundeliegende Problem, dass wir Menschen mit unserer Not und unseren Lebensfragen nicht allein fertig werden, ist durch Säkularisierung nicht erledigt. Nur, weil man Gott nicht kennt, heißt das noch nicht, dass man ihn nicht brauchen könnte.

     

    Ein aktuelles Beispiel in der Corona-Zeit ist für mich das schnelle Um-sich-greifen von Verschwörungstheorien aller Art. Ob es nun Bill Gates ist, der an der Corona-Pandemie schuld sein soll, damit er Milliarden mit dem Impfstoff verdienen kann und zugleich noch mit der Impfung den Menschen Microchips injiziert, mit denen wir dann komplett überwacht und kontrolliert werden können, oder ob es eine Weltverschwörung von Juden ist, die angeblich eine neue Weltordnung herbeiführen will, der wir uns dann alle unterwerfen müssen, oder ob die Pandemie überhaupt nur erfunden wurde, um uns alle unserer Bürgerrechte zu berauben – oder beliebige Mischungen aus den Theorien und noch vielen anderen, alle haben eines gemeinsam: Sie geben Menschen, die sich unsicher und hilflos fühlen unter der bedrohlichen Macht des Virus ein Gefühl von Kontrolle und Sicherheit zurück. Frei nach dem Motto: Ich habe wenigstens verstanden, wie der Kram funktioniert, wenn ich schon nichts dagegen machen kann.

     

    Für mich sind das alles Ersatzhandlungen zum Beten. Beten heißt doch: Gott meinen Dank bringen, mein Lob vortragen und meine Fragen, Ängste und Nöte vor ihm ausbreiten. Beten heißt, für alles, was mein Herz bewegt, eine Adresse zu haben, eine Ansprechstelle, an die ich es richten kann. Aber was, wenn mir die Worte fehlen? Was, wenn die Fragen so überwältigend sind, die Not so bedrückend ist, dass ich keine Sprache mehr dafür habe?

     

    Was, wenn ich mich zum Beten überwinde und mir die Worte im Hals stecken bleiben, weil ich keine Ahnung habe, wie ich überhaupt mit Gott reden kann? Vor etlichen Jahren rief mich einmal die Mutter eines Kindergartenfreundes eines unserer Söhne an. Der Junge hatte bei uns beim Mittagessen etwas erlebt, was er nicht kannte: Wir haben vor dem Essen Gott mit einem Tischgebet für das Essen gedankt. Jetzt wollte er das bei sich zu Hause auch so haben, aber seine Mutter kannte keine Tischgebete. Sie wollte dem Sohn aber die Bitte auch nicht abschlagen. Ich habe ihr dann ein kleines Heft mit Tischgebeten und anderen Gebetstexten für Kinder gegeben. Ein bisschen ging es wohl auch den Jüngern von Jesus so, als sie ihren Lehrer baten: Herr, lehre uns beten. Wie kann man denn mit Gott reden? Was darf man sagen? Wie bleibt man respektvoll und ist zugleich ehrlich?

    Jesus gibt auf diese Frage die folgende Antwort:

    Predigttext:

    5Und wenn ihr betet, sollt ihr nicht sein wie die Heuchler, die gern in den Synagogen und an den Straßenecken stehen und beten, um sich vor den Leuten zu zeigen. Wahrlich, ich sage euch: Sie haben ihren Lohn schon gehabt. 6Wenn du aber betest, so geh in dein Kämmerlein und schließ die Tür zu und bete zu deinem Vater, der im Verborgenen ist; und dein Vater, der in das Verborgene sieht, wird dir's vergelten.

    7Und wenn ihr betet, sollt ihr nicht viel plappern wie die Heiden; denn sie meinen, sie werden erhört, wenn sie viele Worte machen. 8Darum sollt ihr ihnen nicht gleichen. Denn euer Vater weiß, was ihr bedürft, bevor ihr ihn bittet. 9Darum sollt ihr so beten:

     

    Unser Vater im Himmel!
    Dein Name werde geheiligt.

     

    10Dein Reich komme.
    Dein Wille geschehe
    wie im Himmel so auf Erden.

     

    11Unser tägliches Brot gib uns heute.

     

    12Und vergib uns unsere Schuld,
    wie auch wir vergeben unsern Schuldigern.

     

    13Und führe uns nicht in Versuchung,
    sondern erlöse uns von dem Bösen.
    [Denn dein ist das Reich und die Kraft
    und die Herrlichkeit in Ewigkeit. Amen.]

     

    14Denn wenn ihr den Menschen ihre Verfehlungen vergebt, so wird euch euer himmlischer Vater auch vergeben. 15Wenn ihr aber den Menschen nicht vergebt, so wird euch euer Vater eure Verfehlungen auch nicht vergeben.

    1.    Reden mit dem Vater

    Manche Leute sagen, Beten sei Unsinn. Als Erwachsener sei man doch wohl aus dem Alter heraus gewachsen, in dem man noch mit unsichtbaren Freunden gesprochen habe. Wenn nicht, dann sei das wohl eher ein Fall für den Therapeuten. Ich sehe das anders. Das Gebet ist eine Ausdrucksform des Glaubens, und Glaube ist ein gewisses Vertrauen auf etwas, das man nicht beweisen kann, von dem man aber weiß, dass es wahr ist. Das erste, was Jesus über das Gebet lehrt, ist: Ihr redet mit eurem Vater. „Vater unser im Himmel“, das ist die Anrede, die Jesus seine Jünger lehrt. So dürfen wir mit Gott reden. Nun ist das mit dem Vater ja so eine Sache. Manche Menschen haben mit ihrem Vater schlechte Erfahrungen gemacht und tun sich schwer, Gott vertrauensvoll als Vater anzusprechen. Andere sind der Meinung, die Vater-Anrede sei einseitig, Gott habe doch auch die Eigenschaften einer Mutter. Ja, das ist beides richtig, keine Frage. Aber denken wir uns ein bisschen in die Anrede hinein. Zur Zeit Jesu war der Vater unbestritten das Oberhaupt einer Familie. Die Gesellschaft war männerdominiert. Ob man das aus heutiger Sicht gut findet oder nicht, spielt keine Rolle – es war so. Und so legt uns Jesus die Vater-Anrede in den Mund, weil jede und jeder von uns genauso wie die Menschen damals, eine Vorstellung davon hat, wie ein Vater sein sollte und was er tun sollte, um seiner Verantwortung und seinen Aufgaben gerecht zu werden. Auch wer mit seinem eigenen Vater negative Erlebnisse hatte, weiß doch, vielleicht gerade deshalb, wie es besser wäre. Als so einen guten, treuen, liebenden und zuverlässigen Vater dürfen wir Gott anreden. So vertrauensvoll können wir auf unseren Gott zugehen, so persönlich. Diese persönliche Beziehung zu Gott ist das, was unseren Glauben besonders macht und von anderen Religionen abhebt. Reden mit einem persönlichen Vater.

    2.    Reden über alles Wichtige

    Was sage ich denn meinem Vater? Im Laufe meines Lebens habe ich in vielen Situationen mit meinem eigenen Vater gesprochen, als Kind, wenn ich Sorgen hatte oder etwas unbedingt haben wollte. Als junger Erwachsener, wenn ich Rat suchte und die Lebenserfahrung eines gereiften Menschen brauchte. Heute erzählen wir uns einfach, was gerade in unserem Leben passiert und was uns beschäftigt. Über alles, was uns wichtig scheint, können wir reden – auch wenn wir um manche Themen vielleicht einen Bogen machen.

     

    Reden über alles wichtige im Blick auf die Welt, auf unser Leben, unsren Glauben – so sollen und dürfen wir mit Gott reden. Das Vater unser ist eine Zusammenfassung von allem, was unser Leben ausmacht. Manches möchte man vielleicht ausführlicher formulieren. Manches ist nicht immer gleich wichtig. Aber alles ist darin enthalten. Die Bitte um die Herrschaft Gottes, die aller ungerechten und falschen menschlichen Herrschaft ein Ende setzt ebenso, wie die Bitte um Versorgung mit allem, was wir zum Leben brauchen.

     

    Am täglichen Brot mangelt es den meisten Menschen hier in Deutschland nicht, wir sind ein wohlhabendes Land. Was aber jetzt gerade brauchen, ist die tägliche Portion Geduld, um die pandemiebedingten Beschränkungen zu ertragen. Was wir brauchen, ist die tägliche Dosis Weisheit, um nicht auf die am Anfang aufgezählten Verschwörungstheorien oder andere, ähnlich abstruse oder auch einleuchtende herein zu fallen. Wir brauchen die tägliche Portion Nächstenliebe, damit wir nicht vergessen, dass es nicht nur um uns geht, sondern um den Gesundheitsschutz für unsere Mitmenschen, von denen vielleicht manche zu den besonders gefährdeten Personen gehören.

     

    Wir brauchen die Vergebung unserer Schuld. In der Krisenzeit ist manchmal eben der Geduldsfaden kurz geworden, und Dinge, die wir normalerweise nicht einmal denken würden, werden ausgesprochen. Und ebenso, wie wir die Vergebung brauchen, brauche wir die Bereitschaft zum Vergeben, denn was uns passieren kann, kann auch dem Nächsten passieren. Wir tun nicht nur Unrecht, wir erleiden es auch. Krisenzeiten bringen immer sowohl das Beste als auch das Schlimmste im Menschen an die Oberfläche.

     

    Ja, und dann ist da die Bitte um Erlösung von dem Bösen und Bewahrung vor der Versuchung. Das Böse oder der Böse? Beides ist möglich, auch in den alten Sprachen, in denen das Gebet in der Bibel aufgeschrieben ist. Das Böse – im Moment ist es die Pandemie, die uns in Atem hält, unser Leben beeinflusst und die uns Angst macht. Ja, wir dürfen um Erlösung auch von diesem Bösen bitten.

     

    Alles, was wichtig ist, ist in dem Gebet Jesu zusammen gefasst.

    3.    Warum beten?

    Weil wir einen Ort brauchen, wo wir ungeschützt unser Herz ausschütten können. Haben wir den nicht, dann sucht sich unsere Unsicherheit andere Kanäle zur Selbstvergewisserung. Ich glaube, Beter sind weniger anfällig für Verführung und Verschwörung. Und es tut einfach gut, alles voller Vertrauen aussprechen zu dürfen, was mich bewegt. Ich möchte sie ermutigen, beten Sie. Nicht nur in der Kirche, sondern immer dann, wenn ihnen etwas wichtig ist. Teilen Sie es mit Ihrem Vater im Himmel. Nehmen Sie ihn mit in ihr Leben und Ihren Alltag hinein.

    Amen.

     

    Der Friede Gottes, der höher ist als alle Vernunft, bewahre eure Herzen und Sinne in Christus Jesus, unserem Herrn.

    Amen.

  • Predigt zum Sonntag Kantate (10.05.2020)

    Predigt Apostelgeschichte 16,23-34

    Gnade sei mit Euch und Friede von Gott unserm Vater und dem Herrn Jesus Christus. Amen.

    Helle Lieder in düsterer Zeit

    Liebe Gemeinde!

     

    Vor ein paar Wochen habe ich mit einigen Kirchengemeinderäten überlegt, wie es denn wohl sein wird, wenn wir nach dem kompletten Shutdown durch die Corona-Pandemie wieder Gottesdienste feiern dürfen. Ich wollte einen großen Festgottesdienst. Andere Stimmen brachten auch einen Dank- und Bittgottesdienst ins Gespräch, weil ja in der Zeit ohne Gottesdienste manches traurige Ereignis statt gefunden haben mag, an das man noch gedenkend erinnert.

     

    Wie es nun wirklich ist, das hat sich wohl zunächst einmal niemand so vorgestellt. Wir sitzen hier mit Schutzmasken. Nur ich trage keine, damit Sie mich besser verstehen können. Wir sitzen vereinzelt, nur wer zusammen wohnt, darf auch zusammen sitzen. Es ist eine merkwürdige Situation. Gottesdienst heißt doch: Gemeinsam feiern, dass Gott da ist, ihm dienen und uns von ihm beschenken lassen. Heute ist Sonntag „Kantate“. Kantate, das heißt: Singt! Singt laut. Der Psalm der Woche, Psalm 98, beginnt mit den Worten: Singt dem Herrn ein neues Lied! Aber wir singen gar nicht. Jedenfalls nicht laut und mit hörbaren Worten. Die Infektionsschutz- und Hygienemaßnahmen verbieten und den Gesang. Manchmal wird in der Auslegung das neue Lied auf Gott der Alten Leier des Jammerns gegenüber gestellt. Von einer alten Leier kann man heute nicht reden, das, was wir hier gerade machen, ist neu. Ich glaube nicht, dass es schon einmal einen Gottesdienst in dieser Art hier in Weißbach gegeben hat. Aber Gottesdienste oder Lob Gottes oder auch Lieder zur Ehre Gottes hat es schon immer wieder gegeben. Ein Beispiel findet sich in unserem Predigttext aus Apg. 16,23-34:

    Predigttext:

    23Nachdem man sie hart geschlagen hatte, warf man sie ins Gefängnis und befahl dem Kerkermeister, sie gut zu bewachen. 24Als er diesen Befehl empfangen hatte, warf er sie in das innerste Gefängnis und legte ihre Füße in den Block.

    25Um Mitternacht aber beteten Paulus und Silas und lobten Gott. Und es hörten sie die Gefangenen. 26Plötzlich aber geschah ein großes Erdbeben, sodass die Grundmauern des Gefängnisses wankten. Und sogleich öffneten sich alle Türen und von allen fielen die Fesseln ab. 27Als aber der Kerkermeister aus dem Schlaf auffuhr und sah die Türen des Gefängnisses offen stehen, zog er das Schwert und wollte sich selbst töten; denn er meinte, die Gefangenen wären entflohen. 28Paulus aber rief laut: Tu dir nichts an; denn wir sind alle hier! 29Der aber forderte ein Licht und stürzte hinein und fiel zitternd Paulus und Silas zu Füßen. 30Und er führte sie heraus und sprach: Ihr Herren, was muss ich tun, dass ich gerettet werde? 31Sie sprachen: Glaube an den Herrn Jesus, so wirst du und dein Haus selig! 32 Und sie sagten ihm das Wort des Herrn und allen, die in seinem Hause waren. 33Und er nahm sie zu sich in derselben Stunde der Nacht und wusch ihnen die Striemen. Und er ließ sich und alle die Seinen sogleich taufen 34und führte sie in sein Haus und bereitete ihnen den Tisch und freute sich mit seinem ganzen Hause, dass er zum Glauben an Gott gekommen war.

    1.    Geplagt

    Immer noch und wahrscheinlich auch noch für viele Monate beschäftigt uns das Corona-Virus. Wir sind tatsächlich einer Plage unterworfen, der wir nicht ausweichen können. Wir können niemandem die Schuld geben. Eine Virus-Pandemie passiert nun einmal. Wir tun unser Möglichstes, um die Gefahr einer Ansteckung möglichst gering zu halten. Denn auch wenn die meisten Menschen diese Infektion ohne große Probleme überstehen, für manchen ist sie gefährlich und führt zu einer schweren Erkrankung – vielleicht sogar zum Tod. Und das Virus ist sehr ansteckend, wenn keine Vorsichtsmaßnahmen erfolgen. Deshalb sitzen wir hier mit Mund-Nasen-Schutz und in Sicherheitsabstand zueinander. Aber wie wir es auch drehen und wenden – wir sind geplagt. Wenn uns die Krankheit nicht plagt, dann die Schutzmaßnahmen gegen die Krankheit. Wir sind geplagt, so wie damals Paulus und Silas. Beide hatten nichts Schlimmes getan. Sie hatten keine Straftat begangen, sondern einem gequälten Menschen geholfen, frei zu sein. Leider ging dabei für die Besitzer der Sklavin eine Einnahmequelle verloren. Und so landeten die beiden zuerst auf dem Strafbock und dann im Block. Ausgepeitscht nach römischer Sitte, das war eine harte Strafe. Wer eine Vorstellung davon bekommen will, wie grausam das ist, muss sich einen der neueren Filme anschauen, die die Passion Jesu darstellen. Da wird die Geißelung in all ihrer unmenschlichen Grausamkeit sichtbar. Und danach ab ins Gefängnis, in den Block gelegt, eine besondere Art, Gefangene möglichst sicher und zugleich unbequem zu fesseln. Noch eine Foltermethode. Die schmerzenden, blutigen Striemen auf dem Rücken, an Armen und Beinen in gekrümmter Lage gefesselt. Paulus und Silas waren wirklich hart geplagt. So wie wir heute hätten sie manchen Grund gehabt, zu klagen und zu weinen. Manchmal klagen wir in solchen Situationen ja auch Gott an: Wie kannst du das zulassen? Warum verhinderst du so eine Seuche wie Corona nicht? Gibt es nicht genügend andere Probleme?

     

    Vielleicht klagen wir auch über unsere Regierung: Warum wird so vieles eingeschränkt? Warum darf man nicht mehr in aller Freiheit leben? Oder auch anders herum: Warum werden die Beschränkungen so schnell gelockert? Ist das nicht gefährlich? Wir haben vielleicht auch Angst vor der Krankheit. An Covid19 zu sterben, muss am Ende doch sehr qualvoll sein. Das möchte man nicht für sich selbst und auch nicht für seine Mitmenschen.

     

    Vielleicht klagen wir auch über unsere Gemeinde oder die Landeskirche. Warum gab es so lange keinen Gottesdienst? Warum sind die Gemeindehäuser immer noch gesperrt, so dass kein Chor und kein Seniorenkreis statt findet? Warum wehrt sich die Kirche nicht mehr gegen die Verbote?

     

    Ja, wir könnten viel klagen. Und viele Klagen sind auch zu hören. Die Unzufriedenheit, berechtigt oder nicht, ist sehr deutlich.

    2.    Gelobt

    Paulus und Silas hatten auch allen Grund, unzufrieden zu sein. Aber sie klagen und jammern nicht. Das ist seltsam. Dass sie in ihrer schmerzhaften Situation um Mitternacht wach sind, wundert mich nicht. Aber dass ihr Gebet keine lange Klage vor Gott ist, wie schlimm doch alles ist und wie sie leiden, dass überrascht schon eher. Statt dass sie jammern, loben sie Gott. Wie haben sie das gemacht? Wahrscheinlich, indem sie Lieder gesungen haben. Paulus kannte mit Sicherheit die Psalmen auswendig, so wie viele von uns auch Lieder aus dem Evangelischen Gesangbuch oder aus anderen Liederbüchern oder auch nur aus dem Radio, von Spotify oder YouTube auswendig kennen. Und sie haben Loblieder gesungen. Sie haben Gottes Größe besungen, seine Macht, sein Liebe zu seiner Schöpfung und seinen Menschen. Hinter diesem großen Lob auf den wunderbaren Gott trat ihre eigene, echte Not zurück. Der Rücken tat immer noch weh, die Haltung im Block war unbequem wie zuvor, aber das spielte für diesen Moment des Gotteslobs keine Rolle. Nur Gott war in diesem Moment wichtig.

     

    Wir dürfen im Moment nicht einmal gemeinsam singen. Noch so eine Einschränkung, über die man klagen und jammern könnte, wenn man so wie ich und sicher viele von Ihnen, gerne singt. Aber wir können im Stillen, mit Gebeten und leisen Worten, in das Gotteslob einstimmen, das Paulus und Silas anstimmen. Wir dürfen uns anstecken lassen von diesem Blickwechsel, der von uns selbst, unseren Fragen und Nöten, hin schaut auf Gott. Gott ist immer noch der liebende und allmächtige Vater, den wir im Glaubensbekenntnis bekennen. Er ist es auch dann, wenn er nicht alle unsere Probleme durch ein Wunder löst. Wir können, dürfen und sollen Gott loben. Darum ist es so wichtig, dass wir wieder in der Kirche zusammen kommen. Im gemeinsamen hören auf Gottes Worte, in den alten und neuen Worten und Gebeten, stimmen wir ein in das Lob. Auch dann, wenn wir am Sonntag “Kantate“ nicht einmal ein altes, geschweige denn ein neues Lied singen.

    3.    Befreit

    Geplagt, gelobt – und befreit. Für Paulus und Silas ereignet sich das Wunder der Befreiung. Alle Schlösser und Türen springen auf, alle Gefangenen könnten das Gefängnis verlassen. Das für mich noch größere Wunder ist, dass es keiner tut. Keiner ergreift die Flucht, keiner entzieht sich seiner aktuellen Lebenssituation. Für mich ist das ein Gleichnis für unsere Gegenwart. Wir können durch Gotteslob nicht die Krise beenden. Ein neues Lied zu singen heißt nicht automatisch, dass auch alle Probleme sich von selbst erledigen. Schön wäre es – aber so funktioniert das Leben nicht und der Glaube funktioniert so auch nicht. Unser Gott ist keine Wunsch-Erfüll-Maschine, die wir mit Gebeten bezahlen oder mit Lobliedern oder Spenden oder was auch immer, damit er tut, was wir gerne hätten. Aber er ist Gott. Er gibt uns Menschen den Verstand, den die, die es können, einsetzen, um Mittel gegen die Krankheit zu finden. Er gibt uns Menschen die Liebe, die wir brauchen, uns gegenseitig beizustehen. Er gibt uns die Vernunft, mit der wir einschätzen können, welches Gesundheitsrisiko wir in welcher Situation eingehen können und welches besser nicht. Er gibt den Mut, auch einmal Außergewöhnliches und Ungeplantes zu tun, Angst zu überwinden und anzupacken, wo es nötig ist. Und manchmal greift er tatsächlich durch ein Wunder ein, wie damals bei Paulus und Silas im Gefängnis. Da sind Menschen am Ende frei geworden. Paulus und Silas von ihrer ungerechtfertigten Gefangenschaft. Der Gefängnisdirektor von seiner Lebensangst, die ihn beinahe in den Selbstmord trieb. Viele Menschen in der Stadt Philippi, die einen neuen Glauben kennen lernten und lernten, Gott zu vertrauen.

     

    Dieses Gottvertrauen wünsche ich uns allen in der Zeit der Pandemie. Glauben können, dass unser Gott die Dinge in der Hand behält, dass er uns, Sie und mich, in der Hand behält – das heißt für mich, befreit sein. Befreit zu einem Leben im Vertrauen, auch wenn das Leben von außen immer wieder geplagt ist und gefährdet bleibt – und immer wieder die Rückbesinnung auf den großen Gott nötig ist, der gelobt werden darf, weil er Gott ist.

    Amen.

     

    Der Friede Gottes, der höher ist als alle Vernunft, bewahre eure Herzen und Sinne in Christus Jesus, unserem Herrn.

    Amen.

  • Predigt zum Sonntag Jubilate (03.05.2020)

    Predigt Johannes 15,1-8

    Gnade sei mit Euch und Friede von Gott unserm Vater und dem Herrn Jesus Christus. Amen.

    Predigttext:

    1Ich bin der wahre Weinstock und mein Vater der Weingärtner. 2Eine jede Rebe an mir, die keine Frucht bringt, nimmt er weg; und eine jede, die Frucht bringt, reinigt er, dass sie mehr Frucht bringe. 3Ihr seid schon rein um des Wortes willen, das ich zu euch geredet habe. 4Bleibt in mir und ich in euch. Wie die Rebe keine Frucht bringen kann aus sich selbst, wenn sie nicht am Weinstock bleibt, so auch ihr nicht, wenn ihr nicht an mir bleibt.

     

    5Ich bin der Weinstock, ihr seid die Reben. Wer in mir bleibt und ich in ihm, der bringt viel Frucht; denn ohne mich könnt ihr nichts tun. 6Wer nicht in mir bleibt, der wird weggeworfen wie eine Rebe und verdorrt, und man sammelt die Reben und wirft sie ins Feuer, und sie verbrennen. 7Wenn ihr in mir bleibt und meine Worte in euch bleiben, werdet ihr bitten, was ihr wollt, und es wird euch widerfahren. 8Darin wird mein Vater verherrlicht, dass ihr viel Frucht bringt und werdet meine Jünger.

    Was hält uns zusammen?

    Liebe Gemeinde!

     

    Was für ein wunderbares Bild von Gemeinde und Glauben zeichnet Jesus hier. Der Weinstock, der das ganze zusammen hält. Die Reben, die die Früchte tragen. Der Winzer, der dafür sorgt, dass der Stock und die Reben gepflegt werden, wachsen und gedeihen können. Hier in der Weinbaugegend ist dieses Bild sicher für jeden verständlich. Wenn man einmal durch die Weinberge geht, sieht man gerade jetzt die oft alten, knorrigen Weinstöcke, an denen die meisten Reben des Vorjahres entfernt wurden. Die wenigen Reben, die am Stock geblieben sind, werden geputzt, gereinigt, von überflüssigen Nebentreiben befreit und angebunden, damit sie eine Stütze haben. Gerade in diesen Tagen sieht man, wie sich das Weinlaub an den Reben entwickelt und wächst. Vielleicht kann man bald schon die ersten Ansätze der Trauben aus Weinbeeren sehen. So sieht Glauben aus. So erleben wir Gemeinde. Weinstock und Reben, zusammen im Weinberg Gottes.

     

    Aber Moment mal. Im Moment gerade ist ja alles irgendwie anders. Wir kommen nicht im Gottesdienst zusammen, um Gott zu feiern. Wir erleben nicht den Zuspruch Gottes im Abendmahl. Wir sind auf uns allein gestellt. Reben, die nicht mehr am Weinstock sind. Wir vertrocknen irgendwann.

     

    Genauso fühlen sich vermutlich viele Menschen gerade. Unabhängig davon, ob sie religiös sind oder nicht. Wir haben jetzt 7 Wochen soziale Isolation hinter uns. Kontaktvermeidung. Keine Partys, für viele keine Arbeit an ihrem gewohnten Arbeitsplatz. Keine Besuche bei Freunden. Sogar auf den Besuch bei den alt gewordenen Eltern oder Großeltern im Altenheim muss man verzichten. Dabei hat man vielleicht ohnehin schon ein schlechtes Gewissen, dass die Eltern ins Pflegeheim ziehen mussten, weil eine Versorgung zu Hause einfach nicht möglich war. Und jetzt darf man sie nicht einmal mehr besuchen. Kontaktsperre zum Gesundheitsschutz. Das ist in der aktuellen Situation nach allem, was wir zur Zeit über Covid19 wissen, richtig und fühlt sich trotzdem völlig falsch an. All die Freude und die Kraft, die wir aus der Begegnung mit Menschen, aus einem guten Gespräch, aus einer tröstenden Umarmung, aus gemeinsamem Lachen und feiern gewinnen, ist uns genommen. Die Pandemie greift für viele Menschen, die an diesem Virus erkranken, die Gesundheit schwer an. Manche sterben an dieser Krankheit. Aber die vorbeugenden Maßnahmen, damit sich das Virus nicht zu schnell und unkontrollierbar ausbreitet, greifen uns ebenso an. Wir sind tatsächlich wie Reben, die den Kontakt zum Weinstock verloren haben. Reben, die abgebrochen oder abgeschnitten werden, vertrocknen. Sie bekommen keine Nährstoffe aus den Wurzeln des Weinstocks. Kein Wasser. Sie können keine Frucht mehr bringen. Sie haben ihren Zweck verloren. Mit der gesetzlichen Vorschrift, soziale Kontakt zu vermeiden bzw. auf das Minimum der im Haushalt zusammen lebenden Menschen zu reduzieren, werden wir aus der Gemeinschaft heraus gebrochen. Wer allein lebt, gewollt oder ungewollt, spürt das noch härter als jemand, der mit anderen in einer Wohngemeinschaft oder Familie zusammen lebt. Wir sind nun einmal soziale Wesen.

     

    Ich bin der Weinstock, ihr seid die Reben, so sagt Jesus seinen Jüngern. Glaube hat etwas mit Beziehung, mit Gemeinschaft zu tun. Dranbleiben, das heißt, in Verbindung bleiben. Jesus weiß genau, dass wir Menschen genau das brauchen, das es Teil unseres Wesens ist, soziale Kontkate zu haben und zu halten. Es ist ein zentraler Teil des Glaubens. Gemeinschaft, zusammen beten, zusammen auf Gottes Wort hören, miteinander feiern, miteinander trauern, all das ist wichtig im Glauben. Und das gilt auch nicht nur für den Glauben der Christen. Gemeinschaft der Glaubenden ist in allen Religionen ein wichtiger Bestandteil der Ausdrucksformen.

     

    Jesus wäre nicht Jesus, Gott wäre nicht Gott, wenn er all das nicht wüsste. Er hat uns als soziale Wesen gewollt. Wir sind auf Gemeinschaft hin angelegt, auf Gemeinschaft zu Gott und untereinander. Also ist die wichtigste Frage gerade: An Jesus bleiben – wie geht das in Zeiten von Pandemie und sozialer Vereinzelung? Was hält uns zusammen?

     

    Singen, beten, auf Gottes Wort hören, das geht natürlich auch allein im Wohnzimmer. Im Internet und im Fernsehen stehen inzwischen viele Möglichkeiten zur Verfügung, Ermutigung und Glaubensstärkung zu bekommen, auch wenn man selbst keinen Gottesdienst besuchen kann. Beten geht immer. Gott ist immer bereit, zuzuhören. Singen kann man auch für sich alleine. Macht vielleicht nicht so viel Freude wie gemeinsam mit anderen Menschen Musik zu machen, geht aber. Für Menschen, die Instrumente spielen, z.B. im Posaunenchor, gilt das gleiche. Wir haben keine festen Zeiten mehr, die uns helfen, unseren Alltag zu strukturieren. Aber wir haben Möglichkeiten, die uns die moderne Technik an die Hand gibt. Wenn Sie diese Predigt lesen, haben Sie diese moderne Technik genutzt oder jemand anderes hat es für Sie getan.

     

    Das ist das zweite, was uns zusammen hält. Füreinander da sein, auch dann, wenn wir uns gerade nicht sehen. Nicht: „Aus den Augen, aus dem Sinn“, sondern im Gegenteil: „Aus den Augen, aber erst Recht im Sinn“, in Gedanken und Gebeten, in gegenseitigem Helfen, wo wir können.

     

    Bleiben an Christus, das geht auch in einer Pandemie. Der 3. Sonntag nach Ostern heißt „Jubilate“. Jubelt, freut euch! Der Wochenspruch, das Thema der Woche sozusagen, lautet: Ist jemand in Christus, so ist er eine neue Kreatur, das Alte ist vergangen, siehe, Neues ist geworden. Wer in Christus ist, bei dem setzt eine Veränderung ein. Dieses „in Christus sein“ treibt uns dazu, nach Gemeinschaft mit Menschen zu suchen, die das gleiche wollen und erleben. Wir sind gemeinsam Reben am Weinstock Jesus Christus. Aber das „Bleiben am Weinstock“ ist nicht auf den Sonntagvormittag in der Kirche oder den Dienstagnachmittag im Seniorenkreis oder den Mittwochabend im Jugendkreis beschränkt. „Sein in Christus“ ist eine grundlegende Veränderung unserer Lebensausrichtung – auf Jesus, auf Gott hin. Das ist auch dann noch wirksam, wenn wir, wie jetzt gerade, die Gemeinschaft der Glaubenden und das soziale Leben reduzieren müssen. Diese grundlegende Veränderung wirkt weiter. Gerade jetzt, wo unser Gefühl uns sagt, dass wir eher abgeschnittene als frische Reben am Weinstock sind, gilt die Zusage Jesus trotzdem: „Ich bin der Weinstock, ihr seid die Reben.“ Wir sind es. Sichtbar wird das zum Beispiel, wo wir Mittel und Wege suchen und finden, die soziale Isolation zu überwinden und füreinander da zu sein, auch wenn wir in unseren Kontaktmöglichkeiten eingeschränkt sind und es noch eine Weile bleiben werden. Sichtbar wird es aber auch dadurch, dass wir auf manche Kontakte verzichten, nach denen wir uns sehnen, weil wir damit einen gefährdeten Menschen schützen.

     

    Vielleicht können wir schon am nächsten Sonntag wieder in der Kirche Gottesdienst feiern. Aber auch da wird man noch spüren und sehen, dass die Sorge um die Krankheit und die Vorsorge vor der Verbreitung uns beeinflusst. Wir werden nicht dicht beieinander sitzen wie sonst, sondern auf den Kirchenraum verteilt. Vielleicht werden nicht alle, die gerne wollen, am Gottesdienst teilnehmen können, weil wir die Besucherzahl begrenzen müssen. Aber auch unter solchen Umständen gilt: Jesus ist der Weinstock. Er ist Quelle und Lebenskraft. Glaube, dran bleiben, das zeigt sich auch darin, dass wir gemeinsam die Herausforderung annehmen und das bestmögliche füreinander aus dieser Situation machen. In unseren Gemeinden. Im Kirchenbezirk, in der Landeskirche, und weit darüber hinaus. Die Herausforderung durch die Pandemie trifft alle. Die Zusage Jesus gilt für alle: Ich bin der Weinstock, ihr seid die Reben. Wer in mir bleibt und ich in ihm, der bringt viel Frucht, denn ohne mich könnt ihr nichts tun. Wir tun alles das, was wir gerade machen, mit ihm und durch ihn.

    Amen.

     

    Der Friede Gottes, der höher ist als alle Vernunft, bewahre eure Herzen und Sinne in Christus Jesus, unserem Herrn.

    Amen.

  • Predigt zum Sonntag Misericordias Domini (26.04.2020)

    Predigt 1. Petrus 2,21b-25

    Gnade sei mit Euch und Friede von Gott unserm Vater und dem Herrn Jesus Christus. Amen.

    Wo geht’s lang?

    Liebe Gemeinde!

    Wir brauchen Orientierung. Dringend. Jeder in seinem eigenen Leben und Alltag. Wir als Kirchengemeinde in Crispenhofen und Weißbach. Unser ganzer Staat. Gerade jetzt, in der Corona-Krise. Was sollen wir tun? Das ist eine Frage, die gerade heiß diskutiert wird. Die Beschränkungen des öffentlichen Lebens, die seit dem 17. März gelten, wurden zwar auch diskutiert, aber dann doch hingenommen. Jetzt aber, wo überlegt wird, wie man aus den Beschränkungen wieder heraus kommt, wird viel diskutiert. Machen kann es gar nicht schnell genug gehen, anderen gehen schon die kleinen Schritte viel zu schnell. Wirtschaftliches Interesse kontra Verantwortung für die Gesundheit? So einfach ist das nicht. Wenn ein Unternehmen durch die lange Sperrzeit Insolvenz anmelden muss, hat das nicht nur wirtschaftliche, sondern auch soziale und vielleicht auch wieder gesundheitliche Folgen. Die ganze Diskussion ist verständlich, weil es keine einfache Lösung gibt, kein klares, schnelles „richtig“ oder „falsch“.

     

    Da ist es gut, im 1. Petrusbrief zu lesen, dass wenigstens in Glaubensfragen es eine klare Orientierung gibt.

    Predigttext:

    21Christus hat gelitten für euch und euch ein Vorbild hinterlassen, dass ihr sollt nachfolgen seinen Fußstapfen; 22er, der keine Sünde getan hat und in dessen Mund sich kein Betrug fand; 23der, als er geschmäht wurde, die Schmähung nicht erwiderte, nicht drohte, als er litt, es aber dem anheimstellte, der gerecht richtet; 24der unsre Sünden selbst hinaufgetragen hat an seinem Leibe auf das Holz, damit wir, den Sünden abgestorben, der Gerechtigkeit leben. Durch seine Wunden seid ihr heil geworden. 25Denn ihr wart wie irrende Schafe; aber ihr seid nun umgekehrt zu dem Hirten und Bischof eurer Seelen.

    1.    Vorbild

    Christus hat uns ein Vorbild hinterlassen. Wir sollen seinen Fußstapfen nachfolgen. Und schon merke ich, dass es doch nicht so einfach ist, wie es auf den ersten Blick scheint mit der klaren Orientierung in Glaubensfragen. Lesen Sie einmal eines der Evangelien, egal welches. Da hat Jesus ziemlich große Fußstapfen hinterlassen. Um bei dem Bild zu bleiben: Ich kann nicht einfach in seinen Schuhen gehen, die sind mir ein paar Nummern zu groß. Diese Fußstapfen kann ich nicht einfach ausfüllen. Jesus zum Vorbild nehmen, das ist eine große Herausforderung, wahrscheinlich eine Überforderung. Jetzt möchte ich dem Schreiber des Briefes nicht unterstellen, dass er bewusst Dinge fordert, die unerfüllbar sind. Immerhin wird der Brief mit Petrus identifiziert. Petrus war der, der am Gründonnerstag von sich dachte, in den großen Fußstapfen Jesu gehen zu können. Und der noch in der gleichen Nacht feststellen musste, dass sie ihm zu groß sind. Dreimal hat er geleugnet, Jesus zu kennen. Vorher hatte er zu Jesus gesagt: „Wenn ich mit dir sterben müsste, ich verlasse dich nicht.“ Jesus hat ihm vorausgesagt, was passieren wird. Hinterher ist man immer schlauer.

     

    Mit Vorbildern ist das ohnehin so eine Sache. Viele Menschen haben Vorbilder, Personen, an denen sie sich orientieren, denen sie nacheifern, die sie bewundern und verehren. Vorbilder sind Gestalten, zu denen man aufblicken kann. Meistens stehen sie auf einen Sockel wie eine Denkmalsäule. Nicht immer direkt und konkret wie ein echtes Denkmal, aber in unseren Gedanken. Das muss so sein, sonst könnten wir ja nicht zu ihnen aufblicken. Aber dabei vergessen wir gerne, dass Vorbilder Menschen sind, die nicht perfekt sind. Wir neigen einerseits zur Idealisierung, andererseits dazu, uns selbst zu überfordern und zu belügen. Wenn das Vorbild, das Ideal, auf einem hohen Sockel steht, dann ist es zwar anbetungswürdig. Aber zugleich ist klar, es steht so hoch über uns, dass es unerreichbar ist. Also muss man am Ende gar nicht erst versuchen, den Fußstapfen des verehrten Vorbilds zu folgen, es steht ja so hoch idealisiert über mir, dass ich da ohnehin nie hinkommen werde. Ein Vorbild haben, ein Ideal, gerne. Aber dann bitte so dass ich es verehren kann, ohne ihm wirklich nacheifern zu müssen. Den das könnte anstrengend sein und erfordern, dass ich meine Lebensweise irgendwie verändere. Das ist vielleicht doch zu viel Eifer.

     

    Petrus wusste von zu großen Schuhen. Von großen Vorbildern, großen Vorhaben und großartigem Versagen. Das manche Ideale für uns einfach unerreichbar sind. Jesus hat in der Nacht seines Leidens einfach alles widerspruchslos mit sich machen lassen. Aber ein paar Tage vorher ist er mit einer Peitsche aus geflochtenen Stricken durch den Tempel gegangen und hat die Händler hinaus gejagt, die dort ihren Geschäften nachgingen. Welchem Vorbild soll ich denn nun nacheifern? Wie sollen die Fußstapfen aussehen, in den ich gehe? Leiden für die ganze Welt? Diese Fußstapfen sind eindeutig zu groß. Damit steht auch Jesus auf einem Sockel neben anderen verehrungswürdigen Vorbildern und wird für mich unerreichbar.

    2.    Hirte

    Da gibt es noch eine zweite Beschreibung. Jesus Christus, der Hirte der Seelen. Vorbilder können Orientierung geben, aber zugleich stehen sie auf einem Sockel, der sie unerreichbar und unnahbar macht. Hirten geben auch Orientierung. Ein Hirte versorgt seine Herde. Er kümmert sich darum, dass die Herde zur rechten Zeit von einer Wiese zur anderen wechselt, damit genug Futter da ist. Er sorgt dafür, dass die Herde oft genug zum Wasser kommt, damit die Tiere nicht verdursten. Er übernimmt Verantwortung für seine Herde. Aber im Gegensatz zum Vorbild, zum Ideal, steht der Hirte nicht auf einem Sockel. Er ist mitten unter seiner Herde. Er ist nahbar. Man kann gelegentlich auch heute noch Schäfer mit mehr oder weniger großen Schafherden sehen. Manchmal sieht man tatsächlich, wie sich ein Schaf an den Beinen des Schäfers reibt oder wie er ein Lamm auf seinen Armen trägt, das mit der Herde noch nicht Schritt halten kann. Diese Form von Orientierung verbunden mit Zuwendung wirkt auf Beobachter sehr romantisch, wie ein Blick in eine gute alte, aber längst vergangene Zeit. Für den Schäfer ist das nicht romantisch, sondern einfach nur seine Arbeit, sein Beruf. Es ist eine harte Arbeit. Dafür muss man sich bewusst entscheiden, das muss man wollen.

     

    Wohl genau deshalb ist eines der ältesten und stärksten Bilder für die Beziehung zwischen Gott und seinen Menschen das Bild vom Hirten und seiner Herde.

     

    Der Sonntag heute heißt in der Ordnung des Kirchenjahres „Misericordias Domini“ – übersetzt aus dem lateinischen heißt das: Barmherzigkeit Gottes oder Güte Gottes. Es ist ein Teil eines Psalmverses: Die Erde ist voll der Güte des Herrn – Psalm 33,5. Man nennt den Sonntag auch den „Sonntag das guten Hirten“. Der Wochenspruch aus Johannes 10 heißt: „Ich bin der gute Hirte.“ Der Psalm des Sonntags ist der Psalm 23. Überall wird das Bild des Hirten aufgenommen. Jesus Christus, der Hirte. Zu einem Hirten kann man kommen, er gibt Zuwendung, Lebenshilfe und Orientierung. Ein Vorbild kann man nur verehren, es bleibt unerreichbar fern.

     

    Jesus ist für uns beides: Ein Vorbild, indem er uns vorlebt, wie wir leben sollen: Voller Liebe und Barmherzigkeit für die Welt und unsere Mitmenschen, bereit, Verantwortung zu übernehmen für Welt und Umwelt, zu helfen wo wir können und wo Hilfe gebraucht wird. Zugleich aber ist er nahbar wie der Hirte, dem ich mich in die Arme werfen kann und bei dem ich mich ausweinen kann, wenn mir der Schmerz der Welt zu groß wird. Er ist der Hirte, der gut für seine Herde sorgt, der sogar die Sünde der Welt, auch meine, auf sich genommen hat, damit ich nicht mehr unter der Last meiner Schuld leben muss.

     

    Ich schließe mich der Einladung an, die Petrus ausgesprochen hat: Folgt dem Vorbild und den Fußstapfen nach, die Jesus uns gegeben hat. Er ist kein unerreichbares Ideal, sondern der Hirte, der den Weg mit uns geht und uns ganz persönlich begleitet.

    Amen.

     

    Der Friede Gottes, der höher ist als alle Vernunft, bewahre eure Herzen und Sinne in Christus Jesus, unserem Herrn.

    Amen.

  • Predigt zum Sonntag Quasimodogeniti (19.04.2020)

    Predigt Jesaja 40,26-30

    Gnade sei mit Euch und Friede von Gott unserm Vater und dem Herrn Jesus Christus. Amen.

    Wo ist Gott in der Krise?

    Liebe Gemeinde!

    Hin und wieder kommt mir beim Lesen im Internet diese Aussage unter: Die Corona-Pandemie ist eine Strafe Gottes für die Menschen. Ich halte diesen Satz für abgrundtief falsch. Krisen, egal welcher Art, sind keine Strafen Gottes. Gott arbeitet nicht mit schwarzer Pädagogik. Es ist nicht seine Art, Menschen mit Drohungen und Angst zu sich zu zwingen. So etwas machen totalitäre Herrscher, Diktatoren, Despoten. All das ist Gott nicht. Gott ist die Liebe. Lieber legt er sich selbst, bzw. seinem Sohn Jesus, Strafe auf, als dass er sie an Menschen austobt. Gott tobt sich nicht an der Welt aus wie ein wütender Herrscher, über den man einen unbequemen Zeitungsartikel schreibt.

     

    Aber wenn Gott nicht die Schuld an der Pandemie hat, wer ist dann daran schuld? Irgendeinen Schuldigen, jemand, den wir verantwortlich machen können, muss es doch geben. Wir brauchen das scheinbar – jemanden, der verantwortlich ist. Wir Menschen halten es nur schwer aus, dass die Dinge eben sind wie sie sind. Es ist schwer zu ertragen, dass unser Leben immer gefährdet und begrenzt ist. Es tut einfach weh, wenn Menschen, die einem nahe stehen, krank werden und vielleicht sterben. Es macht Angst, selbst gefährdet zu sein. Da auf die eine oder andere Weise Gott die Schuld zu geben, liegt nahe – ist aber falsch.

     

    Wenn Gott nicht durch diese Krise straft, warum gibt es überhaupt eine Pandemie? Warum gibt es andere Katastrophen? Wenn Gott allmächtig ist, warum verhindert er das dann nicht? Hat Gott überhaupt etwas mit der Pandemie, mit der Welt, mit mir zu tun? Wo ist Gott in der Krise? Das ist die entscheidende Frage. Diese Frage ist uralt: Wo ist Gott in der Krise? Diese Frage hat schon die Israeliten im babylonischen Exil beschäftigt, wie der folgende Predigttext zeigt:

    Predigttext:

    26Hebt eure Augen in die Höhe und seht! Wer hat all dies geschaffen? Er führt ihr Heer vollzählig heraus und ruft sie alle mit Namen; seine Macht und starke Kraft ist so groß, dass nicht eins von ihnen fehlt. 27Warum sprichst du denn, Jakob, und du, Israel, sagst: „Mein Weg ist dem HERRN verborgen, und mein Recht geht an meinem Gott vorüber?“ 28Weißt du nicht? Hast du nicht gehört? Der HERR, der ewige Gott, der die Enden der Erde geschaffen hat, wird nicht müde noch matt, sein Verstand ist unausforschlich. 29Er gibt dem Müden Kraft und Stärke genug dem Unvermögenden. 30Jünglinge werden müde und matt, und Männer straucheln und fallen; 31aber die auf den HERRN harren, kriegen neue Kraft, dass sie auffahren mit Flügeln wie Adler, dass sie laufen und nicht matt werden, dass sie wandeln und nicht müde werden.

    1.    Müde

    Krisenzeiten können müde und verzagt machen. Manche dachte vielleicht, ab Montag, 20.04. sind die Schulen und Kindergärten wieder geöffnet. Endlich können die Kinder wieder aus dem Haus, Freunde treffen, spielen und müssen nicht mehr den ganzen Tag von ihren Eltern bei Laune gehalten werden, die vielleicht „nebenher“ noch im HomeOffice arbeiten sollen. Gut, dass es solche Möglichkeiten gibt, von zu Hause aus zu arbeiten. Aber zugleich kostet es auch viel Kraft, gleichzeitig Kinder zu betreuen und zu arbeiten. Für die älteren Kinder sind die Eltern dann vielleicht noch aus Aushilfslehrer. Die Schüler müssen ja auch zu Hause bleiben und bekommen ihre Aufgaben per E-Mail oder auf anderem Wege. Aber bearbeiten müssen sie die Dinge selbständig. Da ist keine Lehrkraft da, die man fragen kann. Also müssen die Eltern ran. Auch das kostet Kraft und Nerven. Schließlich ist man selbst ja nicht unbedingt mit dem Unterrichtsstoff vertraut. Das macht müde. Und dann kommt man als Erwachsener Mensch ja jetzt auch kaum noch aus dem Haus. Wer zu Hause arbeitet, in Kurzarbeit ist oder gar seine Arbeitsstelle durch die Krise verloren hat, wer als Selbständiger sein Geschäft gerade nicht öffnen darf, der kann nachvollziehen, wie einen die Sorgen und die Isolation müde machen. Krisen sind ermüdend. Im Ausnahmezustand zu leben, kostet viel mehr Kraft, als im normalen Alltag zu sein. Das ging den deportierten Kriegsgefangenen in Babylon, bzw. ihrer Enkelgeneration, nicht anders. „Mein Weg ist dem Herrn verborgen“, so sagen sie. Wir sind hier in der Notsituation der Deportation, wir wollen nach Hause, zurück in das Land, das Gott uns gegeben hat – und wir können nicht weg. Man lässt uns nicht gehen. Wir dürfen unsere Identität als Volk Gottes nicht leben. Wir dürfen unsere eigene Sprache nicht sprechen. Und Gott kümmert das alles scheinbar gar nicht. Der Gott unserer Väter ist offenbar weit weg. Sein Volk ist ihm egal geworden.

     

    Vielleicht sagt ja auch Glieder unserer Kirchengemeinde: Bei allem Verständnis für die Ansteckungsvermeidung: Mir fehlt meine Gemeinde. Mir fehlt der Gottesdienst. Mir fehlt mein Chor, mein Jugend- oder Seniorenkreis, mein Posaunenchor. Mir fehlt die Begegnung mit den Menschen. Und mir fehlt die Begegnung mit Gott. Ist Gott in dieser Krise überhaupt noch da? Wie kann Gott zulassen, wie kann die Kirche zulassen, dass man Gottesdienste verbietet? Das hat es noch niemals zuvor gegeben. Wo ist da meine Kraftquelle? Ich will doch Gott begegnen. Das macht müde. Selbst junge Kerls, Jünglinge und gestandene Männer werden in so einer Situation irgendwann müde. Die sind sonst die, die vor Energie nur so strotzen. Aber jetzt? Diese Woche hörte ich von einem Schüler folgenden Satz: „Mir ist total langweilig, und gleichzeitig habe ich zu nichts Lust, was gegen die Langeweile helfen könnte.“ Das ist Krisenmüdigkeit. Da kommt die Ausdauer, den Ausnahmezustand zu ertragen, an ihre äußersten Grenzen.

    2.    Geweckt

    Wie kommt man aus der Situation heraus? Zum einen natürlich, wenn das Leben wieder normal weiter geht. Aber das wird es nicht. Nach einem Einschnitt wie der Corona-Pandemie wird immer etwas anders sein als vorher. Wie sich unser Leben und unser Blick aufs Leben ändern wird, können wir noch nicht wissen. Aber ich bin mir ziemlich sicher, dass wir nicht einfach zur Tagesordnung übergehen – zumal die Pandemie uns auch noch in der einen oder anderen Weise über Monate begleiten wird.

     

    Zum anderen könnte ein Blickwechsel helfen. Der Prophet sagt seinen Leuten: Ihr redet davon, dass Gott sich nicht für euch interessiert, dass Gott euch nicht mehr wahrnimmt. Aber nehmt mal für einen Augenblick die Augen weg von euren Problemen auf die Welt um euch herum. Hebt den Blick nach oben, auf die Sterne und Himmelskörper. Das alles kommt aus Gottes Hand. Auch euer Leben liegt in Gottes Hand, weil alles von ihm kommt. Es kann also gar nicht sein, dass Gott sich nicht kümmert und in der Krise nicht da ist.

     

    Das Wort ist das eine, die Wahrnehmung das andere. Aber vielleicht können ja auch wir einmal unsere Wahrnehmung ändern und in eine andere Richtung schauen. Nicht auf das, was gerade alles nicht geht – sondern auf das, was möglich ist, was an Gutem passiert. Nachbarn, die füreinander einkaufen. Menschen, die viel Kreativität und Ideen entwickeln, Gottesdienste und anderes trotz geschlossener Kirchen mit modernen Medien zu den Menschen zu bringen. Eine große Bereitschaft unter den Menschen in unserem Land, die Einschränkungen der persönlichen Freiheit zu akzeptieren, obwohl wir gerade beste Fest-, Ausflugs-  und Biergartenzeit haben. Der viel gescholtene Egoismus der postmodernen Gesellschaft tritt scheinbar tatsächlich ein Stück zurück und macht dem Gemeinsinn Platz. Ja, wir sind in einer Pandemie, aber die Krise macht auch viel Gutes sichtbar, was uns sonst vielleicht nicht aufgefallen wäre oder was im Getriebe des geschäftigen Alltags gar keinen Raum hatte.

     

    Ich will wachsam bleiben und aufmerksam auf das Gute schauen, das sich entwickelt. Geweckt dafür, dass nicht nur die ermüdende Herausforderung da ist, sondern auch die ermutigenden Taten der Menschen.

     

    Gott ist die Liebe, und an Taten der Liebe, die von Menschen vollbracht werden, sehe ich, dass Gott auch in der Krise noch da ist.

    3.    Beflügelt

    Gott ist noch da, wenn auch vielleicht anders, als ich es erwarte oder mir wünschen würde. Ich sehe ihn am Werk in dem Guten, das in der Krise auch geschieht. Und darum möchte ich nicht nur Beobachter bleiben. Der aufweckende Blickwechsel, der aus der Müdigkeit heraus holt, ist ein guter erster Schritt. Aber für den Propheten folgt dann noch ein zweiter. Gott wird nicht müde, und er gibt Kraft und Stärke denen, die sie brauchen. Die auf ihn „harren“, bekommen Kraft, die ihnen Flügel verleiht. Nicht „Red Bull verleiht Flügel“, sondern das harren auf Jahwe, den Gott Israels und der Christen, der Jesus vom Tod auferweckt hat. Ausharren, dran bleiben, festhalten an Gott auch gegen alle Wahrscheinlichkeit, das beflügelt. Solche Menschen brauchen wir, besonders in Krisenzeiten, die von Gott beflügelt sind. Das hilft, gegen alles was uns müde und matt macht, trotzdem die Hoffnung nicht zu verlieren. Trotzdem zu vertrauen, dass es ein Leben auch mit und sogar nach der Corona-Pandemie geben wird. Wer an Gott festhält, auf Gott harrt, der ist ein Mensch des Glaubens. So einer hat Hoffnung. Gott ist doch der Ursprung von allem, was da ist. Ein Schöpfer liebt seine Schöpfung und gibt sie nicht auf. Wer noch Hoffnung hat, der ist ermutigt zu Taten der Liebe, weil er weiß: Es lohnt sich. Und er bekommt aus dem Harren auf Gott, aus dem Glauben, auch die Kraft zum Handeln, die alle Müdigkeit überwinden kann.

     

    Wo ist Gott in der Krise: Er ist da, wo er immer ist. In seinem Sohn Jesus Christus ist er der Seite der Menschen, ganz bei uns. Er ermutigt und beflügelt uns, einander beizustehen und gegenseitig Mut zu machen. Er löst nicht einfach unsere Probleme für uns. Aber er trägt und erträgt sie mit uns und gibt denen, die es wollen, Kraft und Ausdauer genug, um die Krise durchzuhalten und sogar noch von dem weiter zu geben, was wir von ihm bekommen.

    Amen.

     

    Der Friede Gottes, der höher ist als alle Vernunft, bewahre eure Herzen und Sinne in Christus Jesus, unserem Herrn.

    Amen.

  • Predigt zu Ostern (12.04.2020)

    Predigt 1. Korinther 15,(12-18)19-28

    Gnade sei mit Euch und Friede von Gott unserm Vater und dem Herrn Jesus Christus.

    Amen.

    Predigttext:

    [12Wenn aber Christus gepredigt wird, dass er von den Toten auferweckt ist, wie sagen dann einige unter euch: Es gibt keine Auferstehung der Toten? 13Gibt es keine Auferstehung der Toten, so ist auch Christus nicht auferweckt worden. 14Ist aber Christus nicht auferweckt worden, so ist unsre Predigt vergeblich, so ist auch euer Glaube vergeblich. 15Wir würden dann auch als falsche Zeugen Gottes befunden, weil wir gegen Gott bezeugt hätten, er habe Christus auferweckt, den er nicht auferweckt hätte, wenn doch die Toten nicht auferstehen. 16Denn wenn die Toten nicht auferstehen, so ist Christus auch nicht auferstanden. 17Ist Christus aber nicht auferstanden, so ist euer Glaube nichtig, so seid ihr noch in euren Sünden; 18dann sind auch die, die in Christus entschlafen sind, verloren.] 19Hoffen wir allein in diesem Leben auf Christus, so sind wir die elendesten unter allen Menschen.

     

    20Nun aber ist Christus auferweckt von den Toten als Erstling unter denen, die entschlafen sind. 21Denn da durch einen Menschen der Tod gekommen ist, so kommt auch durch einen Menschen die Auferstehung der Toten. 22Denn wie in Adam alle sterben, so werden in Christus alle lebendig gemacht werden. 23Ein jeder aber in der für ihn bestimmten Ordnung: als Erstling Christus; danach die Christus angehören, wenn er kommen wird; 24danach das Ende, wenn er das Reich Gott, dem Vater, übergeben wird, nachdem er vernichtet hat alle Herrschaft und alle Macht und Gewalt. 25Denn er muss herrschen, bis Gott "alle Feinde unter seine Füße gelegt hat" (Psalm 110,1). 26Der letzte Feind, der vernichtet wird, ist der Tod. 27Denn "alles hat er unter seine Füße getan" (Psalm 8,7). Wenn es aber heißt, alles sei ihm unterworfen, so ist offenbar, dass der ausgenommen ist, der ihm alles unterworfen hat. 28Wenn aber alles ihm untertan sein wird, dann wird auch der Sohn selbst untertan sein dem, der ihm alles unterworfen hat, auf dass Gott sei alles in allem.

    Der Herr ist auferstanden!

    Liebe Gemeinde!

     

    In diesem Jahr feiern wir Ostern auf eine für uns bisher nicht vorstellbare Art: Ohne gemeinsame Gottesdienste, ohne Familienfeste, ohne Restaurantbesuche, ohne Osterfeuer, ohne viele vertraute und liebgewordene Traditionen. Es fühlt sich für den einen oder anderen vielleicht sogar so an, als sei Ostern ausgefallen. Dafür kommt uns gleichzeitig die neue Krankheit Covid19 immer näher. Ich denke, viele Menschen wissen inzwischen von jemanden aus ihrem Bekannten- oder Verwandtenkreis, der daran erkrankt ist, der vielleicht sogar daran gestorben ist.

    1.    Der Tod wird greifbar

    Wir werden daran erinnert, dass wir sterblich sind, dass wir unser Leben nicht selbst in der Hand haben, das Leben immer gefährdet ist. Meistens können wir das in unserer Welt des Fortschritts und des Wohlstands verdrängen. Bilder von Menschen in armen Ländern, von Menschen auf der Flucht, von Menschen im Elend, dringen durch die Medien zu uns durch. Vielleicht helfen wir mit der einen oder anderen Spende, die Not ein wenig zu lindern. Das ist oft der berühmte „Tropfen auf dem heißen Stein“, aber besser als nichts. Trotzdem – diese Ereignisse bleiben weit weg, auch dann wenn die Bilder uns nahegehen und nachgehen. Solche Dinge passieren in Teilen der Welt, die nicht unsere sind. Bei uns geht es so nicht zu. Wir können diese Wirklichkeit verdrängen.

     

    Auch mit der Sars-CoV-2-Pandemie machen es viele immer noch so. Die Seiten im Internet, die sich als „alternative Medien“ bezeichnen, haben regen Zulauf. Millionenfach werden die Beiträge anschgeschaut und gelesen, die alles mit einer großen Weltverschwörung erklären wollen und uns sagen, in Wirklichkeit gibt es das alles gar nicht.

     

    Anfangs – so Ende Januar des Jahres, als erste Berichte über das neue Coronavirus bekannt wurden, war ich auch skeptisch, ob das nicht alles übertrieben ist. Ich erinnerte mich noch gut an den Wirbel um die Schweinegrippe 2009 und wie wenig dramatisch das dann am Ende war – jedenfalls in Deutschland. Ich habe mich dann eines Besseren belehren lassen. Und trotzdem – bei allem Ernst der Lage – am Ende war die Pandemie doch etwas, was mich nicht direkt berührte. Ich kannte ja keinen persönlich, der direkt betroffen war. Es waren Zahlen auf einem Blatt Papier, beeindruckend, beunruhigend, besorgniserregend, aber doch befremdlich fern. So lange, bis ich vom Tod des Lebensgefährten einer Bekannten hörte – der an Covid19 gestorben war. Plötzlich waren die Zahlen real. Plötzlich wurde aus der Statistik ein echtes Ereignis, das mit mir persönlich zu tun hat. Kein sicherer Abstand nach Art von „das passiert nur den Anderen“ war mehr da. Wenn Sie so wollen: Die Wirklichkeit des Todes war in meine Welt eingebrochen.

     

    Ich glaube, den Jüngern am Karfreitag, vielleicht schon bei der Gefangennahme am Gründonnerstag, ging es ähnlich. Bis dahin konnten sie verdrängen, was Jesus immer wieder gesagt hatte über sein Leiden und Sterben. Es war ja noch nichts passiert. Vielleicht sah Jesus die ganze Sache ja zu dramatisch. Als er gefangen war und vor Gericht stand, da konnten die Jünger das, was Jesus ihnen vorher schon gesagt hatte, nicht mehr verdrängen: „Ich werde in die Hand meiner Feinde ausgeliefert werden.“ Und als er schließlich am Kreuz hing, da war endgültig die Wirklichkeit des Todes in ihre Welt eingebrochen. Jesus, der Messias, Sohn des lebendigen Gottes, stirbt. Der Tod wird greifbar. Und zugleich wird für alle deutlich: Der Tod ist greifbar, aber unangreifbar. Der Tod hat eine Macht, vor der alles Leben weichen muss. Der Tod spricht das letzte Wort – sogar über Jesus.

    2.    Der Tod ist angreifbar

    Ostern, das Frühlingsfest des erwachenden Lebens – und zugleich die Erinnerung an den Tod – wie passt das zusammen?

     

    Im Glauben der Christen gehört beides selbstverständlich zusammen. Ohne Karfreitag hätte Ostern keinen tieferen Sinn. Es wäre nur ein Frühlingsfest. So wird es ja von vielen Menschen inzwischen auch begangen. Aber Ostern ist mehr. „Der Herr ist auferstanden, er ist wahrhaftig auferstanden“ ist der Ostergruß der Christen. Damit sprechen Menschen sich gegenseitig zu: Der Tod hat nicht das letzte Wort. Jesus lebt. Er ist, so unser Predigttext, „der Erstling unter denen, die entschlafen sind“, der vom Tod aufgeweckt wurde. Die unheimliche Macht des Todes über alles, was lebt, ist durchbrochen. Einer kam durch diese Grenze zurück. Bis dahin galt: Es ist noch keiner zurückgekommen. Das stimmt seit Ostern nicht mehr. Jesus war tot und ist lebendig und hat die Schlüssel des Todes und der Hölle, so sagt es der Wochenspruch für die Osterwoche.

     

    Das heißt: Der unangreifbare Tod ist angreifbar geworden. Einen konnte er schonmal nicht festhalten. Warum sollte das nicht auch für andere so sein? Aus diesem Bekenntnis zu Jesus, der von den Toten auferstanden ist, kommt der Glaube der Christen an eine Auferstehung aller Toten. Wenn Jesus die neue Welt Gottes aufrichten wird, werden alle, die zu ihm gehören, aus den Gräbern heraus gerufen und mit ihm Leben in dieser neuen Welt Gottes. Es gibt noch mehr, er gibt Leben, das über diese Welt und unser jetziges Leben hinaus geht. In dieser neuen Welt Gottes ist sogar der Tod besiegt – es gibt in dieser Welt keinen Tod mehr. Der letzte Feind des Lebens ist nicht nur angreifbar, er ist bezwungen.

    3.    Jesus ist Herr

    Das ist die große Hoffnungsgeschichte von Ostern. Diese Hoffnung gilt, seit Jesus das Grab leer zurück ließ. Er ist auch der Herr über den Tod. Wer stirbt, ist nicht einfach so weg, sondern er ist in der Hand Jesu, in der Hand Gottes. Diese Hoffnung gilt auch dann, wenn wir sie nicht feiern können, in Gottesdiensten und Auferstehungsandachten.

     

    Die Rede von der Auferstehung ist keine billige Vertröstung auf ein besseres Jenseits. Ja, der Tod ist noch real, und die aktuelle Pandemie führt uns das mit beeindruckender Härte vor Augen. Das Leben ist trotz Ostern immer noch gefährdet. Aber der Blick auf das leere Grab weckt Hoffnung. Hoffnung, dass es nicht für immer so sein muss. Hoffnung, dass der Tod, der uns mit der Pandemie nahe kommt, besiegt werden kann. Dass es eine Impfung und Medikamente geben kann. Die Wissenschaftler, die sich auf solche Forschungen spezialisiert haben, arbeiten mit aller Kraft daran. Sie sind von der Hoffnung getragen, dass der Tod, der uns durch eine schwere Krankheit nahe kommt, zumindest in der Form der Krankheit besiegt werden kann.

     

    Der Tod ist durch medizinischen Fortschritt schon angreifbar geworden – und er wird es immer ein bisschen mehr. Aber am Ende eines Lebens, egal wie lang es gewesen sein mag, wartet er noch. Noch. Der Ruf: „Der Herr ist auferstanden“ erinnert uns: Zuletzt wird der Tod nicht nur in Form einer Krankheit, die man behandeln kann, sondern in seiner ganzen Härte und Endgültigkeit besiegt werden. Wann das sein wird, weiß niemand. Zeit und Stunde sind uns nicht bekannt. Aber dass es so sein wird, darin sind sich alle Schreiber der biblischen Texte sicher. Das hat Jesus selbst so gesagt, und daran halte auch ich mich fest: Der Tod ist real, doch der Tod ist angreifbar, denn Jesus, der Herr, ist auferstanden und wird den Tod endgültig besiegen.

    Amen.

     

    Der Friede Gottes, der höher ist als alle Vernunft, bewahre eure Herzen und Sinne in Christus Jesus, unserem Herrn.

    Amen.

  • Predigt zum Gründonnerstag (09.04.2020)

    Predigt Matthäus 26,17-30

    Kanzelgruß: Gnade sei mit Euch und Friede von Gott unserm Vater und dem Herrn Jesus Christus. Amen.

    Predigttext:

    17Aber am ersten Tag der Ungesäuerten Brote traten die Jünger zu Jesus und sprachen: Wo willst du, dass wir dir das Passalamm zum Essen bereiten? 18Er sprach: Geht hin in die Stadt zu einem und sprecht zu ihm: Der Meister lässt dir sagen: Meine Zeit ist nahe; ich will bei dir das Passamahl halten mit meinen Jüngern. 19Und die Jünger taten, wie ihnen Jesus befohlen hatte, und bereiteten das Passalamm.

    20Und am Abend setzte er sich zu Tisch mit den Zwölfen. 21Und als sie aßen, sprach er: Wahrlich, ich sage euch: Einer unter euch wird mich verraten. 22Und sie wurden sehr betrübt und fingen an, jeder einzeln zu ihm zu sagen: Herr, bin ich's? 23Er antwortete und sprach: Der die Hand mit mir in die Schüssel taucht, der wird mich verraten. 24Der Menschensohn geht zwar dahin, wie von ihm geschrieben steht; doch weh dem Menschen, durch den der Menschensohn verraten wird! Es wäre für diesen Menschen besser, wenn er nie geboren wäre. 25Da antwortete Judas, der ihn verriet, und sprach: Bin ich's, Rabbi? Er sprach zu ihm: Du sagst es.

    26Als sie aber aßen, nahm Jesus das Brot, dankte und brach's und gab's den Jüngern und sprach: Nehmet, esset; das ist mein Leib. 27Und er nahm den Kelch und dankte, gab ihnen den und sprach: Trinket alle daraus; 28das ist mein Blut des Bundes, das vergossen wird für viele zur Vergebung der Sünden. 29Ich sage euch: Ich werde von nun an nicht mehr von diesem Gewächs des Weinstocks trinken bis an den Tag, an dem ich aufs Neue davon trinken werde mit euch in meines Vaters Reich. 30Und als sie den Lobgesang gesungen hatten, gingen sie hinaus an den Ölberg.

    Den Tod vor Augen

    Liebe Gemeinde!

    Wenn man die Passionsberichte bei Matthäus, Markus oder Lukas liest, dann verliert man eine wichtige Einzelheit leicht aus dem Blick. Der Text ist lang, und es werden viele Begebenheiten berichtet, die sich in kurzer Zeit abgespielt haben. Diese eine wichtige Einzelheit ist diese: Als Jesus am Abend des Passafestes mit seinen Jüngern zu Tisch sitzt bzw. liegt, da hat er nur noch weniger als 24 Stunden zu leben.

    Wir lesen die Einsetzung des Abendmahls mit gehörigem zeitlichem Abstand zu den Ereignissen, und wir lesen sie von hinten, vom Ausgang der Geschichte her. Erzählt ist alles vorwärts, und die, die damals dabei waren, haben es auch vorwärts erlebt. Zuerst die Salbung in Bethanien, in der Jesus von seinem Begräbnis spricht. Und nun die Passafeier, in der Jesus die Alten Worte und Texte der jüdischen Tradition mit etwas ganz neuem ergänzt: Das ist mein Leib, als er das Brot austeilt – das ist mein Blut des (neuen) Bundes, als er den Weinbecher herum reicht. Blut, das vergossen wird. Blutvergießen, das bedeutet Gewalt und Verletzung. Wieder redet Jesus von seinem Tod.

    Es ist schwer zu sagen, was die Jünger darüber dachten, die mit Jesus zum Essen zusammen waren. Jesus hatte insgesamt schon dreimal sein Leiden und Sterben angekündigt. Wenn man die Reaktionen anschaut, die bis dahin erfolgt waren, dann kann man wohl sagen: Die Jünger wollten es nicht glauben. Sie wollten es nicht wahrhaben. Es kann nicht sein, was nicht sein darf. Jesus darf nicht sterben. Es war noch keine Woche her, da ist er im Triumphzug in Jerusalem angekommen und wurde als neuer König Israels begrüßt, als Messias, Sohn Davids, der im Namen Gottes kommt. So einer stirbt doch nicht. Jeden Tag waren sie im Tempel gewesen. Jesus hatte vom Gericht Gottes gepredigt, von der neuen Welt Gottes, er hatte die Händler im Tempel davon gejagt, damit dort wieder Ruhe zur Begegnung mit Gott einzieht. Alle, die seine Schriftauslegung für falsch hielten, mussten nach verschiedenen Streitgesprächen klein beigeben. Jesus redete mit einer Kraft aus Gottes Geist, die es sonst nicht gab. So einer darf doch nicht sterben. Er muss weiter leben, sein Werk weiter führen, die neue Welt Gottes soll doch mit ihm kommen.

    So weit die menschlichen Vorstellungen und Wunschträume. Und wie meistens, sind genau diese menschlichen Wunschträume das große Problem. Die Jünger haben ein Bild von Jesus, und ein Bild von Gott, dem Jesus nun irgendwie entsprechen soll. Aber offenbar lässt sich Jesus nicht einfach in irgendeine Vorstellung pressen, die sich Menschen machen – selbst in die seiner engsten Gefährten nicht.

    Jesus hat den Tod vor Augen. Wie sich im Gebet später heraus stellt, ist Jesus keineswegs lebensmüde. Er will nicht leiden, er will nicht sterben. Kein Mensch will das. Außer ein paar masochistisch veranlagten und vielleicht ein paar seelisch kranken Menschen möchte niemand gerne leiden. Und sterben auch nicht. Wir wollen leben. Genauso wie Jesus das wollte. Und dennoch redet Jesus immer wieder von seinem Tod, macht seine Jünger darauf aufmerksam, riskiert Streit und heftigen Widerspruch. Warum das alles, wenn doch keiner seinen Tod will, außer den paar erklärten Feinden?

    Die Worte, die Jesus beim Passaessen mit dem Brot und dem Wein verknüpft, geben uns die Antwort. Der neue Bund wird mit Leib und Blut Jesu besiegelt. Jesus deutet seinen Tod – und seine Auferstehung – als Siegel für den neuen Bund, den Gott mit seiner Welt schließt. Der erste Bund wurde am Sinai geschlossen und galt für Israel. Israel wurde Gottes Volk, weil Gott es so wollte und die Menschen dazu „ja“ sagten. Der neue, der zweite Bund, wurde auf Golgatha geschlossen und gilt allen Menschen, die dazu „ja“ sagen wollen. Ein neues Gottesvolk soll entstehen, die Gojim – nicht-Juden – sind nicht mehr ausgeschlossen. Das Blut Jesu ist für die Jünger, die damals dabei waren, und für viele weitere vergossen worden. Jesus gibt sein Leben als Lösegeld, so erklärt er es an anderer Stelle. Die Menschen sollen wieder Gott gehören.

    Jesus hat den Tod vor Augen. Und trotzdem endet das Passaessen nicht mit Streit und nicht mit Angst und Verzweiflung, sondern, der Tradition folgend, mit Lobgesang aus den Psalmen 113-118. Trotz der bedrückenden Situation wird das Lob- und Danklied auf Gott angestimmt, der sein Volk befreit hat. Die Hoffnung auf Gott, der helfen kann, weil er schon geholfen hat, strahlt auch durch das Abschiedsessen hindurch, das Jesus mit seinen Jüngern feiert.

    Das alles ist Abendmahl. Gemeinschaft mit Jesus, eingeladen an seinen Tisch, damit wir mit ihm feiern können. Gemeinschaft untereinander, weil im und beim Abendmahl die Unterschiede, die es zwischen uns gibt, unwichtig werden. Hoffnung auf Gott, der retten kann und helfen wird. Wir sind alle gemeinsam als Gäste Jesu eingeladen, nicht mehr und nicht weniger. Wir sind zusammen als von Gott gerecht gesprochene Menschen. Daran werden wir erinnert und daran sollen wir uns auch erinnern: Das tut zu meinem Gedächtnis, heißt es in den Einsetzungsworten des Abendmahls – vergesst nicht, wie sehr Gott euch Menschen liebt.

    Normalerweise feiern wir das Abendmahl in der Kirche, in großer Runde, damit wir genau das erleben: Gemeinschaft in der großen Runde der Gemeinde. Im Jahr 2020 geht das nicht. Vielleicht feiern manche ein Hausabendmahl mit dem Liturgievorschlag der Landeskirche. Damit machen wir es so ähnlich wie die ersten Christen kurz nach Pfingsten. Sie feierten das Abendmahl, das „Brotbrechen“, wie sie es damals nannten, in verschiedenen Privathäusern. Eigene, speziell dafür gedachte Versammlungshäuser hatten die ersten Christen noch nicht. Sie taten aber im kleinen Kreis das, was Jesus ihnen aufgetragen hatte: Dieses tut zur Erinnerung an mich: Brot brechen, Wein teilen. So wie damals gilt auch heute: Auch dann, wenn wir nur in einem kleinen Kreis zusammen kommen können, sind wir alle gemeinsam eingeladen, bei Jesus Gast zu sein: Kommt, denn es ist alles bereit. Schmecket und sehet, wie freundlich der Herr ist.

    Amen.

    Der Friede Gottes, der höher ist als alle Vernunft, bewahre Eure Herzen in Christus Jesus, unserem Herrn.

    Amen.

  • Predigt zum Sonntag Judika (29.03.2020)

    Predigt Hebräer 13,12-14

    Kanzelgruß: Gnade sei mit Euch und Friede von Gott unserm Vater und dem Herrn Jesus Christus. Amen.

    Predigttext:

    12Darum hat auch Jesus, damit er das Volk heilige durch sein eigenes Blut, gelitten draußen vor dem Tor. 13So lasst uns nun zu ihm hinausgehen vor das Lager und seine Schmach tragen. 14Denn wir haben hier keine bleibende Stadt, sondern die zukünftige suchen wir.

    Draußen oder drinnen?

    Liebe Gemeinde!

    Draußen oder drinnen, das ist zur Zeit keine Frage. In Zeiten der Kontaktvermeidung, der Reduktion sozialer Kontakte bis hin zur selbstgewählten oder verordneten Quarantäne sind wir natürlich drinnen. Drinnen in unseren Häusern und Wohnungen, im geschützten privaten Raum, in dem man noch mit den Menschen zusammen sein darf, mit denen man ohnehin in häuslicher Gemeinschaft lebt. Bleibt zu Hause, bleibt drinnen, ist ein immer wieder zu hörender Aufruf in diesen Tagen der Corona-Pandemie. Und natürlich ist dieser Aufruf berechtigt. Aber trotzdem stutze ich hier etwas. Draußen oder drinnen: Wenn wir selbstverständlich drinnen sind, in unseren Häusern, in den Familien, im sozialen Rückzugsraum, dann sind wir zugleich doch auch irgendwie draußen. Draußen wie raus nämlich aus unseren Beziehungsnetzwerken außerhalb der engsten Familie. Raus aus unserem beruflichen Alltag, wenn uns Kurzarbeit, HomeOffice oder gar eine Geschäftsschließung wie z. B. für Frieseure und Gastronomen verordnet ist. Raus aus dem Alltag der Schüler, weil Schulen geschlossen sind. Draußen oder drinnen – das ist offenbar eine Frage des Blickwinkels. Und was ist eigentlich schöner: Der Alltag, wie wir ihn gewohnt sind, mit seinen Herausforderungen und Verpflichtungen, die manchmal als Hamsterrad empfunden werden – oder die erzwungene Pause mit dem Rückzug in den engsten persönlichen Raum, die manchmal mit Hamsterkäufen begleitet wird? Draußen oder drinnen? Was gefällt ihnen besser?

     

    Wahrscheinlich gibt es auf diese Frage keine eindeutige Antwort. Wir haben ja auch gar nicht die Wahl, wir müssen wegen gesetzlicher Vorgaben und auch aus Rücksicht auf die besonders gefährdeten Mitmenschen drinnen bleiben in den Häusern und draußen aus unserem normalen Alltag und unseren erweiterten sozialen Vernetzungen.

     

    Draußen oder drinnen, das ist auch eine Frage, die der Hebräerbrief in unserem heute sehr kurzen Predigttext aufwirft. Bleibt man drinnen in der Stadt, im geschützten Raum, der von einer Mauer umschlossen ist und die Gefahren der Welt, wie sie damals war, draußen hält – oder geht man mit Jesus hinaus vor die Stadtmauern, wo sich das Sühnegeschehen abspielt, dass der Wochenspruch für den Sonntag „Judika“ andeutet: „Der Menschensohn ist nicht gekommen, dass er sich dienen lasse, sondern dass er diene und gebe sein Leben zur einer Erlösung für viele (Mt 20,28).“ Auf welche Seite gehören wir eigentlich? Und warum ist hier überhaupt von „draußen“ und „drinnen“ die Rede?

     

    Um den Zusammenhang zu verstehen, muss man einen Blick in Alte Testament werfen, in den Ablauf des großen Versöhnungstages, des „Jom Kippur“. In 3. Mose 16 wird geschildert, wie die über ein Jahr hinweg durch geschehene Schuld gestörte Beziehung zwischen Gott und seinem Volk wieder ins Reine kommt. Neben anderen Regeln zur Reinigung und Heiligung des Priesters und des Heiligtums ist da vom „Sündenbock“ die Rede. Der sprichwörtliche Sündenbock, zu dem jemand gemacht wird, hat hier seinen Ursprung. Auf den Kopf dieses Bockes legt der Priester seine Hände und bekennt die begangene Schuld der Menschen des Volkes Israel. Dann wird dieser Bock in die Wüste gebracht. Auch die Redensart „Jemanden in die Wüste schicken“ hat hier ihren Ursprung. Und weil Gott das so angeordnet hat und so gelten lässt, trägt der Sündenbock die über ihm ausgesprochenen Sünden aus der Versammlung der Israeliten hinaus. Sie sind weggetragen und stören die Verbindung zwischen Gott und seinem Volk nicht mehr. Durch die Feier des Versöhnungstages ist der Bund zwischen Gott und Israel wieder hergestellt, neu und frisch wie am ersten Tag.

     

    Weil wir Menschen nun einmal sind wie wir sind, egal ob damals Israel bei der Wanderung in der Wüste oder später als sesshaftes Volk in Kanaan, in der Zeit der Könige und Propheten, oder wir Menschen des 21. Jahrhunderts, bleibt es nicht aus, dass über den Verlauf eines Jahres sich neue Schuld anhäuft, die wiederum die Verbindung zu Gott stört. Gott will mit seinen Menschen Gemeinschaft haben, aber wir passen einfach nicht in diese Gemeinschaft hinein. Also muss der Versöhnungstag Jahr für Jahr wiederholt werden, um den Bund zwischen Gott und Volk immer wieder zu erneuern. Im Lauf der Jahre braucht es ganz schön viele Sündenböcke, die dann in die Wüste geschickt werden. Manchmal, auch wenn das von Gott, der jeden Menschen liebt und annimmt, sicher so nicht gedacht ist, gehen wir auch miteinander so um, dass wir jemanden für etwas zum Sündenbock machen und ihn dann in die Wüste schicken, damit wir das Problem und die Verantwortung los sind.

     

    Den Ablauf dieses Versöhnungsrituals überträgt der Schreiber des Hebräerbriefs auf das Sterben Jesu draußen vor der Stadtmauer der Stadt Jerusalem. Warum stirbt Jesus, der Retter der Welt, der Sohn Gottes, an einem römischen Galgen auf einem Richtplatz außerhalb der Königsstadt Jerusalem? Er hätte doch in Jerusalem König werden sollen, das haben zumindest seine Anhänger und Freunde einige Tage vorher erwartet – vom Palmsonntag bis Karfreitag sind es nur 5 Tage! Der Schreiber des Hebräerbriefs sagt: Jesus wurde zum Sündenbock gemacht. Was in der Zeit des alten Bundes der Versöhnungstag war, ist in der Zeit des neuen Bundes das Lösegeld, das Jesus mit seinem Leben bezahlt – draußen vor der Stadt. Jedes Mal, wenn wir Abendmahl feiern, werden wir mit den Einsetzungsworten daran erinnert: „Dieser Kelch ist der neue Bund in meinem Blut.“ Jesus lässt es sich etwas kosten, den Bund Gottes mit den Menschen zu erneuern und ein für alle Mal gültig zu machen. Das Schöne daran ist: Es braucht jetzt keinen Sündenbock mehr. Wir müssen niemanden mehr in die Wüste schicken, um eigene Schuld zu verbergen. Es gibt ja schon einen Sündenbock, dem alles das, was mich von Gott trennt, schon aufgelegt wurde. Die Frage, die noch bleibt, ist wieder: Draußen oder drinnen? Und genauso wie zu gerade jetzt in der Zeit der Corona-Krise, ist die Antwort zweischneidig. Drinnen sein in der Stadt, im bequemen Schutzraum des gewohnten und vertrauten, das bedeutet, nicht auf der Seite von Jesus zu sein, denn Jesus ist draußen vor der Stadt. Draußen zu sein bei Jesus, das bedeutet wiederum, drinnen zu sein in der Gemeinschaft mit Gott – und es bedeutet zugleich, dass das Leben eine neue Richtung bekommt. Wir haben keine bleibende Stadt, sondern sind auf die zukünftige, neue Welt Gottes ausgerichtet, um die wir im „Vater unser“ beten: „Dein Reich komme“. Wer auf Gottes neue Welt ausgerichtet ist, ist aber nicht weltfremd und entrückt, sondern steht gerade mit beiden Beinen fest auf dieser Erde. Wer betet: „Dein Reich komme“, der wirkt auch daran mit, dass schon ein wenig von der neuen Welt Gottes in der Alltagswelt 2020 sichtbar wird.

     

    Draußen oder drinnen? Wer draußen bei Jesus vor der Stadt ist, wo sich die Versöhnung abspielt, der ist zugleich drinnen bei den Menschen, weil auch Jesus als der Sündenbock der Welt ganz bei den Menschen und für die Menschen ist. Gerade in Krisenzeiten wie der aktuellen Pandemie wird sich das bewähren.

    Amen.

    Der Friede Gottes, der höher ist als alle Vernunft, bewahre Eure Herzen in Christus Jesus, unserem Herrn.

    Amen.

  • Predigt zum Sonntag Lätare (22.03.2020)

    Predigt Jesaja 66,10-14

    Gnade sei mit Euch und Friede von Gott unserm Vater und dem Herrn Jesus Christus. Amen.

    Predigttext

    10Freuet euch mit Jerusalem und seid fröhlich über die Stadt, alle, die ihr sie lieb habt! Freuet euch mit ihr, alle, die ihr über sie traurig gewesen seid. 11Denn nun dürft ihr saugen und euch satt trinken an den Brüsten ihres Trostes; denn nun dürft ihr reichlich trinken und euch erfreuen an ihrer vollen Mutterbrust. 12Denn so spricht der HERR: Siehe, ich breite aus bei ihr den Frieden wie einen Strom und den Reichtum der Völker wie einen überströmenden Bach. Da werdet ihr saugen, auf dem Arm wird man euch tragen und auf den Knien euch liebkosen. 13Ich will euch trösten, wie einen seine Mutter tröstet; ja, ihr sollt an Jerusalem getröstet werden. 14Ihr werdet's sehen und euer Herz wird sich freuen, und euer Gebein soll grünen wie Gras. Dann wird man erkennen die Hand des HERRN an seinen Knechten und den Zorn an seinen Feinden.

    Bist du noch bei Trost?

    Liebe Gemeinde!

     

    Vielleicht kennen Sie den Ausruf, den ich als Überschrift über die Predigt gewählt habe. In meiner Heimat in Norddeutschland verwendet man diesen Ausruf, wenn man der Meinung ist, dass jemand etwas völlig verrücktes oder extrem gefährliches tut, mithin etwas komplett unsinniges. Mit anderen Worte, da hat jemand den Trost des gesunden Menschenverstandes offensichtlich komplett von sich geworfen. Unser Wort „Trost“ ist mit dem Wort „Treue“ verwandt und mit dem englischen Wort „trust“. Trust bedeutet Vertrauen. Bei Trost sein heißt dann also, ein Grundvertrauen in das Leben zu haben. Wer nicht mehr bei Trost ist, hat dieses Grundvertrauen verloren und macht entsprechend mehr oder weniger unsinnige, dumme oder gefährliche Dinge. Wie aber bleibt man „bei Trost“? Wie findet man Trost, in Zeiten von Corona-Krise, Home-Office, Schulschließungen, Sorge um die eigene Gesundheit oder die von Freunden und Verwandten? Wie kann man noch Vertrauen haben in das Leben im allgemeinen, in all die Sicherheiten, von denen wir uns abhängig machen, im speziellen? Und kann man noch in Gott vertrauen haben?

    1.    Eingeholt von der Realität

    Freut euch mit Jerusalem, so beginnt der Predigttext. Dieser Satz hat dem heutigen Sonntag seinen Namen gegeben: Lätare – freut euch. Ein kleines Freudenfest mitten in der Passionszeit. Aber gerade in diesem Jahr 2020 scheint es am Sonntag Lätare nicht allzu viel zu geben, an dem man sich freuen kann. Das Mittagessen im Restaurant ist verboten. Der Ausflug mit der Familie in den Zoo oder ins Schwimmbad ist verboten. Selbst die Familienangehörigen im Nachbarort zu besuchen, ist zur Zeit nicht zu empfehlen. Ein Virus, das viele von uns alle irgendwann infizieren wird, sorgt für enge Beschränkungen. Lätare? Freut Euch? Von wegen.

     

    Damit sind wir in guter Gesellschaft. Immer schon hat es Zeiten gegeben, wo plötzlich Dinge herein brachen, mit denen niemand gerechnet hatte. Im Mittelalter gab es die verschiedenen Wellen der Pest. 1829/30 kam die große Cholera-Epidemie nach Europa und nach Deutschland. Kriege, Hungersnöte durch Missernten und manches mehr. Alles das hat es schon gegeben, und die Menschheit hat es überlebt. Aber für einzelne Menschen brachte die Situation oft große Not mit sich, viel persönliches Leid, und für manchen auch den Tod.

     

    In einer ähnlichen Situation steckten auch die Menschen in Jerusalem fest, denen die Worte aus unserem Predigttext zuerst zugesprochen wurden. Der Schrecken des Exils war überwunden, Gott hatte einen neuen Anfang geschenkt. Die nach Babylon verschleppten Israeliten, genauer, deren Enkel und Urenkel, durften zurück in die alte Heimat. Allerdings folgte auf die Freude schnell Ernüchterung. Das Land, das 70 Jahre vorher durch Krieg und Gewalt verheert worden war, lag immer noch in Trümmern. 70 Jahre lang hatte niemand die Äcker bestellt, die zerstörten Häuser waren nicht wieder aufgebaut, der Tempel lag immer noch als Ruine da. Die verklärte Vergangenheit, die kollektive Erinnerung an ein wunderbares Jerusalem, dass Mittelpunkt des politischen und geistlichen Lebens gewesen war, wurde von der Wirklichkeit eingeholt. Es gibt im Alten Testament eine Reihe von Texten, die sich mit dieser Zeit befassen und von den Problemen der Menschen erzählen. Wiederaufbau – das sollte eigentlich eine Zeit der Hoffnung sein, eine Zeit des Trostes. Aber es war doch oft nur eine Zeit großer Mühen. Alleine der Wiederaufbau des Tempels dauerte 25 Jahre und war von vielen Schwierigkeiten und Widerständen begleitet.

     

    Irgendwann war wohl bei vielen der Heimkehrer die Kraft und der Mut und die Hoffnung erschöpft. Da war kein Trost, kein Vertrauen mehr da, dass irgendetwas nochmal besser werden könnte. Die Mühen von Tag zu Tag deuteten eher auf das Gegenteil.

     

    Noch einmal zu uns. Eine Woche haben wir nun hinter uns mit immer strafferen Beschränkungen unseres Alltags. Schüler machen HomeSchooling, Arbeitnehmer HomeOffice, viele Geschäfte dürfen nicht mehr öffnen, unsere Bewegungsfreiheit ist eingeschränkt. Das kann zu einer großen Belastung werden. Unsere offene, freiheitliche Gesellschaft schenkt uns eine gewaltige Menge an Entfaltungsmöglichkeiten. Manche nutzt man, manche nicht, manche sind uninteressant für mich, aber vielleicht für jemand anderen umso interessanter. Aber wenn das alles eingeschränkt wird, fehlen mir plötzlich auch Möglichkeiten, für die ich mich bisher gar nicht erwärmen konnte. Selbst der faulste Schüler wird die Schule irgendwann vermissen, weil er ja nichts hat, was er alternativ tun kann. Solche Beschränkungen hat es in unserem Land seit mehr als 70 Jahren nicht mehr gegeben, nur einige der Älteren erinnern sich vielleicht noch daran.

     

    Die Realität hat uns eingeholt: Das Leben ist nicht vollständig kontrollierbar. Es ist nicht alles planbar, wir können nicht alles unserer Kontrolle unterwerfen. Manchmal sind wir einfach dem unterworfen, was das Leben in dieser Welt mit sich bringt. Dieses Mal ist es ein neuartiges Virus, auf das sich die Menschen erst einmal einstellen müssen.

    2.    Eingehüllt in den Trost Gottes

    Wie ist das jetzt mit Lätare – freut euch? Was ist mit dem Trost, der wie ein reicher Strom ausgebreitet werden soll? Das haben sich die Menschen in Israel damals gefragt und auch wir fragen uns natürlich, wie es damit denn nun aussieht. Ist das Versprechen Gottes an einer harten Wirklichkeit gescheitert? Damals zur Zeit des Wiederaufbaus war es besonders der Ruf nach Frieden, der zu hören war. Alle ringsum lebenden Staaten bedrängten die Heimkehrer. Niemand wollte ein wieder aufgebautes Jerusalem, das wieder ein Machtzentrum hätte werden können. Militärische Bedrohung war an der Tagesordnung. Hinzu kam die Abgabenpflicht Persien gegenüber und mache ganz alltäglichen Probleme. Da hinein sagt einer Gottes Wort ganz in der Tradition des Propheten Jesaja: Freut euch. Mit und über Jerusalem. Freut euch. Ihr werdet getröstet werden. Ich will euch trösten, wie einen eine Mutter tröstet. Jerusalem wird euch ernähren, wie eine Mutter ihren Säugling ernährt.

     

    Man spürt förmlich die Spannung. Denn die Gegenwart zeigt doch etwas ganz anderes. Und dennoch lässt Gott sein Wort hören. Und das ist nicht nur eine Vertröstung auf eine bessere Zukunft irgendwann einmal. Das Wort vom Trost soll genau das sein. Trost. Trost in einer schwierigen Situation. Aber zum Trost gehört Vertrauen. Sich von Gott trösten zu lassen, erfordert Gottvertrauen. Sich von der Mutter trösten zu lassen, erfordert Vertrauen in die Mutter. Aber genau das haben kleine Kinder ja. Ein Kind, das beim Spielen hinfällt und sich wehtut, kommt weinend zur Mutter. Manchmal genügt schon die Zuwendung der Mutter, und der Schmerz ist vergessen. Vielleicht noch ein Pflaster aufs Knie oder den Ellbogen, und alles ist wieder gut. Das heißt doch „trösten“. Wissen, zu wem man gehen kann. Wo man die Fragen des Lebens anbringen kann. Für das Kind das etwas aufgeschürfte Knie, für die Jerusalemer vor 2500 Jahren ihre Not beim Wiederaufbau und für uns die Fragen, die sich aus der Corona-Krise ergeben: Welche gesundheitlichen Folgen wird das haben, für mich und für andere? Welche wirtschaftlichen Folgen wird das haben? Werden als Folge der Krise Menschen ihre Arbeit verlieren? Werde ich vielleicht doch schwer erkranken – oder einer meiner Angehörigen, eine Freundin vielleicht?

     

    Diese Fragen dürfen wir zu Gott bringen. Damit haben unsere Lebensfragen eine Adresse. Ein anonymes Schicksal kann ich nicht fragen: „Warum?“ Oder: „Wie soll es weiter gehen?“ Gott kann ich das alles fragen. Er hält meine Fragen aus.

     

    Es bleibt eine Spannung zwischen Verheißung und Erfüllung. Es ist auch in der Bibel manches versprochen, was so noch nicht eingelöst ist. Aber auch das kann ich vor Gott ausbreiten. Manche Antwort werde ich vielleicht nicht bekommen. Aber Trost meint eben auch, darauf vertrauen, dass Gott es gut meint. Mit mir und mit uns allen. Daran möchte ich mich auch in der Corona-Krise festhalten. Und mit diesem Wissen im Hintergrund können wir vielleicht sogar in der Krise aktiv werden. Wir werden in den kommenden Wochen sicher manches an gegenseitiger Hilfe brauchen. Vertrauen führt zu Hoffnung und Hoffnung führt dazu, dass wir Menschen einander Gutes tun, gegenseitig helfen und unterstützen, weil wir wissen, dass es sich lohnt. So kann selbst aus einer Krise gutes hervor kommen.

     

    Amen.

    Der Friede Gottes, der höher ist als alle Vernunft, bewahre Eure Herzen in Christus Jesus, unserem Herrn.

     

    Amen.

  • Predigt zum Sonntag Reminszere (08.03.2020)

    Predigt Römer 5,1-5(6-11)

    Gnade sei mit Euch und Friede von Gott unserm Vater und dem Herrn Jesus Christus. Amen.

    Predigttext

    1Da wir nun gerecht geworden sind durch den Glauben, haben wir Frieden mit Gott durch unsern Herrn Jesus Christus. 2Durch ihn haben wir auch den Zugang im Glauben zu dieser Gnade, in der wir stehen, und rühmen uns der Hoffnung auf die Herrlichkeit, die Gott geben wird. 3Nicht allein aber das, sondern wir rühmen uns auch der Bedrängnisse, weil wir wissen, dass Bedrängnis Geduld bringt, 4Geduld aber Bewährung, Bewährung aber Hoffnung, 5Hoffnung aber lässt nicht zuschanden werden; denn die Liebe Gottes ist ausgegossen in unsre Herzen durch den Heiligen Geist, der uns gegeben ist.

    [6Denn Christus ist schon zu der Zeit, als wir noch schwach waren, für uns Gottlose gestorben. 7Nun stirbt kaum jemand um eines Gerechten willen; um des Guten willen wagt er vielleicht sein Leben. 8Gott aber erweist seine Liebe zu uns darin, dass Christus für uns gestorben ist, als wir noch Sünder waren. 9Um wie viel mehr werden wir nun durch ihn gerettet werden vor dem Zorn, nachdem wir jetzt durch sein Blut gerecht geworden sind. 10Denn wenn wir mit Gott versöhnt worden sind durch den Tod seines Sohnes, als wir noch Feinde waren, um wie viel mehr werden wir selig werden durch sein Leben, nachdem wir nun versöhnt sind. 11Nicht allein aber das, sondern wir rühmen uns auch Gottes durch unsern Herrn Jesus Christus, durch den wir jetzt die Versöhnung empfangen haben.]

     

    Liebe Gemeinde!

     

    Vielleicht haben sie den bekannten Satz aus 1. Kor 13,13 im Ohr: Nun aber bleiben Glaube, Hoffnung Liebe, aber die Liebe ist die Größte unter ihnen. Auch in diesem kurzen Abschnitt aus dem Römerbrief, unserem Predigttext, kommen die drei Worte wieder vor. Glaube – Hoffnung – Liebe, dieser Dreiklang gestaltet das Leben jedes Einzelnen vor Gott und der Gemeinde der Christen insgesamt – hier am Ort und auf der ganzen Welt. Darum habe ich heute die Predigt mit diesem Dreiklang gegliedert.

    1. Gerecht durch Glauben

    Wir sind gerecht geworden. Sie sind gerecht geworden. Ich bin gerecht geworden. Das müssen Sie einmal ganz langsam für sich aussprechen, vielleicht immer wieder vor sich hin murmeln: Ich bin gerecht. Gerecht gesprochen. Im Bild einer Gerichtsverhandlung: Freigesprochen. Und zwar nicht wegen erwiesener Unschuld oder Zweifel an der Schuld, so dass eben wegen des Zweifels für die Angeklagte entschieden wird – sondern gerecht gesprochen trotz der Schuld vor Gott.

    Es ist unpopulär, von Schuld und Sünde zu sprechen. Lange Zeit hat die kirchliche Lehre auf diese Weise versucht, Menschen unter Kontrolle und in Abhängigkeit von der Macht der Kirche zu halten. Martin Luthers Erkenntnis, dass der Glaubende Mensch, der Christ, eben durch diesen Glauben vor Gott gerecht ist und die Vermittlung der Kirche dafür nicht braucht, erschütterte diesen Machtanspruch. Doch auch die Ev. Kirche hat über die Zeit wieder versucht, Macht über Menschen auszuüben. Die Verbindung von staatlicher und kirchlicher Macht in den Fürstentümern nach dem 30jährigen Krieg hat dazu geführt, aus Christen gute Untertanen zu machen – auch dann, wenn der Staat Dinge tut, die Gott nicht gefallen können. Man muss ja der Obrigkeit untertan sein, alles andere wäre Sünde. Ich weiß, ich vereinfache hier komplizierte Geschichte. Mir geht es hier nur darum, zu zeigen, warum heute wenig von Schuld vor Gott gesprochen wird. Menschen fühlen sich nicht schuldig – und wir wollen ihnen auch keinen Schuldkomplex einreden. Das wäre nicht gesund. Aber die Bibel redet an vielen Stellen von Schuld vor Gott. Paulus tut es im Römerbrief auch, an anderen Stellen sehr direkt, in unserem Predigttext indirekt.

    Wir sind gerecht geworden – das heißt doch, wir waren es einmal nicht. Wir haben Dinge getan, ein Leben geführt, das uns nicht gerecht sein lässt. Vielleicht ist es auch noch viel grundlegender: Wir sind im tiefsten und innersten Feinde Gottes, weil wir seinen Anspruch auf unser Leben nicht annehmen wollen – nicht annehmen können. Vielleicht erinnert sich der eine oder die andere noch an die Predigt vom vergangenen Sonntag: Sein wollen wie Gott, das bringt uns in Konkurrenz zu Gott. Wir können gar nicht anders, als Gegner Gottes sein, weil wir ja wie Gott sein wollen. Für viele Menschen mag das gar nichts Schlimmes sein. Über Gott wird gar nicht groß nachgedacht. Wozu auch – es lebt sich auch so ganz gut. Ich verurteile niemanden dafür, dass er so denkt. Aber ich bin überzeugt davon, dass die materielle Welt nur die halbe Wahrheit ist, dass es mehr gibt, dass hinter dem Geschaffenen ein Schöpfer steht und kein blinder Zufall. Und wenn ich davon überzeugt bin, dann muss ich auch annehmen, dass dieser Schöpfer Sie und mich zu einem Zweck gewollt hat. Und dann ist es eben vor diesem Schöpfer Schuld, die er einfordern kann, wenn ich diesen Lebenssinn ignoriere. Deshalb ist es so etwas Besonderes, wenn Paulus schreibt: Wir sind gerecht geworden. Alle Zielverfehlung, alles „an Gott vorbei leben“, jedes „den lieben Gott einen guten Mann sein lassen“ ist aus der Anklageschrift gestrichen. Wir haben Frieden mit Gott durch Jesus Christus. Wer das glaubt, für den gilt das auch. Wer das nicht will, für den gilt es nicht.

    In einem Bild gesprochen: Wenn einer von euch Konfis einem anderen das neue iPhone kaputt macht, dann ist das ein Schaden, den man ersetzen muss. Aber so ein iPhone ist teuer, nicht jeder hat so viel Geld. Jetzt kommt einer und sagt: „Ich bezahle das für dich.“ Wenn du das annimmst, ist alles gut, wenn du sagst: Das kann ich nicht annehmen, ich muss das selbst in Ordnung bringen, dann musst du eben für den Schaden selbst aufkommen, auch wenn du ihn gar nicht bezahlen kannst.

    So macht Gott das mit uns. Er geht sogar noch weiter: Er sorgt selber dafür, dass die Schuld erledigt ist – wenn wir das denn wollen. Wir sind gerecht geworden – ich setze voraus, dass Sie hier sitzen, weil Sie das wollen.

    2. Hoffnung durch Ausdauer

    Mit Jesus ist alles gut – kann man das so sagen, wenn wir durch Glauben gerecht sind? Ja – und nein. Vor Gott ist alles gut. Aber das Leben ist, wie es ist. Es hat Höhen und Tiefen, gute Zeiten, schlechte Zeiten. Diese Feststellung ist übrigens viel älter als die bekannte Seifenoper im Vorabendfernsehen. Für Menschen, die an Jesus Glauben, ist das Leben nicht automatisch einfacher als für solche, die nicht Glauben. Manchmal scheint es sogar eher anders herum zu sein. Vielleicht haben Sie ungutes Gefühl, weil sie merken, dass etwas vor Gott nicht in Ordnung ist. Jemand, der nicht an Gott glaubt, hat dieses Problem vermutlich nicht.

    Auch Christen werden krank. Das Corona-Virus, Krebs, allgemeine Altersschwäche, Sterben und Tod – das alles bleibt auch Menschen, die durch den Glauben gerecht sind, nicht erspart. Was hat man dan davon, zu Glauben? Wenn es einem dann gar nicht besser geht?

    Paulus schreibt, Bedrängnis bringt Geduld, Geduld bringt Bewährung, Bewährung bringt Hoffnung. Ich verstehe das so: Etwas Schwieriges auszuhalten hilft, geduldig zu werden, nicht gleich vor jeder Schwierigkeit davon zu laufen. Der Glaube macht den Unterschied, weil ich mich an Gott wenden kann – ich kann um Hilfe bitten. Ich kann meine eigene Not und die meiner Mitmenschen vor Gott ausbreiten – ich kann beten. Ich darf mir auch Worte anderer Menschen ausleihen, die ihre Klagen schon in ein Lied oder ein Gebet gebracht haben, wenn mir selbst die Worte fehlen.

    Wir erleben in den letzten Jahren eine starke Zunahme seelischer Erkrankungen und dadurch einen großen Bedarf an Psychologen und Therapeuten. Vielleicht braucht auch ein glaubender Mensch einen Psychologen, wenn er an seiner Seele krank wird. Aber zusätzlich kann er seine ganzen Lebensfragen auch mit Gott klären. Und manchmal hilft es auch, einem Seelsorger seine Not zu erzählen – vielleicht auch zu beichten und sich Vergebung zusprechen zu lassen. Das alles ist in den Glauben eingeschlossen. Das Leben ist nicht automatisch leichter. Wir haben als Christen aber eine Adresse, an die wir unsere Fragen und Klagen richten können. Wir sind nicht allein in einem gleichgültigen Universum. Das zu wissen macht den Unterschied. Die Geduld, die wir damit lernen können, führt zur Hoffnung – Hoffnung auf die Herrlichkeit Gottes in seiner Welt. Diese Welt mit all ihrer Schönheit und auch all ihrer Hässlichkeit ist genauso vergänglich wie unser Leben. Und genauso wird sie von Gott einmal neu gemacht.

    3. Liebe in unseren Herzen

    Liebe, in unsere Herzen hinein gegossen, ist das Geschenk Gottes an seine Gemeinde, an die Menschen, die ihm glauben wollen. Diese Liebe verändert uns. Glaube und Hoffnung sind zunächst etwas sehr Persönliches. Als Pfarrer ist es mein Beruf und meine Berufung, davon zu reden. Aber das ist auch für mich abseits der Kirche und der Kanzel alles andere als einfach. Von Dingen zu reden, die ganz tief in meine Persönlichkeit hinein reichen, die ein Teil von dem ausmachen, was ich bin, ist niemals und für niemanden einfach. Davon zu reden, macht verletzliche und angreifbar. Liebe dagegen ist etwas, wovon ich nicht viel reden muss. Liebe äußert sich in dem was ich tue, wie ich es tue. Liebe ist die große Antriebskraft für unser Handeln, egal, ob es sich um die leidenschaftliche Liebe zu einem anderen Menschen handelt oder die Barmherzigkeit der Nächstenliebe, die für den Menschen neben mir, der Hilfe braucht, alles erdenklich Gute will. Liebe verändert Menschen, Liebe verändert Leben, Liebe verändert Gemeinden, Liebe verändert die Welt.

    Von den frühen Gemeinden in der Zeit des römischen Reiches wird überliefert, dass die Menschen in diesen Gemeinden durch ihre außergewöhnliche Nächstenliebe auffielen. Sie haben Armenfürsorge betrieben, was bei den Griechen und Römern unbekannt war. Sie haben sich gegenseitig weit über das nötige Maß hinaus geholfen – und sie haben auch Menschen außerhalb der Gemeinden geholfen, wo Hilfe nötig war. Das machte die Christen in ihre Umwelt beliebt und Gemeinden einladend. Wo Menschen im Wesentlichen an die Macht des Schicksals glaubten und es darum auch für Zeitverschwendung hielten, Menschen in Not zu helfen, weil sie dem Schicksal nicht ins Handwerk pfuschen wollten, lebten Christen etwas völlig anderes.

    Liebe ist der Antrieb Gottes, selbst dafür zu sorgen, dass wir gerecht vor Gott sein können. Liebe führt dazu, dass wir die Hoffnung auf Gottes neue Welt haben. Liebe drängt uns schließlich dazu, jetzt schon daran mitzuwirken, dass ein Stück der neuen Welt Gottes schon in unserer Welt spürbar, erlebbar wird.

    Durch den Glauben sind wir gerecht vor Gott, durch das Festhalten an Gott auch in Schwierigkeiten gewinnen wir Hoffnung und durch die Liebe wird all das für andere sichtbar. Amen.

    Der Friede Gottes, der höher ist als alle Vernunft, bewahre Eure Herzen in Christus Jesus, unserem Herrn. Amen.

    Pfarrer Thorsten Müller

  • Predigt zum Sonntag Invokavit (01.03.2020)

    Predigt 1. Mose 3,1-19

    Gnade sei mit Euch und Friede von Gott unserm Vater und dem Herrn Jesus Christus. Amen.

    „Gönn dir“

    Liebe Gemeinde!

    Manche unter ihnen kennen vielleicht die folgende oder eine ähnliche Szene: „Mama, alle in der Schule haben schon ein neues Smartphone. Ich bin wieder der einzige, der mit Papas altem, ausrangierten Teil zufrieden sein muss.“ Das Papas altes, ausrangiertes Teil ein gutes iPhone ist, wenn auch nicht der neuesten Generation, spielt dabei ebensowenig eine Rolle, wie manches andere, was der eigene Sprössling vielleicht seinen Mitschülern voraus hat. Das Gras auf der Wiese hinter dem Zaun ist immer grüner als das auf der eigenen Wiese. Das, was die andere hat, man selbst aber nicht, erscheint besonders begehrenswert und erstrebenswert. Darüber kann so manche heftige Diskussion ausbrechen. Und Auslöser aller dieser Diskussionen ist letztlich die Sorge, irgendwie zu kurz zu kommen, das Gute, das Schöne, was mir oder uns zusteht, nicht zu erhalten.

    Dieses Phänomen und alle daraus folgenden Probleme sind keineswegs neu. Die Diskussion über das, was uns vielleicht zusteht, verführerisch zugespitzt, findet sich schon auf den ersten Seiten der Bibel. Ich lese den

    Predigttext (1 Mose 3,1-19)

    1Und die Schlange war listiger als alle Tiere auf dem Felde, die Gott der HERR gemacht hatte, und sprach zu der Frau: Ja, sollte Gott gesagt haben: Ihr sollt nicht essen von allen Bäumen im Garten? 2Da sprach die Frau zu der Schlange: Wir essen von den Früchten der Bäume im Garten; 3aber von den Früchten des Baumes mitten im Garten hat Gott gesagt: Esset nicht davon, rühret sie auch nicht an, dass ihr nicht sterbet! 4Da sprach die Schlange zur Frau: Ihr werdet keineswegs des Todes sterben, 5sondern Gott weiß: an dem Tage, da ihr davon esst, werden eure Augen aufgetan, und ihr werdet sein wie Gott und wissen, was gut und böse ist.

     

    6Und die Frau sah, dass von dem Baum gut zu essen wäre und dass er eine Lust für die Augen wäre und verlockend, weil er klug machte. Und sie nahm von seiner Frucht und aß und gab ihrem Mann, der bei ihr war, auch davon und er aß. 7Da wurden ihnen beiden die Augen aufgetan und sie wurden gewahr, dass sie nackt waren, und flochten Feigenblätter zusammen und machten sich Schurze. 8Und sie hörten Gott den HERRN, wie er im Garten ging, als der Tag kühl geworden war. Und Adam versteckte sich mit seiner Frau vor dem Angesicht Gottes des HERRN zwischen den Bäumen im Garten. 9Und Gott der HERR rief Adam und sprach zu ihm: Wo bist du? 10Und er sprach: Ich hörte dich im Garten und fürchtete mich; denn ich bin nackt, darum versteckte ich mich. 11Und er sprach: Wer hat dir gesagt, dass du nackt bist? Hast du gegessen von dem Baum, von dem ich dir gebot, du solltest nicht davon essen? 12Da sprach Adam: Die Frau, die du mir zugesellt hast, gab mir von dem Baum und ich aß. 13Da sprach Gott der HERR zur Frau: Warum hast du das getan? Die Frau sprach: Die Schlange betrog mich, sodass ich aß. 14Da sprach Gott der HERR zu der Schlange: Weil du das getan hast, seist du verflucht vor allem Vieh und allen Tieren auf dem Felde. Auf deinem Bauche sollst du kriechen und Staub fressen dein Leben lang. 15Und ich will Feindschaft setzen zwischen dir und der Frau und zwischen deinem Samen und ihrem Samen; er wird dir den Kopf zertreten, und du wirst ihn in die Ferse stechen. 16Und zur Frau sprach er: Ich will dir viel Mühsal schaffen, wenn du schwanger wirst; unter Mühen sollst du Kinder gebären. Und dein Verlangen soll nach deinem Mann sein, aber er soll dein Herr sein. 17Und zum Mann sprach er: Weil du gehorcht hast der Stimme deiner Frau und gegessen von dem Baum, von dem ich dir gebot und sprach: Du sollst nicht davon essen -, verflucht sei der Acker um deinetwillen! Mit Mühsal sollst du dich von ihm nähren dein Leben lang. 18Dornen und Disteln soll er dir tragen, und du sollst das Kraut auf dem Felde essen. 19Im Schweiße deines Angesichts sollst du dein Brot essen, bis du wieder zu Erde wirst, davon du genommen bist. Denn Staub bist du und zum Staub kehrst du zurück.

    1.     Über Gott diskutieren

    Sollte Gott gesagt haben – so beginnt die Diskussion über Gott. Gott hat doch nicht etwa gesagt, dass …, so könnten wir diese Frage mit unseren Worten wieder geben. In der Erzählung vom Sündenfall stellt die Schlange die Frage. Im Alltag stellen wir sie uns oft auch selbst. Sollte Gott gesagt haben: Du darfst keinen Spaß am Leben haben? Sollte Gott gesagt haben: Alles, was dir Freude macht, ist schlecht für dich und verboten? Sollte Gott gesagt haben: Wenn du nicht ständig mit schlechtem Gewissen herum läufst, dann bist du im Grunde schon auf der Seite der Sünder und Spötter, die Gott nicht ernst nehmen? Sollte Gott gesagt haben: Stell deine eigenen Wünsche und Ziele zurück, sie sind nur Ausdruck deines Egoismus, der sich gegen Gott stellen will?

     

    Warum nur stellen wir uns solche Fragen? Die Fragen sind komplett überzogen – genauso wie die Frage der Schlange. Gott hat alles das, was ich gerade aufgezählt habe, nie gesagt. Wir reden uns das ein oder lassen es uns einreden. Er hat genausowenig gesagt: „Ihr dürft nicht von den Bäumen im Garten essen.“ Gott lässt seinen Geschöpfen große Freiheit. Vermutlich steht hinter der Erzählung vom Garten die Vorstellung von einem wunderschönen Obstgarten, wie es ihn manchmal orientalischen Palästen gab. Eine Fülle köstlicher exotischer Früchte, die nur dem Herrscher vorbehalten sind. Äpfel pflücken bei Strafe verboten. Aber genau das gilt eben für den Garten Gottes nicht. Gott legt seinen Menschen einen Garten an, in dem sie nach Herzenslust zugreifen dürfen. Nur das Beste will Gott für seine Geschöpfe – und er gönnt ihnen alles Gute. „Sollte Gott gesagt haben, ihr dürft nicht essen“, ist also eine glatte Lüge – aber als Frage getarnt, fällt das nicht so auf. „Das wird man ja wohl noch sagen dürfen“, wie heute manche Zeitgenossen sich ausdrücken. Nein, man darf manches eben nicht sagen, weil es schlicht nicht wahr ist.

    Aber nun ist die Frage einmal ausgesprochen. Und das Gift des Zweifels beginnt zu wirken. Hat Gott etwa gesagt, dass er uns etwas Gutes nicht gönnt – nein, das hat er nicht gesagt, so antwortet die Frau, die später den Namen „Eva – Mutter“ erhält. Nur einen Baum hat er uns vorenthalten, weil er für uns schädlich ist. Und da kommt der Bumerang: Siehst du, ich habe recht gehabt, Gott gönnt euch das Gute also doch nicht. Er will nicht, dass ihr ihm zu Nahe kommt. Es ist gar nicht schädlich für Euch, wenn ihr von dem verbotenen Baum esst. Es ist schädlich für Gott. Ihr werdet sein wie Gott, autonom entscheiden können, nicht auf Gottes Gebote und Weisungen hören müssen, weil ihr selbst wisst, was gut ist und was nicht. So sagen wir ja bis heute, manchmal auch mit Trotz in der Stimme, wenn wir auf einen guten Rat nicht hören wollen: Ich weiß selbst am besten, was gut für mich ist.

     

    Bei manchen Entscheidungen, die ich als Mensch schon getroffen habe, sind Zweifel berechtigt, ob ich das wirklich weiß. Dasselbe gilt auch für die Entscheidung der Menschen: Lieber auf die Schlange zu hören, als Gott ernst zu nehmen. Sterben müssen sie tatsächlich nicht. Die Frucht war offenbar nicht unmittelbar giftig. Die Horizonterweiterung, auf die die beiden sich gefreut haben, tritt tatsächlich ein. Aber irgendwie ganz anders.

    2.     Vor Gott fliehen

    „Hilfe, ich bin nackt.“ Ich habe schon davon gehört, dass manche Menschen das im Traum erleben, als einen Albtraum erleben, als einziger Mensch in einer Gruppe von Menschen nackt zu sein. Diese Erkenntnis stürzt auch auf die Menschen im Garten ein. Ich bin nackt, ich bin den Blicken meines Gegenübers schutzlos ausgeliefert, ich bin den Blicken Gottes schutzlos ausgeliefert. Das war vorher auch so. Aber vorher war es kein Problem. Die Unschuld, die Naivität des „Vorher“, ist verloren. Der Mensch steht jetzt im Widerspruch, in der Konkurrenz zu Gott – und auch zu seinen Mitmenschen. Und vor Konkurrenten muss man sich schützen, vor einem Gegner nimmt man sich in Acht und gibt sich möglichst keine Blöße, lässt nicht die Hosen herunter, … Sie merken, die Situation, die sich plötzlich ergibt, hat sich bis in unsere Sprachbilder hinein verewigt.

     

    Genau das heißt ja „sein wie Gott“. Gott ist absolut, und wenn der Mensch Gott sein will, oder zumindest „wie Gott“, dann steht er zu Gott in Konkurrenz. Es kann letztlich nur einen geben, der letzte und höchste Instanz ist. Entweder es ist Gott oder ich bin es. Beides geht nicht. Das stellen die Menschen fest, nachdem sie die verbotene Frucht genossen haben. Sein wie Gott bedeutet, in Gegnerschaft zu Gott zu leben und sich vor Gottes prüfenden Blicken verstecken zu müssen.

     

    So fliehen die Menschen die Gegenwart Gottes. Man könnte sagen, dass die Kirchen leerer werden, die Gemeinden kleiner, mehr Menschen aus der Kirche austreten als in die Kirche eintreten, das hat mir Säkularisierung und wachsender Gleichgültigkeit zu tun. Vielleicht hat es aber auch damit zu tun, dass man sich dem prüfenden Blick Gottes nicht aussetzen will. Wissen, was Gut und Böse ist, heißt ja auch, dass ich als Mensch meine Fehler und Schwächen kenne. Die Punkte in meinem Leben, die ich vor anderen, vielleicht auch vor Gott verstecken möchte, kenne ich doch selbst nur allzu gut. Vielleicht hilft es ja, die Gegenwart Gottes zu meiden.

    3.     Durch Gott weiterleben

    Wir können vor Gott davon laufen. Aber Gott lässt uns nicht einfach so gehen. Was aus den Menschen wird, die sich vor ihm verstecken, ist ihm nicht gleichgültig. Darum ertönt sein Ruf: Wo bist du? Mensch, wo versteckst du dich? Komm heraus, komm zu mir.

     

    Die Konsequenzen, die für die Menschen aus ihrer Wahl der Autonomie folgen, müssen wir gar nicht detailliert aufzählen. Wir sehen die Folgen davon täglich. Wir wollten ohne Gott entscheiden dürfen, jetzt müssen wir außerhalb seiner Gegenwart leben und klar kommen mit den Herausforderungen des Lebens.

     

    Eines möchte ich noch hervor heben. Gott überlässt die Menschen trotz der Trennung nicht einfach sich selbst. Schon in dieser Erzählung aus der Urgeschichte der Bibel ist eine Andeutung gemacht: Einer wird aus den Nachkommen der Mutter allen Lebens hervor treten und den Kampf gegen die verführerische Schlange aufnehmen. Als Christen glauben wir, dass Gott hier schon darauf hindeutet, was er zur Rettung und Versöhnung der Welt tun will. Gott verurteilt die Menschen nicht zum unmittelbaren Tod, aber zur Sterblichkeit. Doch er gibt auch die Hoffnung, dass das letzte Wort in der Sache noch nicht gesprochen ist. Der Aufruhr gegen Gott ist nicht endgültig und unwiderruflich. Ich schließe mit dem Wochenspruch:

     

    Dazu ist erschienen der Sohn Gottes, dass er die Werke des Teufels zerstöre.

    Amen.

     

    Der Friede Gottes, der höher ist als alle Vernunft, bewahre eure Herzen und Sinne in Christus Jesus, unserem Herrn.

    Amen.

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