Zum Dreieinigkeitssonntag

1 Es war aber ein Mensch unter den Pharisäern mit Namen Nikodemus, ein Oberster der Juden.
2 Der kam zu Jesus bei Nacht und sprach zu ihm: Rabbi, wir wissen, daß du ein Lehrer bist, von Gott gekommen; denn niemand kann die Zeichen tun, die du tust, es sei denn Gott mit ihm.
3 Jesus antwortete und sprach zu ihm: Wahrlich, wahrlich, ich sage dir: Wenn jemand nicht von Neuem geboren wird, so kann er das Reich Gottes nicht sehen.
4 Nikodemus spricht zu ihm: Wie kann ein Mensch geboren werden, wenn er alt ist? Kann er denn wieder in seiner Mutter Leib gehen und geboren werden?
5 Jesus antwortete: Wahrlich, wahrlich, ich sage dir: Wenn jemand nicht geboren wird aus Wasser und Geist, so kann er nicht in das Reich Gottes kommen. (Johannes 3)

„Ihr müßt von neuem geboren werden“, das klingt ja fast wie ein Befehl. Zum Leben eines Christenmenschen gehört es anscheinend dazu, daß er nach seiner leiblichen Geburt noch einmal in seinem Leben neu geboren wird.

Damit ist sicher mehr gemeint, als daß man sich „wie neu geboren“ fühlt, etwa nach einem Schluck Apfelschorle, wenn man durstig war, oder nach einer Dusche, wenn man müde und verschwitzt gewesen ist. Wenn man von „Neugeburt“ oder „Wiedergeburt“ redet, das muß doch ein einmaliges Ereignis sein, nach dem das ganze Leben sich verändert, wenn man wieder völlig neu anfängt, eben wie wenn man noch einmal auf die Welt gekommen wäre.

Paulus könnte einem da einfallen. Der haßte und verfolgte die Christen, buchstäblich bis aufs Blut, und nachdem die Christen in Jerusalem vertrieben oder getötet worden waren, machte er sich auf den Weg nach Damaskus, um sie dort aufzuspüren und zu erledigen. Da begegnete ihm Jesus, kurz vor der Stadt, in einer Erscheinung. Paulus fiel vom Pferd, konnte tagelang nichts sehen, aß nicht, sprach nicht, bis ein Christ aus Damaskus zu ihm kam, ihn als Bruder ansprach, bis er getauft wurde. Danach verbreitete er den Glauben an Jesus in vielen Ländern und sorgte mit seinen Briefen dafür, daß in den neuen Gemeinden die Botschaft vom Gekreuzigten lebendig blieb. Ohne Paulus wären wir wahrscheinlich heute nicht hier, gäbe es die Christenheit, wie wir sie kennen, gar nicht, und auch Deutschland würde als Land nicht existieren, weil es als christliches Land überhaupt erst entstanden ist.

Also Paulus war wie tot und fing danach ein neues Leben an, so hat er es auch selbst beschrieben, später, ein ganz anderes Leben; was das alte geprägt hatte, hielt er jetzt für Schaden, für Dreck, jetzt zählte nur noch das Leben mit Christus.

Paulus konnte davon erzählen, was es heißt, von neuem geboren zu werden. Aber ehrlich: Wie viele Christen können das noch? wie viele fühlen sich beschämt, wenn sie solche Lebensberichte hören und ihr eigenes Leben damit vergleichen? Wie viele fühlen sich unter Druck gesetzt durch die Worte „Ihr müßt von neuem geboren werden“? Wie viele, auch das kommt vor, legen sich eine Neugeburt zurecht, behaupten, und glauben es selbst, daß es in ihrem Leben so eine totale Wende gegeben hat – und wenn man genauer hinsieht, war es gar nicht so? Weil man ein Wiedergeborener sein will, weil man meint, das muß zum Leben eines rechten Christen dazugehören.

Ich überlege: Wie ist das wohl bei Nikodemus gewesen, zu dem Jesus hier redet? Ist er von neuem geboren worden?

Wie kann ein Mensch geboren werden, wenn er alt ist?

So fragt er Jesus. Alt, so stelle ich mir Nikodemus vor. Er war sicher kein junger Mann mehr, und alt, das war er auch im übertragenen Sinn. Er war ein Ältester, ein Oberster von den Juden. Und er fühlte sich als ein Teil der langen Geschichte des Volkes Israel. die Gesetze Gottes vom Sinai zu bewahren und auszulegen, das war sein Lebenszweck, die uralten Traditionen, nach denen lebte er.

Dazu paßt es, daß er in der Nacht zu Jesus kommt, um mit ihm zu sprechen. Das tat er wahrscheinlich nicht, damit ihn niemand sieht, sondern das gehörte zu diesen Traditionen, daß solche Gespräche in der Nacht stattfanden. Dementsprechend redet er auch Jesus ehrfurchtsvoll mit „Rabbi“ an, also „Lehrer“.

Wobei, das ist ja erstaunlich: der alte Nikodemus, dieser Oberste der Juden, der hält es für möglich, daß Jesus, der Zimmermann aus Galiläa, ihm etwas zu sagen hat. Gerade weil er seine Tradition als Pharisäer so hoch hält, ist er auch offen dafür, daß ein neuer Lehrer kommen kann, der ihm den alten Glauben auf neue Art nahebringt.

Noch zwei Mal taucht Nikodemus im Johannesevangelium auf: Im 7. Kapitel, da berichtet er, daß es Streit im Volk gab, wegen Jesus, und die anderen Pharisäer und Hohenpriester schimpften auf Jesus, als Unruhestifter, der die einfachen Leute verführte, die es nicht besser wußten. Da trat Nikodemus auf und erwiderte:

Richtet denn unser Gesetz einen Menschen, ehe man ihn angehört und erkannt hat, was er tut?

Also wieder: Nikodemus ist tief im alten Glauben und der Tradition verwurzelt, aber eben deshalb will er hinhören, ist er bereit für das Neue, das Jesus zu sagen hat. Für die anderen ist klar: Der kommt aus Galiläa, der hat nichts zu sagen.

Dann wird Nikodemus noch erwähnt, als Jesus begraben wird. Er kam und brachte Myrrhe, gemischt mit Aloe, etwa hundert Pfund. Damit man den toten Jesus salben konnte. Auch das eine Tradition, etwas Altes. Aber Nikodemus wollte, daß man auch diesen Gekreuzigten, den alle für verflucht hielten, so salbte, wie es der Brauch war. Er folgte diesem alten Brauch und machte daraus ein Zeichen gegen Gewalt und Tod. Daß es da um ein Zeichen ging, das merkt man daran: hundert Pfund Myrrhe und Aloe, das ist unglaublich viel, und das kostete ein Vermögen. So viel war ihm also Jesus wert.

Niemand weiß, wie es mit Nikodemus weiterging. Gehörte er zur Gemeinde der ersten Christen? Möglich ist es. Aber schon die paar Stellen, wo er im Johannesevangelium erwähnt wird, ergeben ein Bild und lassen es zu, die Frage zu beantworten: War Nikodemus von neuem geboren?

Ich möchte sagen: auf seine Weise – ja! Nikodemus war alt, aber in seinem Alter war er offen für das Neue, offen für Jesus. Er hat keine plötzliche Wende erlebt wie Paulus, er hat nicht gesagt: Mein altes Leben war nichts, was bisher galt, das gilt nicht mehr, ich fange ganz neu an. Er hat vielmehr sein altes Wissen, seine alten Traditionen befragt und neu verstanden und so zu Jesus gefunden. Indem er ihn befragt hat wie man seit alter Zeit einen Rabbi, einen Lehrmeister, befragte. Indem er ihn verteidigt hat, mit Hinweis auf das alte Recht. Und indem er Salböl brachte, um zu zeigen: der verdient ein Begräbnis nach altem Brauch. Statt wie die anderen sein Urteil von vorneherein fertig zu haben und zu sagen: Aus Galiläa kann doch kein Prophet kommen. Der Mann verursacht Unruhe, er gehört weg. Wer am Kreuz stirbt, muß ein Verbrecher und von Gott verflucht sein.

Das Alte, das man schon immer gekannt hat, neu entdecken, mit seiner Hilfe neu anfangen. Auch so kann Wiedergeburt aussehen. Ich denke, dafür ist Nikodemus ein Beispiel. So können auch wir neu geboren werden, nicht nur einmal im Leben.

(Sie erinnern sich:) Ich habe Pfr. Soland zum Abschied die hohenlohische Übersetzung des Buches von Janosch geschenkt: „Oh wie schön ist Panama“. Da wollten der Bär und der Tiger ja auch aufbrechen in ein neues, unbekanntes Land – und das „Panama“, das sie finden, ist ihre alte Heimat. Aber dort fühlen sie sich so wohl und genießen ihre gemütliche alte Hütte wie vorher nie.

Schade, daß der Autor so eine kirchenfeindliche Einstellung hat. Sein Buch ist nicht nur etwas für Kinder. Es kann uns als Christen erzählen, wie eine Neugeburt auch aussehen kann.

„Ihr müßt von neuem geboren werden“. Das heißt eben nicht, daß wir dasitzen müssen und auf das große Ereignis warten, die große Eingebung, durch die sich alles ändert. Und schon gar nicht, zu meinen: Der Zug dafür ist für mich schon abgefahren. Im Alten, Vertrauten, kann etwas sein, was mein Leben neu macht.

Mir persönlich geht es zur Zeit so mit den Kirchenliedern. Gerade weil wir sie in der Kirche nicht singen dürfen. Wenn ich sie statt dessen lese oder wenn wir sie draußen – und hoffentlich bald auch wieder drinnen – endlich wieder einmal singen, dann merke ich erst, wie viel sie zu sagen haben, welche Kraft, welcher Trost, welche Hoffnung in diesen manchmal ganz alten Versen steckt.

Vielleicht geht es Ihnen auch so. Oder Sie gehen heute nach Hause und nehmen die vertraute Umgebung so wahr, als begegnete sie Ihnen zum ersten Mal: das Haus, der Garten, die Menschen um Sie herum, das Dorf, und Sie sagen sich: Das ist nicht selbstverständlich. Das ist Grund zur Dankbarkeit. Auch darin kann ein Stück Neugeburt stecken.

Und das paßt zu diesem Sonntag. Heute ist das Dreieinigkeitsfest. Wir reden vom dreieinigen Gott, der auf ganz neue, unerwartete Weise in unser Leben treten kann: In seinem Sohn Jesus, dem Rabbi aus Galiläa, dem Mann am Kreuz, so wie er Nikodemus begegnet ist. Und im Heiligen Geist, als der er in uns wohnt, in uns, durch uns wirkt, hier und heute, auf immer neue Weise. Und doch ist es der gleiche alte Gott, der da am Werk ist, der Gott vom Sinai, der Gott Abrahams, Isaaks und Jakobs, der schon immer da war und alles erschaffen hat, Gott, der Vater, der auch der Gott von Nikodemus war. Der dreieinige Gott, das ist der alte Gott, der uns immer wieder neu begegnet und uns neu machen kann.

 

Freuen wir uns darauf. Ob wir selber alt oder jung sind.