Predigtarchiv - ältere Online-Predigten

Singen und Beten

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Auf dieser Seite finden Sie ältere Predigten, die als Lesepredigt online gestellt wurden. Wir werden auch zukünftig die Gottesdienstpredigten zum Nachlesen und als PDF-Datei zum Ausdrucken und ggf. Weitergeben zur Verfügung stellen.

 

Ihr Pfarrer

Thorsten Müller

Predigtarchiv

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  • Predigt zum Sonntag Misericordias Domini (26.04.2020)

    Predigt 1. Petrus 2,21b-25

    Gnade sei mit Euch und Friede von Gott unserm Vater und dem Herrn Jesus Christus. Amen.

    Wo geht’s lang?

    Liebe Gemeinde!

    Wir brauchen Orientierung. Dringend. Jeder in seinem eigenen Leben und Alltag. Wir als Kirchengemeinde in Crispenhofen und Weißbach. Unser ganzer Staat. Gerade jetzt, in der Corona-Krise. Was sollen wir tun? Das ist eine Frage, die gerade heiß diskutiert wird. Die Beschränkungen des öffentlichen Lebens, die seit dem 17. März gelten, wurden zwar auch diskutiert, aber dann doch hingenommen. Jetzt aber, wo überlegt wird, wie man aus den Beschränkungen wieder heraus kommt, wird viel diskutiert. Machen kann es gar nicht schnell genug gehen, anderen gehen schon die kleinen Schritte viel zu schnell. Wirtschaftliches Interesse kontra Verantwortung für die Gesundheit? So einfach ist das nicht. Wenn ein Unternehmen durch die lange Sperrzeit Insolvenz anmelden muss, hat das nicht nur wirtschaftliche, sondern auch soziale und vielleicht auch wieder gesundheitliche Folgen. Die ganze Diskussion ist verständlich, weil es keine einfache Lösung gibt, kein klares, schnelles „richtig“ oder „falsch“.

     

    Da ist es gut, im 1. Petrusbrief zu lesen, dass wenigstens in Glaubensfragen es eine klare Orientierung gibt.

    Predigttext:

    21Christus hat gelitten für euch und euch ein Vorbild hinterlassen, dass ihr sollt nachfolgen seinen Fußstapfen; 22er, der keine Sünde getan hat und in dessen Mund sich kein Betrug fand; 23der, als er geschmäht wurde, die Schmähung nicht erwiderte, nicht drohte, als er litt, es aber dem anheimstellte, der gerecht richtet; 24der unsre Sünden selbst hinaufgetragen hat an seinem Leibe auf das Holz, damit wir, den Sünden abgestorben, der Gerechtigkeit leben. Durch seine Wunden seid ihr heil geworden. 25Denn ihr wart wie irrende Schafe; aber ihr seid nun umgekehrt zu dem Hirten und Bischof eurer Seelen.

    1.    Vorbild

    Christus hat uns ein Vorbild hinterlassen. Wir sollen seinen Fußstapfen nachfolgen. Und schon merke ich, dass es doch nicht so einfach ist, wie es auf den ersten Blick scheint mit der klaren Orientierung in Glaubensfragen. Lesen Sie einmal eines der Evangelien, egal welches. Da hat Jesus ziemlich große Fußstapfen hinterlassen. Um bei dem Bild zu bleiben: Ich kann nicht einfach in seinen Schuhen gehen, die sind mir ein paar Nummern zu groß. Diese Fußstapfen kann ich nicht einfach ausfüllen. Jesus zum Vorbild nehmen, das ist eine große Herausforderung, wahrscheinlich eine Überforderung. Jetzt möchte ich dem Schreiber des Briefes nicht unterstellen, dass er bewusst Dinge fordert, die unerfüllbar sind. Immerhin wird der Brief mit Petrus identifiziert. Petrus war der, der am Gründonnerstag von sich dachte, in den großen Fußstapfen Jesu gehen zu können. Und der noch in der gleichen Nacht feststellen musste, dass sie ihm zu groß sind. Dreimal hat er geleugnet, Jesus zu kennen. Vorher hatte er zu Jesus gesagt: „Wenn ich mit dir sterben müsste, ich verlasse dich nicht.“ Jesus hat ihm vorausgesagt, was passieren wird. Hinterher ist man immer schlauer.

     

    Mit Vorbildern ist das ohnehin so eine Sache. Viele Menschen haben Vorbilder, Personen, an denen sie sich orientieren, denen sie nacheifern, die sie bewundern und verehren. Vorbilder sind Gestalten, zu denen man aufblicken kann. Meistens stehen sie auf einen Sockel wie eine Denkmalsäule. Nicht immer direkt und konkret wie ein echtes Denkmal, aber in unseren Gedanken. Das muss so sein, sonst könnten wir ja nicht zu ihnen aufblicken. Aber dabei vergessen wir gerne, dass Vorbilder Menschen sind, die nicht perfekt sind. Wir neigen einerseits zur Idealisierung, andererseits dazu, uns selbst zu überfordern und zu belügen. Wenn das Vorbild, das Ideal, auf einem hohen Sockel steht, dann ist es zwar anbetungswürdig. Aber zugleich ist klar, es steht so hoch über uns, dass es unerreichbar ist. Also muss man am Ende gar nicht erst versuchen, den Fußstapfen des verehrten Vorbilds zu folgen, es steht ja so hoch idealisiert über mir, dass ich da ohnehin nie hinkommen werde. Ein Vorbild haben, ein Ideal, gerne. Aber dann bitte so dass ich es verehren kann, ohne ihm wirklich nacheifern zu müssen. Den das könnte anstrengend sein und erfordern, dass ich meine Lebensweise irgendwie verändere. Das ist vielleicht doch zu viel Eifer.

     

    Petrus wusste von zu großen Schuhen. Von großen Vorbildern, großen Vorhaben und großartigem Versagen. Das manche Ideale für uns einfach unerreichbar sind. Jesus hat in der Nacht seines Leidens einfach alles widerspruchslos mit sich machen lassen. Aber ein paar Tage vorher ist er mit einer Peitsche aus geflochtenen Stricken durch den Tempel gegangen und hat die Händler hinaus gejagt, die dort ihren Geschäften nachgingen. Welchem Vorbild soll ich denn nun nacheifern? Wie sollen die Fußstapfen aussehen, in den ich gehe? Leiden für die ganze Welt? Diese Fußstapfen sind eindeutig zu groß. Damit steht auch Jesus auf einem Sockel neben anderen verehrungswürdigen Vorbildern und wird für mich unerreichbar.

    2.    Hirte

    Da gibt es noch eine zweite Beschreibung. Jesus Christus, der Hirte der Seelen. Vorbilder können Orientierung geben, aber zugleich stehen sie auf einem Sockel, der sie unerreichbar und unnahbar macht. Hirten geben auch Orientierung. Ein Hirte versorgt seine Herde. Er kümmert sich darum, dass die Herde zur rechten Zeit von einer Wiese zur anderen wechselt, damit genug Futter da ist. Er sorgt dafür, dass die Herde oft genug zum Wasser kommt, damit die Tiere nicht verdursten. Er übernimmt Verantwortung für seine Herde. Aber im Gegensatz zum Vorbild, zum Ideal, steht der Hirte nicht auf einem Sockel. Er ist mitten unter seiner Herde. Er ist nahbar. Man kann gelegentlich auch heute noch Schäfer mit mehr oder weniger großen Schafherden sehen. Manchmal sieht man tatsächlich, wie sich ein Schaf an den Beinen des Schäfers reibt oder wie er ein Lamm auf seinen Armen trägt, das mit der Herde noch nicht Schritt halten kann. Diese Form von Orientierung verbunden mit Zuwendung wirkt auf Beobachter sehr romantisch, wie ein Blick in eine gute alte, aber längst vergangene Zeit. Für den Schäfer ist das nicht romantisch, sondern einfach nur seine Arbeit, sein Beruf. Es ist eine harte Arbeit. Dafür muss man sich bewusst entscheiden, das muss man wollen.

     

    Wohl genau deshalb ist eines der ältesten und stärksten Bilder für die Beziehung zwischen Gott und seinen Menschen das Bild vom Hirten und seiner Herde.

     

    Der Sonntag heute heißt in der Ordnung des Kirchenjahres „Misericordias Domini“ – übersetzt aus dem lateinischen heißt das: Barmherzigkeit Gottes oder Güte Gottes. Es ist ein Teil eines Psalmverses: Die Erde ist voll der Güte des Herrn – Psalm 33,5. Man nennt den Sonntag auch den „Sonntag das guten Hirten“. Der Wochenspruch aus Johannes 10 heißt: „Ich bin der gute Hirte.“ Der Psalm des Sonntags ist der Psalm 23. Überall wird das Bild des Hirten aufgenommen. Jesus Christus, der Hirte. Zu einem Hirten kann man kommen, er gibt Zuwendung, Lebenshilfe und Orientierung. Ein Vorbild kann man nur verehren, es bleibt unerreichbar fern.

     

    Jesus ist für uns beides: Ein Vorbild, indem er uns vorlebt, wie wir leben sollen: Voller Liebe und Barmherzigkeit für die Welt und unsere Mitmenschen, bereit, Verantwortung zu übernehmen für Welt und Umwelt, zu helfen wo wir können und wo Hilfe gebraucht wird. Zugleich aber ist er nahbar wie der Hirte, dem ich mich in die Arme werfen kann und bei dem ich mich ausweinen kann, wenn mir der Schmerz der Welt zu groß wird. Er ist der Hirte, der gut für seine Herde sorgt, der sogar die Sünde der Welt, auch meine, auf sich genommen hat, damit ich nicht mehr unter der Last meiner Schuld leben muss.

     

    Ich schließe mich der Einladung an, die Petrus ausgesprochen hat: Folgt dem Vorbild und den Fußstapfen nach, die Jesus uns gegeben hat. Er ist kein unerreichbares Ideal, sondern der Hirte, der den Weg mit uns geht und uns ganz persönlich begleitet.

    Amen.

     

    Der Friede Gottes, der höher ist als alle Vernunft, bewahre eure Herzen und Sinne in Christus Jesus, unserem Herrn.

    Amen.

  • Predigt zum Sonntag Quasimodogeniti (19.04.2020)

    Predigt Jesaja 40,26-30

    Gnade sei mit Euch und Friede von Gott unserm Vater und dem Herrn Jesus Christus. Amen.

    Wo ist Gott in der Krise?

    Liebe Gemeinde!

    Hin und wieder kommt mir beim Lesen im Internet diese Aussage unter: Die Corona-Pandemie ist eine Strafe Gottes für die Menschen. Ich halte diesen Satz für abgrundtief falsch. Krisen, egal welcher Art, sind keine Strafen Gottes. Gott arbeitet nicht mit schwarzer Pädagogik. Es ist nicht seine Art, Menschen mit Drohungen und Angst zu sich zu zwingen. So etwas machen totalitäre Herrscher, Diktatoren, Despoten. All das ist Gott nicht. Gott ist die Liebe. Lieber legt er sich selbst, bzw. seinem Sohn Jesus, Strafe auf, als dass er sie an Menschen austobt. Gott tobt sich nicht an der Welt aus wie ein wütender Herrscher, über den man einen unbequemen Zeitungsartikel schreibt.

     

    Aber wenn Gott nicht die Schuld an der Pandemie hat, wer ist dann daran schuld? Irgendeinen Schuldigen, jemand, den wir verantwortlich machen können, muss es doch geben. Wir brauchen das scheinbar – jemanden, der verantwortlich ist. Wir Menschen halten es nur schwer aus, dass die Dinge eben sind wie sie sind. Es ist schwer zu ertragen, dass unser Leben immer gefährdet und begrenzt ist. Es tut einfach weh, wenn Menschen, die einem nahe stehen, krank werden und vielleicht sterben. Es macht Angst, selbst gefährdet zu sein. Da auf die eine oder andere Weise Gott die Schuld zu geben, liegt nahe – ist aber falsch.

     

    Wenn Gott nicht durch diese Krise straft, warum gibt es überhaupt eine Pandemie? Warum gibt es andere Katastrophen? Wenn Gott allmächtig ist, warum verhindert er das dann nicht? Hat Gott überhaupt etwas mit der Pandemie, mit der Welt, mit mir zu tun? Wo ist Gott in der Krise? Das ist die entscheidende Frage. Diese Frage ist uralt: Wo ist Gott in der Krise? Diese Frage hat schon die Israeliten im babylonischen Exil beschäftigt, wie der folgende Predigttext zeigt:

    Predigttext:

    26Hebt eure Augen in die Höhe und seht! Wer hat all dies geschaffen? Er führt ihr Heer vollzählig heraus und ruft sie alle mit Namen; seine Macht und starke Kraft ist so groß, dass nicht eins von ihnen fehlt. 27Warum sprichst du denn, Jakob, und du, Israel, sagst: „Mein Weg ist dem HERRN verborgen, und mein Recht geht an meinem Gott vorüber?“ 28Weißt du nicht? Hast du nicht gehört? Der HERR, der ewige Gott, der die Enden der Erde geschaffen hat, wird nicht müde noch matt, sein Verstand ist unausforschlich. 29Er gibt dem Müden Kraft und Stärke genug dem Unvermögenden. 30Jünglinge werden müde und matt, und Männer straucheln und fallen; 31aber die auf den HERRN harren, kriegen neue Kraft, dass sie auffahren mit Flügeln wie Adler, dass sie laufen und nicht matt werden, dass sie wandeln und nicht müde werden.

    1.    Müde

    Krisenzeiten können müde und verzagt machen. Manche dachte vielleicht, ab Montag, 20.04. sind die Schulen und Kindergärten wieder geöffnet. Endlich können die Kinder wieder aus dem Haus, Freunde treffen, spielen und müssen nicht mehr den ganzen Tag von ihren Eltern bei Laune gehalten werden, die vielleicht „nebenher“ noch im HomeOffice arbeiten sollen. Gut, dass es solche Möglichkeiten gibt, von zu Hause aus zu arbeiten. Aber zugleich kostet es auch viel Kraft, gleichzeitig Kinder zu betreuen und zu arbeiten. Für die älteren Kinder sind die Eltern dann vielleicht noch aus Aushilfslehrer. Die Schüler müssen ja auch zu Hause bleiben und bekommen ihre Aufgaben per E-Mail oder auf anderem Wege. Aber bearbeiten müssen sie die Dinge selbständig. Da ist keine Lehrkraft da, die man fragen kann. Also müssen die Eltern ran. Auch das kostet Kraft und Nerven. Schließlich ist man selbst ja nicht unbedingt mit dem Unterrichtsstoff vertraut. Das macht müde. Und dann kommt man als Erwachsener Mensch ja jetzt auch kaum noch aus dem Haus. Wer zu Hause arbeitet, in Kurzarbeit ist oder gar seine Arbeitsstelle durch die Krise verloren hat, wer als Selbständiger sein Geschäft gerade nicht öffnen darf, der kann nachvollziehen, wie einen die Sorgen und die Isolation müde machen. Krisen sind ermüdend. Im Ausnahmezustand zu leben, kostet viel mehr Kraft, als im normalen Alltag zu sein. Das ging den deportierten Kriegsgefangenen in Babylon, bzw. ihrer Enkelgeneration, nicht anders. „Mein Weg ist dem Herrn verborgen“, so sagen sie. Wir sind hier in der Notsituation der Deportation, wir wollen nach Hause, zurück in das Land, das Gott uns gegeben hat – und wir können nicht weg. Man lässt uns nicht gehen. Wir dürfen unsere Identität als Volk Gottes nicht leben. Wir dürfen unsere eigene Sprache nicht sprechen. Und Gott kümmert das alles scheinbar gar nicht. Der Gott unserer Väter ist offenbar weit weg. Sein Volk ist ihm egal geworden.

     

    Vielleicht sagt ja auch Glieder unserer Kirchengemeinde: Bei allem Verständnis für die Ansteckungsvermeidung: Mir fehlt meine Gemeinde. Mir fehlt der Gottesdienst. Mir fehlt mein Chor, mein Jugend- oder Seniorenkreis, mein Posaunenchor. Mir fehlt die Begegnung mit den Menschen. Und mir fehlt die Begegnung mit Gott. Ist Gott in dieser Krise überhaupt noch da? Wie kann Gott zulassen, wie kann die Kirche zulassen, dass man Gottesdienste verbietet? Das hat es noch niemals zuvor gegeben. Wo ist da meine Kraftquelle? Ich will doch Gott begegnen. Das macht müde. Selbst junge Kerls, Jünglinge und gestandene Männer werden in so einer Situation irgendwann müde. Die sind sonst die, die vor Energie nur so strotzen. Aber jetzt? Diese Woche hörte ich von einem Schüler folgenden Satz: „Mir ist total langweilig, und gleichzeitig habe ich zu nichts Lust, was gegen die Langeweile helfen könnte.“ Das ist Krisenmüdigkeit. Da kommt die Ausdauer, den Ausnahmezustand zu ertragen, an ihre äußersten Grenzen.

    2.    Geweckt

    Wie kommt man aus der Situation heraus? Zum einen natürlich, wenn das Leben wieder normal weiter geht. Aber das wird es nicht. Nach einem Einschnitt wie der Corona-Pandemie wird immer etwas anders sein als vorher. Wie sich unser Leben und unser Blick aufs Leben ändern wird, können wir noch nicht wissen. Aber ich bin mir ziemlich sicher, dass wir nicht einfach zur Tagesordnung übergehen – zumal die Pandemie uns auch noch in der einen oder anderen Weise über Monate begleiten wird.

     

    Zum anderen könnte ein Blickwechsel helfen. Der Prophet sagt seinen Leuten: Ihr redet davon, dass Gott sich nicht für euch interessiert, dass Gott euch nicht mehr wahrnimmt. Aber nehmt mal für einen Augenblick die Augen weg von euren Problemen auf die Welt um euch herum. Hebt den Blick nach oben, auf die Sterne und Himmelskörper. Das alles kommt aus Gottes Hand. Auch euer Leben liegt in Gottes Hand, weil alles von ihm kommt. Es kann also gar nicht sein, dass Gott sich nicht kümmert und in der Krise nicht da ist.

     

    Das Wort ist das eine, die Wahrnehmung das andere. Aber vielleicht können ja auch wir einmal unsere Wahrnehmung ändern und in eine andere Richtung schauen. Nicht auf das, was gerade alles nicht geht – sondern auf das, was möglich ist, was an Gutem passiert. Nachbarn, die füreinander einkaufen. Menschen, die viel Kreativität und Ideen entwickeln, Gottesdienste und anderes trotz geschlossener Kirchen mit modernen Medien zu den Menschen zu bringen. Eine große Bereitschaft unter den Menschen in unserem Land, die Einschränkungen der persönlichen Freiheit zu akzeptieren, obwohl wir gerade beste Fest-, Ausflugs-  und Biergartenzeit haben. Der viel gescholtene Egoismus der postmodernen Gesellschaft tritt scheinbar tatsächlich ein Stück zurück und macht dem Gemeinsinn Platz. Ja, wir sind in einer Pandemie, aber die Krise macht auch viel Gutes sichtbar, was uns sonst vielleicht nicht aufgefallen wäre oder was im Getriebe des geschäftigen Alltags gar keinen Raum hatte.

     

    Ich will wachsam bleiben und aufmerksam auf das Gute schauen, das sich entwickelt. Geweckt dafür, dass nicht nur die ermüdende Herausforderung da ist, sondern auch die ermutigenden Taten der Menschen.

     

    Gott ist die Liebe, und an Taten der Liebe, die von Menschen vollbracht werden, sehe ich, dass Gott auch in der Krise noch da ist.

    3.    Beflügelt

    Gott ist noch da, wenn auch vielleicht anders, als ich es erwarte oder mir wünschen würde. Ich sehe ihn am Werk in dem Guten, das in der Krise auch geschieht. Und darum möchte ich nicht nur Beobachter bleiben. Der aufweckende Blickwechsel, der aus der Müdigkeit heraus holt, ist ein guter erster Schritt. Aber für den Propheten folgt dann noch ein zweiter. Gott wird nicht müde, und er gibt Kraft und Stärke denen, die sie brauchen. Die auf ihn „harren“, bekommen Kraft, die ihnen Flügel verleiht. Nicht „Red Bull verleiht Flügel“, sondern das harren auf Jahwe, den Gott Israels und der Christen, der Jesus vom Tod auferweckt hat. Ausharren, dran bleiben, festhalten an Gott auch gegen alle Wahrscheinlichkeit, das beflügelt. Solche Menschen brauchen wir, besonders in Krisenzeiten, die von Gott beflügelt sind. Das hilft, gegen alles was uns müde und matt macht, trotzdem die Hoffnung nicht zu verlieren. Trotzdem zu vertrauen, dass es ein Leben auch mit und sogar nach der Corona-Pandemie geben wird. Wer an Gott festhält, auf Gott harrt, der ist ein Mensch des Glaubens. So einer hat Hoffnung. Gott ist doch der Ursprung von allem, was da ist. Ein Schöpfer liebt seine Schöpfung und gibt sie nicht auf. Wer noch Hoffnung hat, der ist ermutigt zu Taten der Liebe, weil er weiß: Es lohnt sich. Und er bekommt aus dem Harren auf Gott, aus dem Glauben, auch die Kraft zum Handeln, die alle Müdigkeit überwinden kann.

     

    Wo ist Gott in der Krise: Er ist da, wo er immer ist. In seinem Sohn Jesus Christus ist er der Seite der Menschen, ganz bei uns. Er ermutigt und beflügelt uns, einander beizustehen und gegenseitig Mut zu machen. Er löst nicht einfach unsere Probleme für uns. Aber er trägt und erträgt sie mit uns und gibt denen, die es wollen, Kraft und Ausdauer genug, um die Krise durchzuhalten und sogar noch von dem weiter zu geben, was wir von ihm bekommen.

    Amen.

     

    Der Friede Gottes, der höher ist als alle Vernunft, bewahre eure Herzen und Sinne in Christus Jesus, unserem Herrn.

    Amen.

  • Predigt zu Ostern (12.04.2020)

    Predigt 1. Korinther 15,(12-18)19-28

    Gnade sei mit Euch und Friede von Gott unserm Vater und dem Herrn Jesus Christus.

    Amen.

    Predigttext:

    [12Wenn aber Christus gepredigt wird, dass er von den Toten auferweckt ist, wie sagen dann einige unter euch: Es gibt keine Auferstehung der Toten? 13Gibt es keine Auferstehung der Toten, so ist auch Christus nicht auferweckt worden. 14Ist aber Christus nicht auferweckt worden, so ist unsre Predigt vergeblich, so ist auch euer Glaube vergeblich. 15Wir würden dann auch als falsche Zeugen Gottes befunden, weil wir gegen Gott bezeugt hätten, er habe Christus auferweckt, den er nicht auferweckt hätte, wenn doch die Toten nicht auferstehen. 16Denn wenn die Toten nicht auferstehen, so ist Christus auch nicht auferstanden. 17Ist Christus aber nicht auferstanden, so ist euer Glaube nichtig, so seid ihr noch in euren Sünden; 18dann sind auch die, die in Christus entschlafen sind, verloren.] 19Hoffen wir allein in diesem Leben auf Christus, so sind wir die elendesten unter allen Menschen.

     

    20Nun aber ist Christus auferweckt von den Toten als Erstling unter denen, die entschlafen sind. 21Denn da durch einen Menschen der Tod gekommen ist, so kommt auch durch einen Menschen die Auferstehung der Toten. 22Denn wie in Adam alle sterben, so werden in Christus alle lebendig gemacht werden. 23Ein jeder aber in der für ihn bestimmten Ordnung: als Erstling Christus; danach die Christus angehören, wenn er kommen wird; 24danach das Ende, wenn er das Reich Gott, dem Vater, übergeben wird, nachdem er vernichtet hat alle Herrschaft und alle Macht und Gewalt. 25Denn er muss herrschen, bis Gott "alle Feinde unter seine Füße gelegt hat" (Psalm 110,1). 26Der letzte Feind, der vernichtet wird, ist der Tod. 27Denn "alles hat er unter seine Füße getan" (Psalm 8,7). Wenn es aber heißt, alles sei ihm unterworfen, so ist offenbar, dass der ausgenommen ist, der ihm alles unterworfen hat. 28Wenn aber alles ihm untertan sein wird, dann wird auch der Sohn selbst untertan sein dem, der ihm alles unterworfen hat, auf dass Gott sei alles in allem.

    Der Herr ist auferstanden!

    Liebe Gemeinde!

     

    In diesem Jahr feiern wir Ostern auf eine für uns bisher nicht vorstellbare Art: Ohne gemeinsame Gottesdienste, ohne Familienfeste, ohne Restaurantbesuche, ohne Osterfeuer, ohne viele vertraute und liebgewordene Traditionen. Es fühlt sich für den einen oder anderen vielleicht sogar so an, als sei Ostern ausgefallen. Dafür kommt uns gleichzeitig die neue Krankheit Covid19 immer näher. Ich denke, viele Menschen wissen inzwischen von jemanden aus ihrem Bekannten- oder Verwandtenkreis, der daran erkrankt ist, der vielleicht sogar daran gestorben ist.

    1.    Der Tod wird greifbar

    Wir werden daran erinnert, dass wir sterblich sind, dass wir unser Leben nicht selbst in der Hand haben, das Leben immer gefährdet ist. Meistens können wir das in unserer Welt des Fortschritts und des Wohlstands verdrängen. Bilder von Menschen in armen Ländern, von Menschen auf der Flucht, von Menschen im Elend, dringen durch die Medien zu uns durch. Vielleicht helfen wir mit der einen oder anderen Spende, die Not ein wenig zu lindern. Das ist oft der berühmte „Tropfen auf dem heißen Stein“, aber besser als nichts. Trotzdem – diese Ereignisse bleiben weit weg, auch dann wenn die Bilder uns nahegehen und nachgehen. Solche Dinge passieren in Teilen der Welt, die nicht unsere sind. Bei uns geht es so nicht zu. Wir können diese Wirklichkeit verdrängen.

     

    Auch mit der Sars-CoV-2-Pandemie machen es viele immer noch so. Die Seiten im Internet, die sich als „alternative Medien“ bezeichnen, haben regen Zulauf. Millionenfach werden die Beiträge anschgeschaut und gelesen, die alles mit einer großen Weltverschwörung erklären wollen und uns sagen, in Wirklichkeit gibt es das alles gar nicht.

     

    Anfangs – so Ende Januar des Jahres, als erste Berichte über das neue Coronavirus bekannt wurden, war ich auch skeptisch, ob das nicht alles übertrieben ist. Ich erinnerte mich noch gut an den Wirbel um die Schweinegrippe 2009 und wie wenig dramatisch das dann am Ende war – jedenfalls in Deutschland. Ich habe mich dann eines Besseren belehren lassen. Und trotzdem – bei allem Ernst der Lage – am Ende war die Pandemie doch etwas, was mich nicht direkt berührte. Ich kannte ja keinen persönlich, der direkt betroffen war. Es waren Zahlen auf einem Blatt Papier, beeindruckend, beunruhigend, besorgniserregend, aber doch befremdlich fern. So lange, bis ich vom Tod des Lebensgefährten einer Bekannten hörte – der an Covid19 gestorben war. Plötzlich waren die Zahlen real. Plötzlich wurde aus der Statistik ein echtes Ereignis, das mit mir persönlich zu tun hat. Kein sicherer Abstand nach Art von „das passiert nur den Anderen“ war mehr da. Wenn Sie so wollen: Die Wirklichkeit des Todes war in meine Welt eingebrochen.

     

    Ich glaube, den Jüngern am Karfreitag, vielleicht schon bei der Gefangennahme am Gründonnerstag, ging es ähnlich. Bis dahin konnten sie verdrängen, was Jesus immer wieder gesagt hatte über sein Leiden und Sterben. Es war ja noch nichts passiert. Vielleicht sah Jesus die ganze Sache ja zu dramatisch. Als er gefangen war und vor Gericht stand, da konnten die Jünger das, was Jesus ihnen vorher schon gesagt hatte, nicht mehr verdrängen: „Ich werde in die Hand meiner Feinde ausgeliefert werden.“ Und als er schließlich am Kreuz hing, da war endgültig die Wirklichkeit des Todes in ihre Welt eingebrochen. Jesus, der Messias, Sohn des lebendigen Gottes, stirbt. Der Tod wird greifbar. Und zugleich wird für alle deutlich: Der Tod ist greifbar, aber unangreifbar. Der Tod hat eine Macht, vor der alles Leben weichen muss. Der Tod spricht das letzte Wort – sogar über Jesus.

    2.    Der Tod ist angreifbar

    Ostern, das Frühlingsfest des erwachenden Lebens – und zugleich die Erinnerung an den Tod – wie passt das zusammen?

     

    Im Glauben der Christen gehört beides selbstverständlich zusammen. Ohne Karfreitag hätte Ostern keinen tieferen Sinn. Es wäre nur ein Frühlingsfest. So wird es ja von vielen Menschen inzwischen auch begangen. Aber Ostern ist mehr. „Der Herr ist auferstanden, er ist wahrhaftig auferstanden“ ist der Ostergruß der Christen. Damit sprechen Menschen sich gegenseitig zu: Der Tod hat nicht das letzte Wort. Jesus lebt. Er ist, so unser Predigttext, „der Erstling unter denen, die entschlafen sind“, der vom Tod aufgeweckt wurde. Die unheimliche Macht des Todes über alles, was lebt, ist durchbrochen. Einer kam durch diese Grenze zurück. Bis dahin galt: Es ist noch keiner zurückgekommen. Das stimmt seit Ostern nicht mehr. Jesus war tot und ist lebendig und hat die Schlüssel des Todes und der Hölle, so sagt es der Wochenspruch für die Osterwoche.

     

    Das heißt: Der unangreifbare Tod ist angreifbar geworden. Einen konnte er schonmal nicht festhalten. Warum sollte das nicht auch für andere so sein? Aus diesem Bekenntnis zu Jesus, der von den Toten auferstanden ist, kommt der Glaube der Christen an eine Auferstehung aller Toten. Wenn Jesus die neue Welt Gottes aufrichten wird, werden alle, die zu ihm gehören, aus den Gräbern heraus gerufen und mit ihm Leben in dieser neuen Welt Gottes. Es gibt noch mehr, er gibt Leben, das über diese Welt und unser jetziges Leben hinaus geht. In dieser neuen Welt Gottes ist sogar der Tod besiegt – es gibt in dieser Welt keinen Tod mehr. Der letzte Feind des Lebens ist nicht nur angreifbar, er ist bezwungen.

    3.    Jesus ist Herr

    Das ist die große Hoffnungsgeschichte von Ostern. Diese Hoffnung gilt, seit Jesus das Grab leer zurück ließ. Er ist auch der Herr über den Tod. Wer stirbt, ist nicht einfach so weg, sondern er ist in der Hand Jesu, in der Hand Gottes. Diese Hoffnung gilt auch dann, wenn wir sie nicht feiern können, in Gottesdiensten und Auferstehungsandachten.

     

    Die Rede von der Auferstehung ist keine billige Vertröstung auf ein besseres Jenseits. Ja, der Tod ist noch real, und die aktuelle Pandemie führt uns das mit beeindruckender Härte vor Augen. Das Leben ist trotz Ostern immer noch gefährdet. Aber der Blick auf das leere Grab weckt Hoffnung. Hoffnung, dass es nicht für immer so sein muss. Hoffnung, dass der Tod, der uns mit der Pandemie nahe kommt, besiegt werden kann. Dass es eine Impfung und Medikamente geben kann. Die Wissenschaftler, die sich auf solche Forschungen spezialisiert haben, arbeiten mit aller Kraft daran. Sie sind von der Hoffnung getragen, dass der Tod, der uns durch eine schwere Krankheit nahe kommt, zumindest in der Form der Krankheit besiegt werden kann.

     

    Der Tod ist durch medizinischen Fortschritt schon angreifbar geworden – und er wird es immer ein bisschen mehr. Aber am Ende eines Lebens, egal wie lang es gewesen sein mag, wartet er noch. Noch. Der Ruf: „Der Herr ist auferstanden“ erinnert uns: Zuletzt wird der Tod nicht nur in Form einer Krankheit, die man behandeln kann, sondern in seiner ganzen Härte und Endgültigkeit besiegt werden. Wann das sein wird, weiß niemand. Zeit und Stunde sind uns nicht bekannt. Aber dass es so sein wird, darin sind sich alle Schreiber der biblischen Texte sicher. Das hat Jesus selbst so gesagt, und daran halte auch ich mich fest: Der Tod ist real, doch der Tod ist angreifbar, denn Jesus, der Herr, ist auferstanden und wird den Tod endgültig besiegen.

    Amen.

     

    Der Friede Gottes, der höher ist als alle Vernunft, bewahre eure Herzen und Sinne in Christus Jesus, unserem Herrn.

    Amen.

  • Predigt zum Gründonnerstag (09.04.2020)

    Predigt Matthäus 26,17-30

    Kanzelgruß: Gnade sei mit Euch und Friede von Gott unserm Vater und dem Herrn Jesus Christus. Amen.

    Predigttext:

    17Aber am ersten Tag der Ungesäuerten Brote traten die Jünger zu Jesus und sprachen: Wo willst du, dass wir dir das Passalamm zum Essen bereiten? 18Er sprach: Geht hin in die Stadt zu einem und sprecht zu ihm: Der Meister lässt dir sagen: Meine Zeit ist nahe; ich will bei dir das Passamahl halten mit meinen Jüngern. 19Und die Jünger taten, wie ihnen Jesus befohlen hatte, und bereiteten das Passalamm.

    20Und am Abend setzte er sich zu Tisch mit den Zwölfen. 21Und als sie aßen, sprach er: Wahrlich, ich sage euch: Einer unter euch wird mich verraten. 22Und sie wurden sehr betrübt und fingen an, jeder einzeln zu ihm zu sagen: Herr, bin ich's? 23Er antwortete und sprach: Der die Hand mit mir in die Schüssel taucht, der wird mich verraten. 24Der Menschensohn geht zwar dahin, wie von ihm geschrieben steht; doch weh dem Menschen, durch den der Menschensohn verraten wird! Es wäre für diesen Menschen besser, wenn er nie geboren wäre. 25Da antwortete Judas, der ihn verriet, und sprach: Bin ich's, Rabbi? Er sprach zu ihm: Du sagst es.

    26Als sie aber aßen, nahm Jesus das Brot, dankte und brach's und gab's den Jüngern und sprach: Nehmet, esset; das ist mein Leib. 27Und er nahm den Kelch und dankte, gab ihnen den und sprach: Trinket alle daraus; 28das ist mein Blut des Bundes, das vergossen wird für viele zur Vergebung der Sünden. 29Ich sage euch: Ich werde von nun an nicht mehr von diesem Gewächs des Weinstocks trinken bis an den Tag, an dem ich aufs Neue davon trinken werde mit euch in meines Vaters Reich. 30Und als sie den Lobgesang gesungen hatten, gingen sie hinaus an den Ölberg.

    Den Tod vor Augen

    Liebe Gemeinde!

    Wenn man die Passionsberichte bei Matthäus, Markus oder Lukas liest, dann verliert man eine wichtige Einzelheit leicht aus dem Blick. Der Text ist lang, und es werden viele Begebenheiten berichtet, die sich in kurzer Zeit abgespielt haben. Diese eine wichtige Einzelheit ist diese: Als Jesus am Abend des Passafestes mit seinen Jüngern zu Tisch sitzt bzw. liegt, da hat er nur noch weniger als 24 Stunden zu leben.

    Wir lesen die Einsetzung des Abendmahls mit gehörigem zeitlichem Abstand zu den Ereignissen, und wir lesen sie von hinten, vom Ausgang der Geschichte her. Erzählt ist alles vorwärts, und die, die damals dabei waren, haben es auch vorwärts erlebt. Zuerst die Salbung in Bethanien, in der Jesus von seinem Begräbnis spricht. Und nun die Passafeier, in der Jesus die Alten Worte und Texte der jüdischen Tradition mit etwas ganz neuem ergänzt: Das ist mein Leib, als er das Brot austeilt – das ist mein Blut des (neuen) Bundes, als er den Weinbecher herum reicht. Blut, das vergossen wird. Blutvergießen, das bedeutet Gewalt und Verletzung. Wieder redet Jesus von seinem Tod.

    Es ist schwer zu sagen, was die Jünger darüber dachten, die mit Jesus zum Essen zusammen waren. Jesus hatte insgesamt schon dreimal sein Leiden und Sterben angekündigt. Wenn man die Reaktionen anschaut, die bis dahin erfolgt waren, dann kann man wohl sagen: Die Jünger wollten es nicht glauben. Sie wollten es nicht wahrhaben. Es kann nicht sein, was nicht sein darf. Jesus darf nicht sterben. Es war noch keine Woche her, da ist er im Triumphzug in Jerusalem angekommen und wurde als neuer König Israels begrüßt, als Messias, Sohn Davids, der im Namen Gottes kommt. So einer stirbt doch nicht. Jeden Tag waren sie im Tempel gewesen. Jesus hatte vom Gericht Gottes gepredigt, von der neuen Welt Gottes, er hatte die Händler im Tempel davon gejagt, damit dort wieder Ruhe zur Begegnung mit Gott einzieht. Alle, die seine Schriftauslegung für falsch hielten, mussten nach verschiedenen Streitgesprächen klein beigeben. Jesus redete mit einer Kraft aus Gottes Geist, die es sonst nicht gab. So einer darf doch nicht sterben. Er muss weiter leben, sein Werk weiter führen, die neue Welt Gottes soll doch mit ihm kommen.

    So weit die menschlichen Vorstellungen und Wunschträume. Und wie meistens, sind genau diese menschlichen Wunschträume das große Problem. Die Jünger haben ein Bild von Jesus, und ein Bild von Gott, dem Jesus nun irgendwie entsprechen soll. Aber offenbar lässt sich Jesus nicht einfach in irgendeine Vorstellung pressen, die sich Menschen machen – selbst in die seiner engsten Gefährten nicht.

    Jesus hat den Tod vor Augen. Wie sich im Gebet später heraus stellt, ist Jesus keineswegs lebensmüde. Er will nicht leiden, er will nicht sterben. Kein Mensch will das. Außer ein paar masochistisch veranlagten und vielleicht ein paar seelisch kranken Menschen möchte niemand gerne leiden. Und sterben auch nicht. Wir wollen leben. Genauso wie Jesus das wollte. Und dennoch redet Jesus immer wieder von seinem Tod, macht seine Jünger darauf aufmerksam, riskiert Streit und heftigen Widerspruch. Warum das alles, wenn doch keiner seinen Tod will, außer den paar erklärten Feinden?

    Die Worte, die Jesus beim Passaessen mit dem Brot und dem Wein verknüpft, geben uns die Antwort. Der neue Bund wird mit Leib und Blut Jesu besiegelt. Jesus deutet seinen Tod – und seine Auferstehung – als Siegel für den neuen Bund, den Gott mit seiner Welt schließt. Der erste Bund wurde am Sinai geschlossen und galt für Israel. Israel wurde Gottes Volk, weil Gott es so wollte und die Menschen dazu „ja“ sagten. Der neue, der zweite Bund, wurde auf Golgatha geschlossen und gilt allen Menschen, die dazu „ja“ sagen wollen. Ein neues Gottesvolk soll entstehen, die Gojim – nicht-Juden – sind nicht mehr ausgeschlossen. Das Blut Jesu ist für die Jünger, die damals dabei waren, und für viele weitere vergossen worden. Jesus gibt sein Leben als Lösegeld, so erklärt er es an anderer Stelle. Die Menschen sollen wieder Gott gehören.

    Jesus hat den Tod vor Augen. Und trotzdem endet das Passaessen nicht mit Streit und nicht mit Angst und Verzweiflung, sondern, der Tradition folgend, mit Lobgesang aus den Psalmen 113-118. Trotz der bedrückenden Situation wird das Lob- und Danklied auf Gott angestimmt, der sein Volk befreit hat. Die Hoffnung auf Gott, der helfen kann, weil er schon geholfen hat, strahlt auch durch das Abschiedsessen hindurch, das Jesus mit seinen Jüngern feiert.

    Das alles ist Abendmahl. Gemeinschaft mit Jesus, eingeladen an seinen Tisch, damit wir mit ihm feiern können. Gemeinschaft untereinander, weil im und beim Abendmahl die Unterschiede, die es zwischen uns gibt, unwichtig werden. Hoffnung auf Gott, der retten kann und helfen wird. Wir sind alle gemeinsam als Gäste Jesu eingeladen, nicht mehr und nicht weniger. Wir sind zusammen als von Gott gerecht gesprochene Menschen. Daran werden wir erinnert und daran sollen wir uns auch erinnern: Das tut zu meinem Gedächtnis, heißt es in den Einsetzungsworten des Abendmahls – vergesst nicht, wie sehr Gott euch Menschen liebt.

    Normalerweise feiern wir das Abendmahl in der Kirche, in großer Runde, damit wir genau das erleben: Gemeinschaft in der großen Runde der Gemeinde. Im Jahr 2020 geht das nicht. Vielleicht feiern manche ein Hausabendmahl mit dem Liturgievorschlag der Landeskirche. Damit machen wir es so ähnlich wie die ersten Christen kurz nach Pfingsten. Sie feierten das Abendmahl, das „Brotbrechen“, wie sie es damals nannten, in verschiedenen Privathäusern. Eigene, speziell dafür gedachte Versammlungshäuser hatten die ersten Christen noch nicht. Sie taten aber im kleinen Kreis das, was Jesus ihnen aufgetragen hatte: Dieses tut zur Erinnerung an mich: Brot brechen, Wein teilen. So wie damals gilt auch heute: Auch dann, wenn wir nur in einem kleinen Kreis zusammen kommen können, sind wir alle gemeinsam eingeladen, bei Jesus Gast zu sein: Kommt, denn es ist alles bereit. Schmecket und sehet, wie freundlich der Herr ist.

    Amen.

    Der Friede Gottes, der höher ist als alle Vernunft, bewahre Eure Herzen in Christus Jesus, unserem Herrn.

    Amen.

  • Predigt zum Sonntag Judika (29.03.2020)

    Predigt Hebräer 13,12-14

    Kanzelgruß: Gnade sei mit Euch und Friede von Gott unserm Vater und dem Herrn Jesus Christus. Amen.

    Predigttext:

    12Darum hat auch Jesus, damit er das Volk heilige durch sein eigenes Blut, gelitten draußen vor dem Tor. 13So lasst uns nun zu ihm hinausgehen vor das Lager und seine Schmach tragen. 14Denn wir haben hier keine bleibende Stadt, sondern die zukünftige suchen wir.

    Draußen oder drinnen?

    Liebe Gemeinde!

    Draußen oder drinnen, das ist zur Zeit keine Frage. In Zeiten der Kontaktvermeidung, der Reduktion sozialer Kontakte bis hin zur selbstgewählten oder verordneten Quarantäne sind wir natürlich drinnen. Drinnen in unseren Häusern und Wohnungen, im geschützten privaten Raum, in dem man noch mit den Menschen zusammen sein darf, mit denen man ohnehin in häuslicher Gemeinschaft lebt. Bleibt zu Hause, bleibt drinnen, ist ein immer wieder zu hörender Aufruf in diesen Tagen der Corona-Pandemie. Und natürlich ist dieser Aufruf berechtigt. Aber trotzdem stutze ich hier etwas. Draußen oder drinnen: Wenn wir selbstverständlich drinnen sind, in unseren Häusern, in den Familien, im sozialen Rückzugsraum, dann sind wir zugleich doch auch irgendwie draußen. Draußen wie raus nämlich aus unseren Beziehungsnetzwerken außerhalb der engsten Familie. Raus aus unserem beruflichen Alltag, wenn uns Kurzarbeit, HomeOffice oder gar eine Geschäftsschließung wie z. B. für Frieseure und Gastronomen verordnet ist. Raus aus dem Alltag der Schüler, weil Schulen geschlossen sind. Draußen oder drinnen – das ist offenbar eine Frage des Blickwinkels. Und was ist eigentlich schöner: Der Alltag, wie wir ihn gewohnt sind, mit seinen Herausforderungen und Verpflichtungen, die manchmal als Hamsterrad empfunden werden – oder die erzwungene Pause mit dem Rückzug in den engsten persönlichen Raum, die manchmal mit Hamsterkäufen begleitet wird? Draußen oder drinnen? Was gefällt ihnen besser?

     

    Wahrscheinlich gibt es auf diese Frage keine eindeutige Antwort. Wir haben ja auch gar nicht die Wahl, wir müssen wegen gesetzlicher Vorgaben und auch aus Rücksicht auf die besonders gefährdeten Mitmenschen drinnen bleiben in den Häusern und draußen aus unserem normalen Alltag und unseren erweiterten sozialen Vernetzungen.

     

    Draußen oder drinnen, das ist auch eine Frage, die der Hebräerbrief in unserem heute sehr kurzen Predigttext aufwirft. Bleibt man drinnen in der Stadt, im geschützten Raum, der von einer Mauer umschlossen ist und die Gefahren der Welt, wie sie damals war, draußen hält – oder geht man mit Jesus hinaus vor die Stadtmauern, wo sich das Sühnegeschehen abspielt, dass der Wochenspruch für den Sonntag „Judika“ andeutet: „Der Menschensohn ist nicht gekommen, dass er sich dienen lasse, sondern dass er diene und gebe sein Leben zur einer Erlösung für viele (Mt 20,28).“ Auf welche Seite gehören wir eigentlich? Und warum ist hier überhaupt von „draußen“ und „drinnen“ die Rede?

     

    Um den Zusammenhang zu verstehen, muss man einen Blick in Alte Testament werfen, in den Ablauf des großen Versöhnungstages, des „Jom Kippur“. In 3. Mose 16 wird geschildert, wie die über ein Jahr hinweg durch geschehene Schuld gestörte Beziehung zwischen Gott und seinem Volk wieder ins Reine kommt. Neben anderen Regeln zur Reinigung und Heiligung des Priesters und des Heiligtums ist da vom „Sündenbock“ die Rede. Der sprichwörtliche Sündenbock, zu dem jemand gemacht wird, hat hier seinen Ursprung. Auf den Kopf dieses Bockes legt der Priester seine Hände und bekennt die begangene Schuld der Menschen des Volkes Israel. Dann wird dieser Bock in die Wüste gebracht. Auch die Redensart „Jemanden in die Wüste schicken“ hat hier ihren Ursprung. Und weil Gott das so angeordnet hat und so gelten lässt, trägt der Sündenbock die über ihm ausgesprochenen Sünden aus der Versammlung der Israeliten hinaus. Sie sind weggetragen und stören die Verbindung zwischen Gott und seinem Volk nicht mehr. Durch die Feier des Versöhnungstages ist der Bund zwischen Gott und Israel wieder hergestellt, neu und frisch wie am ersten Tag.

     

    Weil wir Menschen nun einmal sind wie wir sind, egal ob damals Israel bei der Wanderung in der Wüste oder später als sesshaftes Volk in Kanaan, in der Zeit der Könige und Propheten, oder wir Menschen des 21. Jahrhunderts, bleibt es nicht aus, dass über den Verlauf eines Jahres sich neue Schuld anhäuft, die wiederum die Verbindung zu Gott stört. Gott will mit seinen Menschen Gemeinschaft haben, aber wir passen einfach nicht in diese Gemeinschaft hinein. Also muss der Versöhnungstag Jahr für Jahr wiederholt werden, um den Bund zwischen Gott und Volk immer wieder zu erneuern. Im Lauf der Jahre braucht es ganz schön viele Sündenböcke, die dann in die Wüste geschickt werden. Manchmal, auch wenn das von Gott, der jeden Menschen liebt und annimmt, sicher so nicht gedacht ist, gehen wir auch miteinander so um, dass wir jemanden für etwas zum Sündenbock machen und ihn dann in die Wüste schicken, damit wir das Problem und die Verantwortung los sind.

     

    Den Ablauf dieses Versöhnungsrituals überträgt der Schreiber des Hebräerbriefs auf das Sterben Jesu draußen vor der Stadtmauer der Stadt Jerusalem. Warum stirbt Jesus, der Retter der Welt, der Sohn Gottes, an einem römischen Galgen auf einem Richtplatz außerhalb der Königsstadt Jerusalem? Er hätte doch in Jerusalem König werden sollen, das haben zumindest seine Anhänger und Freunde einige Tage vorher erwartet – vom Palmsonntag bis Karfreitag sind es nur 5 Tage! Der Schreiber des Hebräerbriefs sagt: Jesus wurde zum Sündenbock gemacht. Was in der Zeit des alten Bundes der Versöhnungstag war, ist in der Zeit des neuen Bundes das Lösegeld, das Jesus mit seinem Leben bezahlt – draußen vor der Stadt. Jedes Mal, wenn wir Abendmahl feiern, werden wir mit den Einsetzungsworten daran erinnert: „Dieser Kelch ist der neue Bund in meinem Blut.“ Jesus lässt es sich etwas kosten, den Bund Gottes mit den Menschen zu erneuern und ein für alle Mal gültig zu machen. Das Schöne daran ist: Es braucht jetzt keinen Sündenbock mehr. Wir müssen niemanden mehr in die Wüste schicken, um eigene Schuld zu verbergen. Es gibt ja schon einen Sündenbock, dem alles das, was mich von Gott trennt, schon aufgelegt wurde. Die Frage, die noch bleibt, ist wieder: Draußen oder drinnen? Und genauso wie zu gerade jetzt in der Zeit der Corona-Krise, ist die Antwort zweischneidig. Drinnen sein in der Stadt, im bequemen Schutzraum des gewohnten und vertrauten, das bedeutet, nicht auf der Seite von Jesus zu sein, denn Jesus ist draußen vor der Stadt. Draußen zu sein bei Jesus, das bedeutet wiederum, drinnen zu sein in der Gemeinschaft mit Gott – und es bedeutet zugleich, dass das Leben eine neue Richtung bekommt. Wir haben keine bleibende Stadt, sondern sind auf die zukünftige, neue Welt Gottes ausgerichtet, um die wir im „Vater unser“ beten: „Dein Reich komme“. Wer auf Gottes neue Welt ausgerichtet ist, ist aber nicht weltfremd und entrückt, sondern steht gerade mit beiden Beinen fest auf dieser Erde. Wer betet: „Dein Reich komme“, der wirkt auch daran mit, dass schon ein wenig von der neuen Welt Gottes in der Alltagswelt 2020 sichtbar wird.

     

    Draußen oder drinnen? Wer draußen bei Jesus vor der Stadt ist, wo sich die Versöhnung abspielt, der ist zugleich drinnen bei den Menschen, weil auch Jesus als der Sündenbock der Welt ganz bei den Menschen und für die Menschen ist. Gerade in Krisenzeiten wie der aktuellen Pandemie wird sich das bewähren.

    Amen.

    Der Friede Gottes, der höher ist als alle Vernunft, bewahre Eure Herzen in Christus Jesus, unserem Herrn.

    Amen.

  • Predigt zum Sonntag Lätare (22.03.2020)

    Predigt Jesaja 66,10-14

    Gnade sei mit Euch und Friede von Gott unserm Vater und dem Herrn Jesus Christus. Amen.

    Predigttext

    10Freuet euch mit Jerusalem und seid fröhlich über die Stadt, alle, die ihr sie lieb habt! Freuet euch mit ihr, alle, die ihr über sie traurig gewesen seid. 11Denn nun dürft ihr saugen und euch satt trinken an den Brüsten ihres Trostes; denn nun dürft ihr reichlich trinken und euch erfreuen an ihrer vollen Mutterbrust. 12Denn so spricht der HERR: Siehe, ich breite aus bei ihr den Frieden wie einen Strom und den Reichtum der Völker wie einen überströmenden Bach. Da werdet ihr saugen, auf dem Arm wird man euch tragen und auf den Knien euch liebkosen. 13Ich will euch trösten, wie einen seine Mutter tröstet; ja, ihr sollt an Jerusalem getröstet werden. 14Ihr werdet's sehen und euer Herz wird sich freuen, und euer Gebein soll grünen wie Gras. Dann wird man erkennen die Hand des HERRN an seinen Knechten und den Zorn an seinen Feinden.

    Bist du noch bei Trost?

    Liebe Gemeinde!

     

    Vielleicht kennen Sie den Ausruf, den ich als Überschrift über die Predigt gewählt habe. In meiner Heimat in Norddeutschland verwendet man diesen Ausruf, wenn man der Meinung ist, dass jemand etwas völlig verrücktes oder extrem gefährliches tut, mithin etwas komplett unsinniges. Mit anderen Worte, da hat jemand den Trost des gesunden Menschenverstandes offensichtlich komplett von sich geworfen. Unser Wort „Trost“ ist mit dem Wort „Treue“ verwandt und mit dem englischen Wort „trust“. Trust bedeutet Vertrauen. Bei Trost sein heißt dann also, ein Grundvertrauen in das Leben zu haben. Wer nicht mehr bei Trost ist, hat dieses Grundvertrauen verloren und macht entsprechend mehr oder weniger unsinnige, dumme oder gefährliche Dinge. Wie aber bleibt man „bei Trost“? Wie findet man Trost, in Zeiten von Corona-Krise, Home-Office, Schulschließungen, Sorge um die eigene Gesundheit oder die von Freunden und Verwandten? Wie kann man noch Vertrauen haben in das Leben im allgemeinen, in all die Sicherheiten, von denen wir uns abhängig machen, im speziellen? Und kann man noch in Gott vertrauen haben?

    1.    Eingeholt von der Realität

    Freut euch mit Jerusalem, so beginnt der Predigttext. Dieser Satz hat dem heutigen Sonntag seinen Namen gegeben: Lätare – freut euch. Ein kleines Freudenfest mitten in der Passionszeit. Aber gerade in diesem Jahr 2020 scheint es am Sonntag Lätare nicht allzu viel zu geben, an dem man sich freuen kann. Das Mittagessen im Restaurant ist verboten. Der Ausflug mit der Familie in den Zoo oder ins Schwimmbad ist verboten. Selbst die Familienangehörigen im Nachbarort zu besuchen, ist zur Zeit nicht zu empfehlen. Ein Virus, das viele von uns alle irgendwann infizieren wird, sorgt für enge Beschränkungen. Lätare? Freut Euch? Von wegen.

     

    Damit sind wir in guter Gesellschaft. Immer schon hat es Zeiten gegeben, wo plötzlich Dinge herein brachen, mit denen niemand gerechnet hatte. Im Mittelalter gab es die verschiedenen Wellen der Pest. 1829/30 kam die große Cholera-Epidemie nach Europa und nach Deutschland. Kriege, Hungersnöte durch Missernten und manches mehr. Alles das hat es schon gegeben, und die Menschheit hat es überlebt. Aber für einzelne Menschen brachte die Situation oft große Not mit sich, viel persönliches Leid, und für manchen auch den Tod.

     

    In einer ähnlichen Situation steckten auch die Menschen in Jerusalem fest, denen die Worte aus unserem Predigttext zuerst zugesprochen wurden. Der Schrecken des Exils war überwunden, Gott hatte einen neuen Anfang geschenkt. Die nach Babylon verschleppten Israeliten, genauer, deren Enkel und Urenkel, durften zurück in die alte Heimat. Allerdings folgte auf die Freude schnell Ernüchterung. Das Land, das 70 Jahre vorher durch Krieg und Gewalt verheert worden war, lag immer noch in Trümmern. 70 Jahre lang hatte niemand die Äcker bestellt, die zerstörten Häuser waren nicht wieder aufgebaut, der Tempel lag immer noch als Ruine da. Die verklärte Vergangenheit, die kollektive Erinnerung an ein wunderbares Jerusalem, dass Mittelpunkt des politischen und geistlichen Lebens gewesen war, wurde von der Wirklichkeit eingeholt. Es gibt im Alten Testament eine Reihe von Texten, die sich mit dieser Zeit befassen und von den Problemen der Menschen erzählen. Wiederaufbau – das sollte eigentlich eine Zeit der Hoffnung sein, eine Zeit des Trostes. Aber es war doch oft nur eine Zeit großer Mühen. Alleine der Wiederaufbau des Tempels dauerte 25 Jahre und war von vielen Schwierigkeiten und Widerständen begleitet.

     

    Irgendwann war wohl bei vielen der Heimkehrer die Kraft und der Mut und die Hoffnung erschöpft. Da war kein Trost, kein Vertrauen mehr da, dass irgendetwas nochmal besser werden könnte. Die Mühen von Tag zu Tag deuteten eher auf das Gegenteil.

     

    Noch einmal zu uns. Eine Woche haben wir nun hinter uns mit immer strafferen Beschränkungen unseres Alltags. Schüler machen HomeSchooling, Arbeitnehmer HomeOffice, viele Geschäfte dürfen nicht mehr öffnen, unsere Bewegungsfreiheit ist eingeschränkt. Das kann zu einer großen Belastung werden. Unsere offene, freiheitliche Gesellschaft schenkt uns eine gewaltige Menge an Entfaltungsmöglichkeiten. Manche nutzt man, manche nicht, manche sind uninteressant für mich, aber vielleicht für jemand anderen umso interessanter. Aber wenn das alles eingeschränkt wird, fehlen mir plötzlich auch Möglichkeiten, für die ich mich bisher gar nicht erwärmen konnte. Selbst der faulste Schüler wird die Schule irgendwann vermissen, weil er ja nichts hat, was er alternativ tun kann. Solche Beschränkungen hat es in unserem Land seit mehr als 70 Jahren nicht mehr gegeben, nur einige der Älteren erinnern sich vielleicht noch daran.

     

    Die Realität hat uns eingeholt: Das Leben ist nicht vollständig kontrollierbar. Es ist nicht alles planbar, wir können nicht alles unserer Kontrolle unterwerfen. Manchmal sind wir einfach dem unterworfen, was das Leben in dieser Welt mit sich bringt. Dieses Mal ist es ein neuartiges Virus, auf das sich die Menschen erst einmal einstellen müssen.

    2.    Eingehüllt in den Trost Gottes

    Wie ist das jetzt mit Lätare – freut euch? Was ist mit dem Trost, der wie ein reicher Strom ausgebreitet werden soll? Das haben sich die Menschen in Israel damals gefragt und auch wir fragen uns natürlich, wie es damit denn nun aussieht. Ist das Versprechen Gottes an einer harten Wirklichkeit gescheitert? Damals zur Zeit des Wiederaufbaus war es besonders der Ruf nach Frieden, der zu hören war. Alle ringsum lebenden Staaten bedrängten die Heimkehrer. Niemand wollte ein wieder aufgebautes Jerusalem, das wieder ein Machtzentrum hätte werden können. Militärische Bedrohung war an der Tagesordnung. Hinzu kam die Abgabenpflicht Persien gegenüber und mache ganz alltäglichen Probleme. Da hinein sagt einer Gottes Wort ganz in der Tradition des Propheten Jesaja: Freut euch. Mit und über Jerusalem. Freut euch. Ihr werdet getröstet werden. Ich will euch trösten, wie einen eine Mutter tröstet. Jerusalem wird euch ernähren, wie eine Mutter ihren Säugling ernährt.

     

    Man spürt förmlich die Spannung. Denn die Gegenwart zeigt doch etwas ganz anderes. Und dennoch lässt Gott sein Wort hören. Und das ist nicht nur eine Vertröstung auf eine bessere Zukunft irgendwann einmal. Das Wort vom Trost soll genau das sein. Trost. Trost in einer schwierigen Situation. Aber zum Trost gehört Vertrauen. Sich von Gott trösten zu lassen, erfordert Gottvertrauen. Sich von der Mutter trösten zu lassen, erfordert Vertrauen in die Mutter. Aber genau das haben kleine Kinder ja. Ein Kind, das beim Spielen hinfällt und sich wehtut, kommt weinend zur Mutter. Manchmal genügt schon die Zuwendung der Mutter, und der Schmerz ist vergessen. Vielleicht noch ein Pflaster aufs Knie oder den Ellbogen, und alles ist wieder gut. Das heißt doch „trösten“. Wissen, zu wem man gehen kann. Wo man die Fragen des Lebens anbringen kann. Für das Kind das etwas aufgeschürfte Knie, für die Jerusalemer vor 2500 Jahren ihre Not beim Wiederaufbau und für uns die Fragen, die sich aus der Corona-Krise ergeben: Welche gesundheitlichen Folgen wird das haben, für mich und für andere? Welche wirtschaftlichen Folgen wird das haben? Werden als Folge der Krise Menschen ihre Arbeit verlieren? Werde ich vielleicht doch schwer erkranken – oder einer meiner Angehörigen, eine Freundin vielleicht?

     

    Diese Fragen dürfen wir zu Gott bringen. Damit haben unsere Lebensfragen eine Adresse. Ein anonymes Schicksal kann ich nicht fragen: „Warum?“ Oder: „Wie soll es weiter gehen?“ Gott kann ich das alles fragen. Er hält meine Fragen aus.

     

    Es bleibt eine Spannung zwischen Verheißung und Erfüllung. Es ist auch in der Bibel manches versprochen, was so noch nicht eingelöst ist. Aber auch das kann ich vor Gott ausbreiten. Manche Antwort werde ich vielleicht nicht bekommen. Aber Trost meint eben auch, darauf vertrauen, dass Gott es gut meint. Mit mir und mit uns allen. Daran möchte ich mich auch in der Corona-Krise festhalten. Und mit diesem Wissen im Hintergrund können wir vielleicht sogar in der Krise aktiv werden. Wir werden in den kommenden Wochen sicher manches an gegenseitiger Hilfe brauchen. Vertrauen führt zu Hoffnung und Hoffnung führt dazu, dass wir Menschen einander Gutes tun, gegenseitig helfen und unterstützen, weil wir wissen, dass es sich lohnt. So kann selbst aus einer Krise gutes hervor kommen.

     

    Amen.

    Der Friede Gottes, der höher ist als alle Vernunft, bewahre Eure Herzen in Christus Jesus, unserem Herrn.

     

    Amen.

  • Predigt zum Sonntag Reminszere (08.03.2020)

    Predigt Römer 5,1-5(6-11)

    Gnade sei mit Euch und Friede von Gott unserm Vater und dem Herrn Jesus Christus. Amen.

    Predigttext

    1Da wir nun gerecht geworden sind durch den Glauben, haben wir Frieden mit Gott durch unsern Herrn Jesus Christus. 2Durch ihn haben wir auch den Zugang im Glauben zu dieser Gnade, in der wir stehen, und rühmen uns der Hoffnung auf die Herrlichkeit, die Gott geben wird. 3Nicht allein aber das, sondern wir rühmen uns auch der Bedrängnisse, weil wir wissen, dass Bedrängnis Geduld bringt, 4Geduld aber Bewährung, Bewährung aber Hoffnung, 5Hoffnung aber lässt nicht zuschanden werden; denn die Liebe Gottes ist ausgegossen in unsre Herzen durch den Heiligen Geist, der uns gegeben ist.

    [6Denn Christus ist schon zu der Zeit, als wir noch schwach waren, für uns Gottlose gestorben. 7Nun stirbt kaum jemand um eines Gerechten willen; um des Guten willen wagt er vielleicht sein Leben. 8Gott aber erweist seine Liebe zu uns darin, dass Christus für uns gestorben ist, als wir noch Sünder waren. 9Um wie viel mehr werden wir nun durch ihn gerettet werden vor dem Zorn, nachdem wir jetzt durch sein Blut gerecht geworden sind. 10Denn wenn wir mit Gott versöhnt worden sind durch den Tod seines Sohnes, als wir noch Feinde waren, um wie viel mehr werden wir selig werden durch sein Leben, nachdem wir nun versöhnt sind. 11Nicht allein aber das, sondern wir rühmen uns auch Gottes durch unsern Herrn Jesus Christus, durch den wir jetzt die Versöhnung empfangen haben.]

     

    Liebe Gemeinde!

     

    Vielleicht haben sie den bekannten Satz aus 1. Kor 13,13 im Ohr: Nun aber bleiben Glaube, Hoffnung Liebe, aber die Liebe ist die Größte unter ihnen. Auch in diesem kurzen Abschnitt aus dem Römerbrief, unserem Predigttext, kommen die drei Worte wieder vor. Glaube – Hoffnung – Liebe, dieser Dreiklang gestaltet das Leben jedes Einzelnen vor Gott und der Gemeinde der Christen insgesamt – hier am Ort und auf der ganzen Welt. Darum habe ich heute die Predigt mit diesem Dreiklang gegliedert.

    1. Gerecht durch Glauben

    Wir sind gerecht geworden. Sie sind gerecht geworden. Ich bin gerecht geworden. Das müssen Sie einmal ganz langsam für sich aussprechen, vielleicht immer wieder vor sich hin murmeln: Ich bin gerecht. Gerecht gesprochen. Im Bild einer Gerichtsverhandlung: Freigesprochen. Und zwar nicht wegen erwiesener Unschuld oder Zweifel an der Schuld, so dass eben wegen des Zweifels für die Angeklagte entschieden wird – sondern gerecht gesprochen trotz der Schuld vor Gott.

    Es ist unpopulär, von Schuld und Sünde zu sprechen. Lange Zeit hat die kirchliche Lehre auf diese Weise versucht, Menschen unter Kontrolle und in Abhängigkeit von der Macht der Kirche zu halten. Martin Luthers Erkenntnis, dass der Glaubende Mensch, der Christ, eben durch diesen Glauben vor Gott gerecht ist und die Vermittlung der Kirche dafür nicht braucht, erschütterte diesen Machtanspruch. Doch auch die Ev. Kirche hat über die Zeit wieder versucht, Macht über Menschen auszuüben. Die Verbindung von staatlicher und kirchlicher Macht in den Fürstentümern nach dem 30jährigen Krieg hat dazu geführt, aus Christen gute Untertanen zu machen – auch dann, wenn der Staat Dinge tut, die Gott nicht gefallen können. Man muss ja der Obrigkeit untertan sein, alles andere wäre Sünde. Ich weiß, ich vereinfache hier komplizierte Geschichte. Mir geht es hier nur darum, zu zeigen, warum heute wenig von Schuld vor Gott gesprochen wird. Menschen fühlen sich nicht schuldig – und wir wollen ihnen auch keinen Schuldkomplex einreden. Das wäre nicht gesund. Aber die Bibel redet an vielen Stellen von Schuld vor Gott. Paulus tut es im Römerbrief auch, an anderen Stellen sehr direkt, in unserem Predigttext indirekt.

    Wir sind gerecht geworden – das heißt doch, wir waren es einmal nicht. Wir haben Dinge getan, ein Leben geführt, das uns nicht gerecht sein lässt. Vielleicht ist es auch noch viel grundlegender: Wir sind im tiefsten und innersten Feinde Gottes, weil wir seinen Anspruch auf unser Leben nicht annehmen wollen – nicht annehmen können. Vielleicht erinnert sich der eine oder die andere noch an die Predigt vom vergangenen Sonntag: Sein wollen wie Gott, das bringt uns in Konkurrenz zu Gott. Wir können gar nicht anders, als Gegner Gottes sein, weil wir ja wie Gott sein wollen. Für viele Menschen mag das gar nichts Schlimmes sein. Über Gott wird gar nicht groß nachgedacht. Wozu auch – es lebt sich auch so ganz gut. Ich verurteile niemanden dafür, dass er so denkt. Aber ich bin überzeugt davon, dass die materielle Welt nur die halbe Wahrheit ist, dass es mehr gibt, dass hinter dem Geschaffenen ein Schöpfer steht und kein blinder Zufall. Und wenn ich davon überzeugt bin, dann muss ich auch annehmen, dass dieser Schöpfer Sie und mich zu einem Zweck gewollt hat. Und dann ist es eben vor diesem Schöpfer Schuld, die er einfordern kann, wenn ich diesen Lebenssinn ignoriere. Deshalb ist es so etwas Besonderes, wenn Paulus schreibt: Wir sind gerecht geworden. Alle Zielverfehlung, alles „an Gott vorbei leben“, jedes „den lieben Gott einen guten Mann sein lassen“ ist aus der Anklageschrift gestrichen. Wir haben Frieden mit Gott durch Jesus Christus. Wer das glaubt, für den gilt das auch. Wer das nicht will, für den gilt es nicht.

    In einem Bild gesprochen: Wenn einer von euch Konfis einem anderen das neue iPhone kaputt macht, dann ist das ein Schaden, den man ersetzen muss. Aber so ein iPhone ist teuer, nicht jeder hat so viel Geld. Jetzt kommt einer und sagt: „Ich bezahle das für dich.“ Wenn du das annimmst, ist alles gut, wenn du sagst: Das kann ich nicht annehmen, ich muss das selbst in Ordnung bringen, dann musst du eben für den Schaden selbst aufkommen, auch wenn du ihn gar nicht bezahlen kannst.

    So macht Gott das mit uns. Er geht sogar noch weiter: Er sorgt selber dafür, dass die Schuld erledigt ist – wenn wir das denn wollen. Wir sind gerecht geworden – ich setze voraus, dass Sie hier sitzen, weil Sie das wollen.

    2. Hoffnung durch Ausdauer

    Mit Jesus ist alles gut – kann man das so sagen, wenn wir durch Glauben gerecht sind? Ja – und nein. Vor Gott ist alles gut. Aber das Leben ist, wie es ist. Es hat Höhen und Tiefen, gute Zeiten, schlechte Zeiten. Diese Feststellung ist übrigens viel älter als die bekannte Seifenoper im Vorabendfernsehen. Für Menschen, die an Jesus Glauben, ist das Leben nicht automatisch einfacher als für solche, die nicht Glauben. Manchmal scheint es sogar eher anders herum zu sein. Vielleicht haben Sie ungutes Gefühl, weil sie merken, dass etwas vor Gott nicht in Ordnung ist. Jemand, der nicht an Gott glaubt, hat dieses Problem vermutlich nicht.

    Auch Christen werden krank. Das Corona-Virus, Krebs, allgemeine Altersschwäche, Sterben und Tod – das alles bleibt auch Menschen, die durch den Glauben gerecht sind, nicht erspart. Was hat man dan davon, zu Glauben? Wenn es einem dann gar nicht besser geht?

    Paulus schreibt, Bedrängnis bringt Geduld, Geduld bringt Bewährung, Bewährung bringt Hoffnung. Ich verstehe das so: Etwas Schwieriges auszuhalten hilft, geduldig zu werden, nicht gleich vor jeder Schwierigkeit davon zu laufen. Der Glaube macht den Unterschied, weil ich mich an Gott wenden kann – ich kann um Hilfe bitten. Ich kann meine eigene Not und die meiner Mitmenschen vor Gott ausbreiten – ich kann beten. Ich darf mir auch Worte anderer Menschen ausleihen, die ihre Klagen schon in ein Lied oder ein Gebet gebracht haben, wenn mir selbst die Worte fehlen.

    Wir erleben in den letzten Jahren eine starke Zunahme seelischer Erkrankungen und dadurch einen großen Bedarf an Psychologen und Therapeuten. Vielleicht braucht auch ein glaubender Mensch einen Psychologen, wenn er an seiner Seele krank wird. Aber zusätzlich kann er seine ganzen Lebensfragen auch mit Gott klären. Und manchmal hilft es auch, einem Seelsorger seine Not zu erzählen – vielleicht auch zu beichten und sich Vergebung zusprechen zu lassen. Das alles ist in den Glauben eingeschlossen. Das Leben ist nicht automatisch leichter. Wir haben als Christen aber eine Adresse, an die wir unsere Fragen und Klagen richten können. Wir sind nicht allein in einem gleichgültigen Universum. Das zu wissen macht den Unterschied. Die Geduld, die wir damit lernen können, führt zur Hoffnung – Hoffnung auf die Herrlichkeit Gottes in seiner Welt. Diese Welt mit all ihrer Schönheit und auch all ihrer Hässlichkeit ist genauso vergänglich wie unser Leben. Und genauso wird sie von Gott einmal neu gemacht.

    3. Liebe in unseren Herzen

    Liebe, in unsere Herzen hinein gegossen, ist das Geschenk Gottes an seine Gemeinde, an die Menschen, die ihm glauben wollen. Diese Liebe verändert uns. Glaube und Hoffnung sind zunächst etwas sehr Persönliches. Als Pfarrer ist es mein Beruf und meine Berufung, davon zu reden. Aber das ist auch für mich abseits der Kirche und der Kanzel alles andere als einfach. Von Dingen zu reden, die ganz tief in meine Persönlichkeit hinein reichen, die ein Teil von dem ausmachen, was ich bin, ist niemals und für niemanden einfach. Davon zu reden, macht verletzliche und angreifbar. Liebe dagegen ist etwas, wovon ich nicht viel reden muss. Liebe äußert sich in dem was ich tue, wie ich es tue. Liebe ist die große Antriebskraft für unser Handeln, egal, ob es sich um die leidenschaftliche Liebe zu einem anderen Menschen handelt oder die Barmherzigkeit der Nächstenliebe, die für den Menschen neben mir, der Hilfe braucht, alles erdenklich Gute will. Liebe verändert Menschen, Liebe verändert Leben, Liebe verändert Gemeinden, Liebe verändert die Welt.

    Von den frühen Gemeinden in der Zeit des römischen Reiches wird überliefert, dass die Menschen in diesen Gemeinden durch ihre außergewöhnliche Nächstenliebe auffielen. Sie haben Armenfürsorge betrieben, was bei den Griechen und Römern unbekannt war. Sie haben sich gegenseitig weit über das nötige Maß hinaus geholfen – und sie haben auch Menschen außerhalb der Gemeinden geholfen, wo Hilfe nötig war. Das machte die Christen in ihre Umwelt beliebt und Gemeinden einladend. Wo Menschen im Wesentlichen an die Macht des Schicksals glaubten und es darum auch für Zeitverschwendung hielten, Menschen in Not zu helfen, weil sie dem Schicksal nicht ins Handwerk pfuschen wollten, lebten Christen etwas völlig anderes.

    Liebe ist der Antrieb Gottes, selbst dafür zu sorgen, dass wir gerecht vor Gott sein können. Liebe führt dazu, dass wir die Hoffnung auf Gottes neue Welt haben. Liebe drängt uns schließlich dazu, jetzt schon daran mitzuwirken, dass ein Stück der neuen Welt Gottes schon in unserer Welt spürbar, erlebbar wird.

    Durch den Glauben sind wir gerecht vor Gott, durch das Festhalten an Gott auch in Schwierigkeiten gewinnen wir Hoffnung und durch die Liebe wird all das für andere sichtbar. Amen.

    Der Friede Gottes, der höher ist als alle Vernunft, bewahre Eure Herzen in Christus Jesus, unserem Herrn. Amen.

    Pfarrer Thorsten Müller

  • Predigt zum Sonntag Invokavit (01.03.2020)

    Predigt 1. Mose 3,1-19

    Gnade sei mit Euch und Friede von Gott unserm Vater und dem Herrn Jesus Christus. Amen.

    „Gönn dir“

    Liebe Gemeinde!

    Manche unter ihnen kennen vielleicht die folgende oder eine ähnliche Szene: „Mama, alle in der Schule haben schon ein neues Smartphone. Ich bin wieder der einzige, der mit Papas altem, ausrangierten Teil zufrieden sein muss.“ Das Papas altes, ausrangiertes Teil ein gutes iPhone ist, wenn auch nicht der neuesten Generation, spielt dabei ebensowenig eine Rolle, wie manches andere, was der eigene Sprössling vielleicht seinen Mitschülern voraus hat. Das Gras auf der Wiese hinter dem Zaun ist immer grüner als das auf der eigenen Wiese. Das, was die andere hat, man selbst aber nicht, erscheint besonders begehrenswert und erstrebenswert. Darüber kann so manche heftige Diskussion ausbrechen. Und Auslöser aller dieser Diskussionen ist letztlich die Sorge, irgendwie zu kurz zu kommen, das Gute, das Schöne, was mir oder uns zusteht, nicht zu erhalten.

    Dieses Phänomen und alle daraus folgenden Probleme sind keineswegs neu. Die Diskussion über das, was uns vielleicht zusteht, verführerisch zugespitzt, findet sich schon auf den ersten Seiten der Bibel. Ich lese den

    Predigttext (1 Mose 3,1-19)

    1Und die Schlange war listiger als alle Tiere auf dem Felde, die Gott der HERR gemacht hatte, und sprach zu der Frau: Ja, sollte Gott gesagt haben: Ihr sollt nicht essen von allen Bäumen im Garten? 2Da sprach die Frau zu der Schlange: Wir essen von den Früchten der Bäume im Garten; 3aber von den Früchten des Baumes mitten im Garten hat Gott gesagt: Esset nicht davon, rühret sie auch nicht an, dass ihr nicht sterbet! 4Da sprach die Schlange zur Frau: Ihr werdet keineswegs des Todes sterben, 5sondern Gott weiß: an dem Tage, da ihr davon esst, werden eure Augen aufgetan, und ihr werdet sein wie Gott und wissen, was gut und böse ist.

     

    6Und die Frau sah, dass von dem Baum gut zu essen wäre und dass er eine Lust für die Augen wäre und verlockend, weil er klug machte. Und sie nahm von seiner Frucht und aß und gab ihrem Mann, der bei ihr war, auch davon und er aß. 7Da wurden ihnen beiden die Augen aufgetan und sie wurden gewahr, dass sie nackt waren, und flochten Feigenblätter zusammen und machten sich Schurze. 8Und sie hörten Gott den HERRN, wie er im Garten ging, als der Tag kühl geworden war. Und Adam versteckte sich mit seiner Frau vor dem Angesicht Gottes des HERRN zwischen den Bäumen im Garten. 9Und Gott der HERR rief Adam und sprach zu ihm: Wo bist du? 10Und er sprach: Ich hörte dich im Garten und fürchtete mich; denn ich bin nackt, darum versteckte ich mich. 11Und er sprach: Wer hat dir gesagt, dass du nackt bist? Hast du gegessen von dem Baum, von dem ich dir gebot, du solltest nicht davon essen? 12Da sprach Adam: Die Frau, die du mir zugesellt hast, gab mir von dem Baum und ich aß. 13Da sprach Gott der HERR zur Frau: Warum hast du das getan? Die Frau sprach: Die Schlange betrog mich, sodass ich aß. 14Da sprach Gott der HERR zu der Schlange: Weil du das getan hast, seist du verflucht vor allem Vieh und allen Tieren auf dem Felde. Auf deinem Bauche sollst du kriechen und Staub fressen dein Leben lang. 15Und ich will Feindschaft setzen zwischen dir und der Frau und zwischen deinem Samen und ihrem Samen; er wird dir den Kopf zertreten, und du wirst ihn in die Ferse stechen. 16Und zur Frau sprach er: Ich will dir viel Mühsal schaffen, wenn du schwanger wirst; unter Mühen sollst du Kinder gebären. Und dein Verlangen soll nach deinem Mann sein, aber er soll dein Herr sein. 17Und zum Mann sprach er: Weil du gehorcht hast der Stimme deiner Frau und gegessen von dem Baum, von dem ich dir gebot und sprach: Du sollst nicht davon essen -, verflucht sei der Acker um deinetwillen! Mit Mühsal sollst du dich von ihm nähren dein Leben lang. 18Dornen und Disteln soll er dir tragen, und du sollst das Kraut auf dem Felde essen. 19Im Schweiße deines Angesichts sollst du dein Brot essen, bis du wieder zu Erde wirst, davon du genommen bist. Denn Staub bist du und zum Staub kehrst du zurück.

    1.     Über Gott diskutieren

    Sollte Gott gesagt haben – so beginnt die Diskussion über Gott. Gott hat doch nicht etwa gesagt, dass …, so könnten wir diese Frage mit unseren Worten wieder geben. In der Erzählung vom Sündenfall stellt die Schlange die Frage. Im Alltag stellen wir sie uns oft auch selbst. Sollte Gott gesagt haben: Du darfst keinen Spaß am Leben haben? Sollte Gott gesagt haben: Alles, was dir Freude macht, ist schlecht für dich und verboten? Sollte Gott gesagt haben: Wenn du nicht ständig mit schlechtem Gewissen herum läufst, dann bist du im Grunde schon auf der Seite der Sünder und Spötter, die Gott nicht ernst nehmen? Sollte Gott gesagt haben: Stell deine eigenen Wünsche und Ziele zurück, sie sind nur Ausdruck deines Egoismus, der sich gegen Gott stellen will?

     

    Warum nur stellen wir uns solche Fragen? Die Fragen sind komplett überzogen – genauso wie die Frage der Schlange. Gott hat alles das, was ich gerade aufgezählt habe, nie gesagt. Wir reden uns das ein oder lassen es uns einreden. Er hat genausowenig gesagt: „Ihr dürft nicht von den Bäumen im Garten essen.“ Gott lässt seinen Geschöpfen große Freiheit. Vermutlich steht hinter der Erzählung vom Garten die Vorstellung von einem wunderschönen Obstgarten, wie es ihn manchmal orientalischen Palästen gab. Eine Fülle köstlicher exotischer Früchte, die nur dem Herrscher vorbehalten sind. Äpfel pflücken bei Strafe verboten. Aber genau das gilt eben für den Garten Gottes nicht. Gott legt seinen Menschen einen Garten an, in dem sie nach Herzenslust zugreifen dürfen. Nur das Beste will Gott für seine Geschöpfe – und er gönnt ihnen alles Gute. „Sollte Gott gesagt haben, ihr dürft nicht essen“, ist also eine glatte Lüge – aber als Frage getarnt, fällt das nicht so auf. „Das wird man ja wohl noch sagen dürfen“, wie heute manche Zeitgenossen sich ausdrücken. Nein, man darf manches eben nicht sagen, weil es schlicht nicht wahr ist.

    Aber nun ist die Frage einmal ausgesprochen. Und das Gift des Zweifels beginnt zu wirken. Hat Gott etwa gesagt, dass er uns etwas Gutes nicht gönnt – nein, das hat er nicht gesagt, so antwortet die Frau, die später den Namen „Eva – Mutter“ erhält. Nur einen Baum hat er uns vorenthalten, weil er für uns schädlich ist. Und da kommt der Bumerang: Siehst du, ich habe recht gehabt, Gott gönnt euch das Gute also doch nicht. Er will nicht, dass ihr ihm zu Nahe kommt. Es ist gar nicht schädlich für Euch, wenn ihr von dem verbotenen Baum esst. Es ist schädlich für Gott. Ihr werdet sein wie Gott, autonom entscheiden können, nicht auf Gottes Gebote und Weisungen hören müssen, weil ihr selbst wisst, was gut ist und was nicht. So sagen wir ja bis heute, manchmal auch mit Trotz in der Stimme, wenn wir auf einen guten Rat nicht hören wollen: Ich weiß selbst am besten, was gut für mich ist.

     

    Bei manchen Entscheidungen, die ich als Mensch schon getroffen habe, sind Zweifel berechtigt, ob ich das wirklich weiß. Dasselbe gilt auch für die Entscheidung der Menschen: Lieber auf die Schlange zu hören, als Gott ernst zu nehmen. Sterben müssen sie tatsächlich nicht. Die Frucht war offenbar nicht unmittelbar giftig. Die Horizonterweiterung, auf die die beiden sich gefreut haben, tritt tatsächlich ein. Aber irgendwie ganz anders.

    2.     Vor Gott fliehen

    „Hilfe, ich bin nackt.“ Ich habe schon davon gehört, dass manche Menschen das im Traum erleben, als einen Albtraum erleben, als einziger Mensch in einer Gruppe von Menschen nackt zu sein. Diese Erkenntnis stürzt auch auf die Menschen im Garten ein. Ich bin nackt, ich bin den Blicken meines Gegenübers schutzlos ausgeliefert, ich bin den Blicken Gottes schutzlos ausgeliefert. Das war vorher auch so. Aber vorher war es kein Problem. Die Unschuld, die Naivität des „Vorher“, ist verloren. Der Mensch steht jetzt im Widerspruch, in der Konkurrenz zu Gott – und auch zu seinen Mitmenschen. Und vor Konkurrenten muss man sich schützen, vor einem Gegner nimmt man sich in Acht und gibt sich möglichst keine Blöße, lässt nicht die Hosen herunter, … Sie merken, die Situation, die sich plötzlich ergibt, hat sich bis in unsere Sprachbilder hinein verewigt.

     

    Genau das heißt ja „sein wie Gott“. Gott ist absolut, und wenn der Mensch Gott sein will, oder zumindest „wie Gott“, dann steht er zu Gott in Konkurrenz. Es kann letztlich nur einen geben, der letzte und höchste Instanz ist. Entweder es ist Gott oder ich bin es. Beides geht nicht. Das stellen die Menschen fest, nachdem sie die verbotene Frucht genossen haben. Sein wie Gott bedeutet, in Gegnerschaft zu Gott zu leben und sich vor Gottes prüfenden Blicken verstecken zu müssen.

     

    So fliehen die Menschen die Gegenwart Gottes. Man könnte sagen, dass die Kirchen leerer werden, die Gemeinden kleiner, mehr Menschen aus der Kirche austreten als in die Kirche eintreten, das hat mir Säkularisierung und wachsender Gleichgültigkeit zu tun. Vielleicht hat es aber auch damit zu tun, dass man sich dem prüfenden Blick Gottes nicht aussetzen will. Wissen, was Gut und Böse ist, heißt ja auch, dass ich als Mensch meine Fehler und Schwächen kenne. Die Punkte in meinem Leben, die ich vor anderen, vielleicht auch vor Gott verstecken möchte, kenne ich doch selbst nur allzu gut. Vielleicht hilft es ja, die Gegenwart Gottes zu meiden.

    3.     Durch Gott weiterleben

    Wir können vor Gott davon laufen. Aber Gott lässt uns nicht einfach so gehen. Was aus den Menschen wird, die sich vor ihm verstecken, ist ihm nicht gleichgültig. Darum ertönt sein Ruf: Wo bist du? Mensch, wo versteckst du dich? Komm heraus, komm zu mir.

     

    Die Konsequenzen, die für die Menschen aus ihrer Wahl der Autonomie folgen, müssen wir gar nicht detailliert aufzählen. Wir sehen die Folgen davon täglich. Wir wollten ohne Gott entscheiden dürfen, jetzt müssen wir außerhalb seiner Gegenwart leben und klar kommen mit den Herausforderungen des Lebens.

     

    Eines möchte ich noch hervor heben. Gott überlässt die Menschen trotz der Trennung nicht einfach sich selbst. Schon in dieser Erzählung aus der Urgeschichte der Bibel ist eine Andeutung gemacht: Einer wird aus den Nachkommen der Mutter allen Lebens hervor treten und den Kampf gegen die verführerische Schlange aufnehmen. Als Christen glauben wir, dass Gott hier schon darauf hindeutet, was er zur Rettung und Versöhnung der Welt tun will. Gott verurteilt die Menschen nicht zum unmittelbaren Tod, aber zur Sterblichkeit. Doch er gibt auch die Hoffnung, dass das letzte Wort in der Sache noch nicht gesprochen ist. Der Aufruhr gegen Gott ist nicht endgültig und unwiderruflich. Ich schließe mit dem Wochenspruch:

     

    Dazu ist erschienen der Sohn Gottes, dass er die Werke des Teufels zerstöre.

    Amen.

     

    Der Friede Gottes, der höher ist als alle Vernunft, bewahre eure Herzen und Sinne in Christus Jesus, unserem Herrn.

    Amen.

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