Zum Sonntag Quasimodogeniti

Viele Sonntage haben lateinische Namen. Der heutige ist besonders eindrucksvoll – oder kompliziert, wie man will: Quasimodogeniti, zu Deutsch: „Wie die neugeborenen Kinder“.

Quasimodogeniti – Jäger kannten oder kennen immer noch diesen Namen aus einem Merkvers für die Schnepfenjagd: „Quasimodogeniti – Halt, Jäger, halt, jetzt brüten sie“. Die Schnepfen haben also Schonzeit. Wobei diese Regel wenig sinnvoll ist. Das ist wie mit der Faustregel für die Winterreifen: „von O bis O“, von Oktober bis Ostern, denn Ostern kann mitten im März, aber auch spät im April sein. Und Quasimodogeniti ist immer der Sonntag nach Ostern.

Viele Leute dürfte der Name des heutigen Sonntags aber auch an Quasimodo erinnern, den Glöckner von Notre Dame aus dem Roman von Victor Hugo, der auch ein paar Mal verfilmt worden ist (Bild: Charles Laughton als Quasimodo 1939), unter anderem als Disney-Zeichentrickfilm.

Dieser Quasimodo ist ein Ausbund an Häßlichkeit: klein, verwachsen und bucklig, mit nur einem Auge, taub geworden durch den Glockenlärm; so lebt er, von den anderen Menschen ausgestoßen und ausgelacht einsam in der Kathedrale und hat kaum Kontakt mit anderen. Er rettet die schöne Landstreicherin Esmeralda vor dem Galgen und bringt sie bei sich in Sicherheit. Aber sie will nichts mit ihm zu tun haben; sie denkt nur an den schneidigen Hauptmann Phoebus, in den sie verliebt ist.

Quasimodo ist nach dem Tag benannt, an dem man ihn als Findelkind vor der Kathedrale abgelegt hat, eben dieser Sonntag Quasimodogeniti. Sonst spielt dieser Tag im Roman keine Rolle; aber wir werden noch sehen, ob Quasimodo und Quasimodogeniti etwas miteinander zu tun haben.

„Wie die neugeborenen Kinder“, das bedeutet, wie gesagt, der Name des Sonntags nach Ostern. Er stammt aus dem 1. Petrusbrief, Kapitel 2. Dort heißt es:

So legt nun ab alle Bosheit und allen Betrug und Heuchelei und Neid und alle üble Nachrede und seid begierig nach der vernünftigen lauteren Milch wie die neugeborenen Kindlein, auf daß ihr durch sie wachset zum Heil, da ihr schon geschmeckt habt, daß der Herr freundlich ist.

Traditionell heißt dieser Sonntag auch Weißer Sonntag. Nicht wegen der Milch und wohl auch nicht wegen der weißen Kleider der Kinder bei der Erstkommunion, die normalerweise in der katholischen Kirche an diesem Datum ist. Diese Bezeichnung soll daher kommen, daß in der frühen Christenheit die, die in der Osternacht getauft worden waren, Das waren damals noch meistens Erwachsene, an diesem Tag noch einmal in ihren weißen Taufkleidern in die Kirche kamen. Ab jetzt trugen sie wieder Alltagskleidung; aber das Leben aus der Taufe, das ging weiter.

Und da kommt jetzt doch die Milch ins Spiel. Wir Menschen, jedenfalls die meisten von uns Europäern und Afrikanern, können das ganze Leben lang Milch trinken und verdauen. Wir bewahren uns da eine Fähigkeit, die die meisten Tiere und auch viele Menschen nur in der Zeit nach der Geburt haben. -ein Teil der Menschheit behält diese frühkindliche Eigenschaft bei.

Wenn der 1. Petrusbrief hier von „Milch“ spricht, deutet er an, daß wir alle auch in einem anderen Sinn Kinder bleiben und bleiben sollen, egal wie alt wir sind, nämlich in bezug auf die Taufe.

Die Taufe wird auch als neue Geburt bezeichnet. Und auch da sollen wir uns unser Leben lang wie neu geboren fühlen. ‚Es gibt sie nur einmal im Leben, Aber sie soll uns immer so vorkommen, als ob sie gerade eben erst gewesen wäre. Nach dieser Geburt sind und bleiben wir Neugeborene. wie Neugeborene, die ganz erfüllt sind von dem Verlangen nach der Milch der Mutter, denn die enthält alle Nährstoffe, die sie zum Leben und zum Wachsen brauchen.

Kennen Sie noch den Geschmack der Muttermilch? Ich bilde mir manchmal ein, daß ich mich daran aus früher Kindheit ganz vage erinnern kann, aber das ist, wie gesagt, vielleicht nur Einbildung. Normalerweise wissen wir aus so frühen Zeiten in unserem Leben nichts mehr, und viele andere Gerüche und Geschmäcker haben sich seither darübergelegt.

„Daß der Herr freundlich ist“, wie der 1. Petrusbrief sagt, das haben wir bei der Taufe geschmeckt, und dieser Geschmack soll uns immer auf der Zunge bleiben. Das nennt er unsere „vernünftige“, gemeint ist: geistige Milch. Nach dieser Milch von Gottes Freundlichkeit soll uns immer der Sinn stehen.

Was das bedeutet, das erfahren wir in dem Zusammenhang, in dem der Satz steht:

So legt nun ab alle Bosheit und allen Betrug und Heuchelei und Neid und alle üble Nachrede

Wer die Freundlichkeit Gottes geschmeckt hat, der kann zu anderen freundlich sein. Daran erkennt man ihn. Ja, und wenn wir zu anderen freundlich sind, geben wir nicht nur ihnen Gottes Freundlichkeit weiter, wir erhalten uns auch selbst den Geschmack dieser Freundlichkeit.

Ich finde es interessant, daß hier in der Bibel ein Wort steht, das tatsächlich nicht viel anderes bedeutet als „freundlich, liebevoll, gütig“. Also eines, das gar nicht so großartig klingt. Es geht nicht um Heldentaten. Nicht um einen Lebensstil, der radikal anders ist als der von normalen Menschen. Es geht um Freundlichkeit. Wenn wir anderen Menschen freundlich begegnen, schon darin kann man etwas von Gottes Freundlichkeit schmecken. Die kann sich also auch in kleinen Dingen zeigen. Schon ein wenig Freundlichkeit kann ja auch viel bewirken. Vielleicht hat Ihnen auch an Ostern jemand ganz überraschend ein kleines Osternest vorbeigebracht, dann wissen Sie, was ich meine.

Aufeinander achten, miteinander reden, einander zuhören, einander nicht schlechtmachen, großzügig sein, gastfreundlich, verzeihen können, die Wahrheit sagen, ohne zu verletzen, ja, um solche Sachen geht es da. Das kommt einem vielleicht banal vor. Dafür bekommt man nicht das Bundesverdienstkreuz und auch kein Kapitel in einem Buch über große Helden des Glaubens. Aber da kann sich eben auch keine herausreden und sagen, daß das doch andere besser machen können. An dieser Freundlichkeit kann sich jeder beteiligen. Und auch hinter kleinen dingen kann etwas Großes stehen, in diesem Fall sogar das Allergrößte, nämlich Gottes Liebe.

Das griechische Wort, das hier in unserer Bibel mit „freundlich“ übersetzt ist, lautet chrestós. Das klingt fast genauso wie „Christus“ – vielleicht ist das ein absichtliches Wortspiel. Christus ist der Herr, weil wir durch ihn Gottes Freundlichkeit kennengelernt haben. Und daß er unser Herr ist, das soll man merken, weil wir selbst freundlich sind.

Freundlichkeit, das klingt nach wenig und kann doch viel bedeuten – und fällt uns auch manchmal schwerer als es sein müßte. vor allem, weil hier natürlich nicht nur gemeint ist, daß wir zu denen freundlich sind, die wir gern haben, sondern gerade auch zu den anderen.

Und da muß ich doch noch einmal auf Quasimodo, den Glöckner von Notre Dame, und den Roman von Victor Hugo zurückkommen. Der schildert nämlich eine Welt, in der eigentlich niemand Freundlichkeit zu schmecken bekommt. Das gilt nicht nur für den armen Glöckner, sondern für alle Personen, die in ihm vorkommen, vom König über den Priester bis zum Bettelmann – und zur schönen Esmeralda. Sie hassen einander, verspotten einander, betrügen einander, und sogar da, wo sie lieben, wird daraus nur Zerstörung.

Wie gesagt: der Sonntag Quasimodogeniti und was sein Name bedeutet, spielt in dem Roman eigentlich keine Rolle. Aber auch von diesem Roman kann man sich daran erinnern lassen, wie kostbar und oft auch wie selten Freundlichkeit in unserer Welt ist. Und Freundlichkeit, dazu braucht man keine außergewöhnlichen Fähigkeiten, keine große Kraft, nicht viel Mut, aber eben manchmal den Geschmack von Gottes Freundlichkeit auf der Zunge.

 

Wir haben diese Freundlichkeit geschmeckt. Wir können freundlich sein. Das will uns dieser Sonntag mit seinem komplizierten Namen ganz einfach sagen. Und die Quasimodos unserer Zeit, die am Rand stehen, die ausgeschlossen werden, die abstoßend wirken und fremd, die, die uns unangenehm sind, die sind es, die unsere Freundlichkeit ganz besonders brauchen.

 

(Ein aufgezeichneter Gottesdienst wird ab Sonntag über die Webseite der Kirchengemeinde Dörzbach abrufbar sein: www.kirchenbezirk-kuenzelsau.de/kirchengemeinden/doerzbach/gottesdienste/online-gottesdienste/)