Sonntag, 16.08. – 10. nach dem Dreieinigkeitsfest/ Israelsonntag
Wochenspruch:
Wohl dem Volk, dessen Gott der HERR ist, dem Volk, das er zum Erbe erwählt hat! (Psalm 33,12)

Wochenlied: Nun danket Gott, erhebt und preiset (Gesangbuch Nr. 290)

Wochenpsalm: Psalm 122 (Wo wir dich loben… Nr. 918) Wünschet Jerusalem Frieden!

 

Predigt für den 16. August 2020 in Buchenbach und Hollenbach – 10.n.Trin.

Römer 11,25-32

25 Ich will euch, Brüder und Schwestern, dieses Geheimnis nicht verhehlen, damit ihr euch nicht selbst für klug haltet: Verstockung ist einem Teil Israels widerfahren, bis die volle Zahl der Heiden hinzugekommen ist.

26 Und so wird ganz Israel gerettet werden, wie geschrieben steht (Jesaja 59,20; Jeremia 31,33): »Es wird kommen aus Zion der Erlöser; der wird abwenden alle Gottlosigkeit von Jakob.

27 Und dies ist mein Bund mit ihnen, wenn ich ihre Sünden wegnehmen werde.«

28 Nach dem Evangelium sind sie zwar Feinde um euretwillen; aber nach der Erwählung sind sie Geliebte um der Väter willen.

29 Denn Gottes Gaben und Berufung können ihn nicht gereuen. 30 Denn wie ihr einst Gott ungehorsam gewesen seid, nun aber Barmherzigkeit erlangt habt wegen ihres Ungehorsams,

31 so sind auch jene jetzt ungehorsam geworden wegen der Barmherzigkeit, die euch widerfahren ist, damit auch sie jetzt Barmherzigkeit erlangen.

32 Denn Gott hat alle eingeschlossen in den Ungehorsam, damit er sich aller erbarme.

 

 

Liebe Gemeinde,

jeder Sonntag im Kirchenjahr hat ein spezielles Thema, und der heutige Sonntag ist ganz besonders durch sein Thema gekennzeichnet. Heute, am 10. Sonntag nach dem Dreieinigkeitsfest, geht es um das Verhältnis von uns Christen zu Israel. Nicht zum Staat Israel, natürlich, sondern zum Volk Israel, zu den Nachkommen von Abraham, Isaak und Jakob, denen sich Gott als ersten offenbart hat, die er aus der Gefangenschaft in Ägypten befreit und ins verheißene Land geführt hat, die trotz Bedrängnis von außen und trotz seiner Verfehlungen an ihm festgehalten oder zu ihm zurückgefunden haben, die sein Gesetz hatten und die Propheten, von denen wir den größeren Teil der Bibel, das Alte Testament, haben, das Volk, aus dem Jesus Christus entstammt, der zeit seines Lebens ein frommer Jude war.

Das auserwählte Volk Gottes, das Volk des Bundes.

Nun verstehen wir als Christen, als Kirche, uns aber auch als Gottes Volk. Wir sind aber keine Nachkommen von Abraham, Isaak und Jakob, keine Juden, wir haben eine andre Religion als sie. Wir glauben an den dreieinigen Gott, Vater, Sohn und Heiliger Geist, und lassen die Gesetze, die Mose am Berg Sinai bekommen hat, für uns nicht gelten, denken Sie etwa an die vielen Speisegebote oder die strenge Ruhe am Sabbat. Und doch lesen wir das Alte Testament, beten die Psalmen, sagen: Da ist von dem Gott die Rede, an den wir glauben, vom Vater Jesu Christi.

Was hat das eine Gottesvolk mit dem anderen zu tun?

Viele Jahrhunderte lang war für die Christen die Antwort klar: Die Juden gehören zum Volk des alten Bundes. Aber durch Jesus gibt es einen neuen Bund. Wir sind das Gottesvolk des neuen Bundes. Wir sind jetzt das wahre Israel. Die Juden waren einmal Gottes Volk, jetzt sind sie es nicht mehr, und zwar aus eigener Schuld, weil sie sich weigern, an Gottes Sohn, Jesus Christus, zu glauben.

So hat man lange Zeit gedacht und die Juden deshalb im besten Fall bemitleidet oder versucht, sie zu überzeugen, aber viel oft hat man sie gehaßt und verfolgt.

Den 10. Sonntag nach dem Dreieinigkeitsfest, der heute ist, den hat man zum Anlaß genommen, die Christenheit zu warnen: Bleibt dem Glauben treu! Sonst wird es euch auch so ergehen wie den Juden. Deswegen hat man gerade diesen Sonntag dafür ausgesucht. Er liegt nämlich zeitlich in der Nähe eines jüdischen Gedenktags, an dem man an die Zerstörung des Tempels in Jerusalem erinnert. Der ist ja bis heute nicht wiederaufgebaut worden. An seiner Stelle steht der muslimische Felsendom. Das hat man den Christen als mahnendes Beispiel vorgehalten: Was dem alten Israel widerfahren ist, kann auch uns, dem Volk des neuen Bundes, geschehen. Wie es dem jüdischen Tempel gegangen ist, so könnte es erst recht unseren Kirchen ergehen – wenn wir nicht Gott treu bleiben und unsere eigenen Sünden bekennen und bereuen.

Also dieser Sonntag war vor allem ein Bußtag. Aber es stand ganz klar die Vorstellung dahinter: Der neue Bund hat den alten abgelöst. Das wahre Gottesvolk sind wir, die Kirche, die Christen.

Dabei: Hätte man in der Bibel dort nachgelesen, wo einer sich ausführlich mit diesem Thema beschäftigt, nämlich hier, im Römerbrief des Apostels Paulus, dann hätte man schnell gemerkt, daß das da ganz anders dargestellt wird.

Ja, Paulus findet es schlimm, daß die meisten Juden nicht an Jesus glaubten. Sein eigenes Volk, das Volk, aus dem Jesus selbst stammte, das Gott sich ausgewählt hatte, um seinen Namen der ganzen Welt bekannt zu machen, dem er seine Verheißungen gegeben hatte, ausgerechnet diese Menschen wollten zum größten Teil von Jesus als Sohn Gottes nichts wissen.

Paulus leidet darunter. Er beschreibt das ganz drastisch, an einer anderen Stelle im Römerbrief: Er möchte lieber selbst verflucht sein, wenn er nur einige von ihnen gewinnen könnte. Dahinter steckt nicht nur der Wunsch, möglichst viele Leute zu bekehren, dahinter stecken bittere persönliche Erfahrungen auf seinen Missionsreisen. Paulus ist, wenn er irgendwo hinkam, immer zuerst in die Synagoge gegangen, wenn es eine gab, immer zuerst zu den Juden. Aber bei den meisten fand er, wenn es gut ging, Desinteresse, oft aber heftige Ablehnung, im schlimmsten Fall sogar Gewalt.

Und trotzdem, wir haben es gehört, sagt er eben nicht: Das ist das alte Gottesvolk, der alte Bund, der gilt nicht mehr, jetzt gibt es einen neuen, durch Jesus, und wenn sie nicht an ihn glauben wollen, dann soll sie, im wahrsten Sinn des Wortes, der Teufel holen.

Eben das sagt er nicht. Er sagt: Gott hat sein Volk nicht verstoßen. Die alten Verheißungen gelten weiterhin. Der neue Bund ist eine Fortsetzung des alten Bundes. Es gibt nur ein Gottesvolk, aus Juden und Nichtjuden, oder „Heiden“, wie er sagt. Gott hat seinen Sohn, Jesus Christus, geschickt, weil er alle Menschen liebt und sich aller erbarmen will. Nicht um einen Teil von ihnen, und ausgerechnet sein Volk Israel, zu verdammen.

Daß die meisten Juden Jesus ablehnen – Paulus denkt darüber nach: Vielleicht muß das so sein. Vielleicht hat das einen Sinn. Vielleicht ist jetzt die Zeit, in der nach Gottes Willen die anderen, die bisher nichts von ihm wußten, die Heiden eben, zum Glauben gerufen werden sollen. Aber seine Verheißungen bleiben, und trotz allem: am Ende wird auch ganz Israel gerettet werden. Allen Menschen gilt Gottes Erbarmen, weil alle Menschen es brauchen. „Gott hat alle eingeschlossen in den Ungehorsam, damit er sich aller erbarme.“

Wie gesagt, das hat die Christenheit lange Zeit überlesen, die Juden als das verworfene Gottesvolk angesehen, schlecht über sie gedacht und sie schlecht behandelt.

Heute verfallen manche ins andere Extrem, reden so, als ob nur die Juden Gottes Volk wären und wir anderen sozusagen nur Gotteskinder zweiter Klasse, die durch Jesus irgendwie dazugekommen sind, während die Juden Jesus gar nicht brauchen.

Das geht zu weit. So darf man die Bibel, glaube ich, nicht verstehen.

Aber der Israelsonntag erinnert uns daran: Das Judentum ist für uns Christen mehr als eine andere Religion, die man halt mit Respekt und Toleranz behandeln muß. die Frage nach unserem Verhältnis zum Judentum gehört zu unserem Glauben dazu. wir haben einen Teil der Heiligen Schrift gemeinsam, wir sagen: Wir glauben an den gleichen Gott, Jesus selbst war Jude, wie auch seine Jünger, wie auch Paulus. Juden sind für uns deshalb wichtige Gesprächspartner, und daß sie Jesus zwar als Mensch und Lehrer zum Teil durchaus respektieren, aber als Heiland und Erlöser ablehnen, das ist eine wichtige Herausforderung für uns, für die wir sogar dankbar sein können.

Hier können wir Paulus weiterdenken: Welchen Sinn kann das Nein der Juden zu Jesus als Erlöser haben? Was können wir daraus lernen?

Wir bekennen Jesus als den Christus, als unseren Herrn, von Gott gesandt, als den Messias. Die Juden fragen uns: Wie könnt ihr sagen, Jesus ist der Messias, der König, der Gottes Herrschaft aufrichtet? Wo sehen wir etwas von dieser Herrschaft? Wo ist das Reich Gottes? Das kann doch nicht nur im Herzen stattfinden. Außerdem: Wenn die Christen durch Jesus Gottes Reich im Herzen tragen, wo lassen sie sich in ihrem Verhalten davon leiten? Ihr sagt: Vor Gott gerecht wird man nur durch sein Erbarmen, nicht durch Werke, und deshalb gilt das Gesetz des Alten Testaments nicht für euch. Aber nach welchem Gesetz richtet ihr dann euer Leben aus?

Das sind wichtige Fragen, denen wir nicht ausweichen dürfen, um unseres eigenen Glaubens willen. Diese Fragen stellt das Nein der Juden zu Jesus an uns.

Aber wir können Paulus noch in eine andere Richtung weiterdenken:

Für Paulus war der Glaube an Jesus das alles Entscheidende. die Begegnung mit dem auferstandenen Jesus hat sein Leben total verändert. Und dennoch: Ganz Israel wird gerettet werden, schreibt Paulus. Auch für die, die nicht an Jesus glauben, gibt es noch Hoffnung. Auch ihrer will sich Gott erbarmen.

Er will sich aller erbarmen. Gilt das nur für die Juden? Was ist mit anderen, die nicht an Jesus glauben?

Gottes Erbarmen reicht weiter als unsere Kategorien. Es kann auch ihnen gelten. Gottes erbarmen ist nämlich nichts Willkürliches. Es gehört zu Gottes Wesen. Er ist barmherzig zu seinen Geschöpfen.

Gottes Zorn, Gottes Gericht, Sünde, Verderben – man kann nicht so tun, als ob es das nicht gäbe. Doch was Paulus hier schreibt, kann uns die Hoffnung geben: wir können darauf, daß Gottes Erbarmen stärker ist und das alles überwindet. Bei allen.

Aber muß man nicht von Gottes Strafen und ewiger Verdammnis reden? Es gibt Christen, denen ist das wichtig und die vermissen, daß das heutzutage nicht öfter geschieht.

Aber warum? Ich frage: Braucht der Glaube das? Ist der Glaube an Gott und Jesus so etwas Unangenehmes, daß er die Drohung nötig hat: Wenn du nicht glaubst, kommst du in die Hölle?

Gottes Erbarmen ist stärker als die Gottferne von uns Menschen. Für alle gibt es noch Hoffnung, auch für die, die noch nicht an ihn glauben. Das soll unsere Haltung zu den Juden bestimmen, wie Paulus schreibt, und so sollten wir überhaupt miteinander umgehen. Das soll unser Kennzeichen sein als Christen, unser Gesetz: Wenn ich mit einem Menschen zu tun habe, dann sehe ich ihn als einen Menschen, dem Gottes Erbarmen gilt. Auch wenn dieser Mensch anders glaubt als ich, auch wenn er gar nicht glaubt. Auch wenn ich ihn nicht leiden kann, ja, sogar wenn er mir Böses getan hat. Das ist ein Mensch, dessen Gott sich erbarmen will.

Der südafrikanische Reiseschriftsteller V.S Naipaul, der indischer Abstammung war und kein Christ, der wurde gefragt: Er sei auf seinen Reisen so vielen Religionen begegnet, und darunter so viele christliche Konfessionen und Gemeinden, orthodoxe, katholische, protestantische. Ob er da eine Gemeinsamkeit festgestellt habe, die sie alle verbindet. Und er antwortete: „Die Barmherzigkeit“.

Bestimmt hat Naipaul nicht gemeint, daß Christen grundsätzlich barmherziger seien als alle anderen. Aber Barmherzigkeit gilt uns viel, auch wenn wir es nicht immer schaffen, so barmherzig zu sein wie wir sein sollten. Das ist nicht selbstverständlich. Das ist so, weil wir an den barmherzigen Gott glauben. Den Gott Abrahams, Isaaks und Jakobs, den Gott Jesu Christi. Den Gott, der alle eingeschlossen hat in den Ungehorsam, weil er sich aller erbarmen will.

Amen.

 

 

Der Apostel Paulus (Rembrandt)