Predigt für den 8. Sonntag nach Trinitatis, 02. August 2020, von Dekan Dr. Friedemann Richert

Und Jesus ging vorüber und sah einen Menschen, der von Geburt an blind war. Und seine Jünger fragten ihn und sprachen: Meister, wer hat gesündigt, dieser oder seine Eltern, so daß er blind geboren wurde? Jesus antwortete: Weder er hat gesündigt noch seine Eltern. Vielmehr sollen die Werke Gottes an ihm offenbar werden. Wir müssen die Werke dessen vollbringen, der mich gesandt hat, solange es Tag ist. Es kommt die Nacht, in der niemand mehr etwas tun kann. Solange ich in der Welt bin, bin ich das Licht der Welt. Als er das gesagt hatte, spuckte er auf die Erde und machte einen Brei und strich den Brei auf die Augen des Blinden und sagte zu ihm: Mache dich auf und wasche dich im Teich Siloah – das heißt übersetzt: der Gesandte. Da ging er also hin, wusch sich und kam sehend wieder. Johannes 9, 1-7

 

Liebe Gemeinde!

 

Wie immer wir es gewohnt sind, mit unseren Augen die Welt zu sehen, so werden wir auch unser Leben und die Welt begreifen. Wir alle wissen, daß man zwar dasselbe sehen kann, doch nicht unbedingt das gleiche erkennt. Nehmen wir als Beispiel das Kreuz: Für uns Christen ist es ein Zeichen des tröstlichen Glaubens und der erlösenden Hoffnung. Für andere hingegen ist es ein Zeichen der Unterdrückung oder der Torheit. – Der Blick unseres Lebens entscheidet über Verstehen und Nichtverstehen. Wer also verständig in seinem Leben sein will, der braucht einen gut geschulten Blick für das Leben und die Welt. Geschult aber wird unser Blick in einer Art Sehschule, die uns das Gesehene ordnet und zu einem Gesamtbild von unserem Leben und der Welt zusammenfügt.

  Solch eine Sehschule ist – das Johannesevangelium. Es erzählt vom Sehen mit den Augen des Glaubens. Freilich geschieht dies im Johannesevangelium in einer Art und Weise, die uns Heutigen mitunter fremd anmutet. Johannes erzählt in unserem Predigttext eine Heilungsgeschichte. Erst in späterer Zeit sagte man dazu auch Wundergeschichte. Bei Heilungsgeschichten geht es immer um die Fragen von Macht und Ehre, und dem zugeordnet um Dankbarkeit. Macht und Ehre kommen Gott zu, Dankbarkeit ist des Menschen Antwort hierauf.

 

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Predigt für den 7. Sonntag nach Trinitatis, 26. Juli 2020, von Pfarrerin Gudrun Ederer

Liebe Gemeinde,

drei Personen sitzen um einen Tisch. Ihre Wanderstäbe haben sie noch gar nicht abgelegt. Es sieht so aus, als seien sie froh, endlich sitzen zu können. In der Mitte des Tisches: eine Schale. Etwas zu Essen oder zu Trinken ist drin. Zwei der drei Wanderer neigen die Köpfe. Müde? Oder gespannt, neugierig, was da noch kommt? Hungrig?

Die Heiligenscheine und vor allem die Flügel weisen sie als Engel aus. Vor 600 Jahren wurde dieses Bild gemalt, das Sie vor sich haben. Ursprünglich waren darauf auch noch zwei weitere Personen zu sehen, wie sie die drei Wanderer bewirten. Kommen Sie drauf, wer das sein könnte?

 

Abraham und Sara sehen die Flügel natürlich nicht und auch nicht die Heiligenscheine. Sie sehen: Da sind drei hungrige Wanderer, die brauchen Ruhe und was zum Essen. Das ist jetzt dran. Abraham zögert nicht und lädt sie ein. Und er tischt auf: Fleisch und Brot und Milch. Man kommt ins Gespräch, das eine immer tiefere Wendung nimmt – über Vergangenheit und Zukunft, über Hoffnungen und Enttäuschungen. Und unversehens werden Abraham und Sara Empfänger einer Verheißung: Sie werden einen Sohn bekommen: Isaak wird er heißen, das bedeutet: Man lacht! Was zunächst lächerlich erscheint, wird sich zum befreiten, glücklichen Lachen verwandeln.

 

Erst im Nachhinein wird Abraham und Sara klar: das waren Boten, Engel Gottes, - ja Gott selbst war bei ihnen zu Gast.

 

Darauf spielt der heutige Predigttext an. Er steht im Hebräerbrief, Kap. 13, 1-3:

1 Bleibt fest in der brüderlichen Liebe.

2 Gastfrei zu sein vergesst nicht; denn dadurch haben einige ohne ihr Wissen Engel beherbergt.

3 Denkt an die Gefangenen, als wärt ihr Mitgefangene, und an die Misshandelten, weil auch ihr noch im Leibe lebt.

 

Liebe Gemeinde,

 

hatten Sie schon einmal Engel am Tisch sitzen gehabt? Naja, wer könnte das genau sagen? Ich jedenfalls habe nach ungeplanten und spontanen Zusammenkünften schon manchmal gespürt, dass da etwas Besonderes geschehen ist.

Da steht jemand vor der Tür. Ich lade ihn oder sie ein. Das Zusammensitzen, Reden, Trinken (auch wenn es nur ein Glas Wasser ist), manchmal Essen, ist einfach schön. Ich bin bereichert aus solchen Begegnungen gegangen. Und war dann froh, dass ich meine Bedenken nicht Überhand habe gewinnen lassen. Die kennen Sie vielleicht auch:

Ich kenne die Leute ja gar nicht.  Was ist, wenn sie mich bestehlen?

Oder auch: Ist es bei mir aufgeräumt genug? Hilfe, ich habe gar nichts, was ich anbieten kann!

Oder: Eigentlich habe ich gar keine Zeit.

 

Wenn die Gäste weg sind, fühle ich mich beschenkt. Ich habe Neues gehört, mein Horizont wurde erweitert, mein Leben erscheint in einem anderen Licht, dadurch, dass ich es geteilt habe. Die Arbeit, die liegenblieb, geht jetzt viel leichter von der Hand!

 

Gastfreundlich zu sein vergesst nicht. Denn dadurch haben einige ohne ihr Wissen Engel beherbergt.

 

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Predigt für den 6. Sonntag nach Trinitatis, 19. Juli 2020, von Pfarrerin Gudrun Ederer

„Dass du mich anschaust“, sagt voller Staunen die Frau, die die Liebe ihres Lebens gefunden hat. Ausgerechnet mich hast du auserwählt“. Dabei gäbe es doch hübschere, intelligentere, reichere, jüngere Frauen. Ich bin die Auserwählte, das ist ein großes Wunder. Warum hast du gerade mich erwählt? Ganz einfach, sagt der Mann: Weil ich dich liebe!

 

Weil ich dich liebe, sagt Gott zum Volk Israel, habe ich dich erwählt. Ihr seid mein heiliges Volk

 

Eltern bringen ihr Kind zur Taufe, voller Dankbarkeit, voller Liebe. Und sie hören die Worte Gottes: Fürchte dich nicht, denn ich habe dich erlöst. Ich habe dich bei deinem Namen gerufen. Du bist mein.

 

Liebe Gemeinde! Das sind Worte aus einer Liebesgeschichte seit Anbeginn der Zeit. Du bist mein geliebtes Kind. Es sind Worte von Gott an seine Menschen. Für uns zum ersten Mal bei der Taufe zugesagt, dann immer wieder:

 

Ein Liebender wendet sich an seine Geliebten. Er hat sie nach seinem Ebenbild geschaffen. Der Liebende geht mit einem Volk von Sklaven durch die Wüste in die Freiheit. Und lässt ihnen durch Mose sagen:

„Denn ihr seid ein heiliges Volk – ihr gehört ganz dem HERRN, eurem Gott. Er hat euch aus allen Völkern der Welt zu seinem Eigentum erwählt. Das hat er nicht etwa getan, weil ihr zahlreicher wärt als die anderen Völker. Denn ihr seid ja das kleinste von allen Völkern. Nein, aus Liebe hat er sich euch zugewandt und weil er das Versprechen halten wollte, das er euren Vorfahren gegeben hat.

 

Geliebtes Kind. Heiliges Volk. Von Gott erwählt. Mit Regeln und Leitsätzen für das Leben.

Das sind große Worte, die es in sich haben.

 

Von Gott erwählt. Das heißt ja: Bevorzugt, heilig, ausgesondert. - Das kann Druck machen. Da steht man ja mitten im Scheinwerferlicht auf der ganz großen Bühne.

 

Von Gott erwählt. Das kann missbraucht werden. Wenn eine Religion sich damit über die andere erhebt. Wenn damit Rechthaberei und Fanatismus der Weg bereitet wird. Von Gott erwählt - das war leitend bei Glaubenskriegen und Raubzügen. Es war der Motor für falsch verstandene Mission. Es ist mitverantwortlich für die Angst, die unsere Gegenwart prägt.

 

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