Online-Predigten aus dem Jahr 2021

Singen und Beten

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Auf dieser Seite finden Sie ältere Predigten, die als Lesepredigt im Jahr 2021 online gestellt wurden. Wir werden auch zukünftig die Gottesdienstpredigten zum Nachlesen und als PDF-Datei zum Ausdrucken und ggf. Weitergeben zur Verfügung stellen.

 

Ihr Pfarrer

Thorsten Müller

Predigtarchiv 2021

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  • Predigt zum Sonntag Quasimodogeniti (11.04.2021)

    Predigt Johannes 21,1-14

    Kanzelgruß: Gnade sei mit Euch und Friede von Gott unserm Vater und dem Herrn Jesus Christus. Amen.

    Predigttext

    1Danach offenbarte sich Jesus abermals den Jüngern am See von Tiberias. Er offenbarte sich aber so: 2Es waren beieinander Simon Petrus und Thomas, der Zwilling genannt wird, und Nathanael aus Kana in Galiläa und die Söhne des Zebedäus und zwei andere seiner Jünger. 3Spricht Simon Petrus zu ihnen: Ich gehe fischen. Sie sprechen zu ihm: Wir kommen mit dir. Sie gingen hinaus und stiegen in das Boot, und in dieser Nacht fingen sie nichts.

    4Als es aber schon Morgen war, stand Jesus am Ufer, aber die Jünger wussten nicht, dass es Jesus war. 5Spricht Jesus zu ihnen: Kinder, habt ihr nichts zu essen? Sie antworteten ihm: Nein. 6Er aber sprach zu ihnen: Werft das Netz aus zur Rechten des Bootes, so werdet ihr finden. Da warfen sie es aus und konnten's nicht mehr ziehen wegen der Menge der Fische. 7Da spricht der Jünger, den Jesus lieb hatte, zu Petrus: Es ist der Herr! Als Simon Petrus hörte: "Es ist der Herr", da gürtete er sich das Obergewand um, denn er war nackt, und warf sich in den See. 8Die andern Jünger aber kamen mit dem Boot, denn sie waren nicht fern vom Land, nur etwa zweihundert Ellen, und zogen das Netz mit den Fischen.

    9Als sie nun an Land stiegen, sahen sie ein Kohlenfeuer am Boden und Fisch darauf und Brot. 10Spricht Jesus zu ihnen: Bringt von den Fischen, die ihr jetzt gefangen habt! 11Simon Petrus stieg herauf und zog das Netz an Land, voll großer Fische, hundertdreiundfünfzig. Und obwohl es so viele waren, zerriss doch das Netz nicht.

    12Spricht Jesus zu ihnen: Kommt und haltet das Mahl! Niemand aber unter den Jüngern wagte, ihn zu fragen: Wer bist du? Denn sie wussten: Es ist der Herr. 13Da kommt Jesus und nimmt das Brot und gibt's ihnen, desgleichen auch den Fisch. 14Das ist nun das dritte Mal, dass sich Jesus den Jüngern offenbarte, nachdem er von den Toten auferstanden war.

    Jesus lebt

    Liebe Gemeinde!

    Ostern liegt hinter uns. Wir feiern den Sonntag der „Neugeborenen“. Wie die neugeborenen Kinder sind wir. Aber was heißt das schon. Die großen Feste liegen hinter uns. Weihnachten mit seiner Heimeligkeit, emotional hoch aufgeladen. Ein Fest für Familien. Das Fest der Liebe, an dem wir uns gegenseitig Liebe erweisen. Karfreitag und Ostern, die theologischen Höhepunkte des Kirchenjahres und die zentralen Feste unseres Glaubens. Jesus stirbt als stellvertretendes Opfer. Jesus überwindet die Grenze des Todes und geht uns in neues Leben voraus. Damit schafft er eine Vertrauensbasis. Wer sich auf Jesus verlässt, ist nicht verlassen. Nicht einmal der Tod konnte ihn festhalten. Er ist als einziger jemals von jenseits dieser Grenze zurück gekommen. Wie Kinder voller Vertrauen von ihren Eltern abhängig sind, so leben Christen wie neu geboren voller Vertrauen auf Jesus. Aber die freudige Botschaft geht doch recht schnell im Alltag unter. In all dem, was uns jeden Tag beschäftigt hat diese Botschaft doch nur wenig Platz.

    Angekommen im Alltag

    So ging es auch den Jüngern. Sieben von ihnen waren wieder in Galiläa am See Genezareth. Dort hatte alles angefangen mit Jesus. Dort, bei Kapernaum, dem Heimatort von Simon, Andreas, Jakobus und Johannes, hatte Jesus gerade diese vier als seine ersten Schüler ausgewählt und eingeladen, mit ihm zu wandern. Sie sind ihm gefolgt und haben viel mit ihm erlebt. Aber seit Ostern war alles irgendwie anders.

    Die Jünger waren durch Karfreitag und Ostern verändert. Kreuzigung und Auferstehung Jesu haben etwas mit ihnen gemacht. Sie waren ängstlich. Sie sind davon gelaufen. Sie haben sich versteckt. Dann begegnet Jesus ihnen. Sie beginnen zu begreifen, dass das unmögliche vielleicht doch möglich ist. Jesus hat seinen Tod und seine Auferstehung vorher gesagt. Vielleicht gelten für Jesus doch andere Regeln als für alle Menschen. Wir sagen ja geradezu sprichwörtlich: Von den Toten ist noch niemand zurück gekommen. Jesus ist zurück gekommen. Aber nicht als Zombie, als Gespenst oder sonst irgendeine untote Schreckgestalt. Sondern so, dass der Mensch Jesus erkennbar bleibt. Und trotzdem auch anders. Dieses Anderssein macht es für die Jünger nach Ostern auch schwieriger. Jesus taucht auf, wie er will, und er verschwindet auch wieder. So wie bei den Emmaus-Jüngern. Sie erkennen ihn am Tischgebet, an der Art, wie er das Brot austeilt. Im nächsten Moment ist er weg. Er hat den Raum nicht durch die Tür verlassen, er ist einfach nicht mehr sichtbar. Wie soll man damit umgehen?

    Simon Petrus weiß das auch nicht so recht. Er hat sicher noch damit zu ringen, dass er Jesus verleugnet hat. Er wollte noch nie von ihm gehört haben – und hatte gerade ein paar Stunden davor im Brustton der Überzeugung gesagt, ihm könne so etwas niemals passieren. Er werde immer und in jeder Situation treu zu Jesus stehen. Soviel Enttäuschung über sich selbst muss man erst einmal verarbeiten. Wie kann es da überhaupt noch weiter gehen?

    So waren die sieben, die dort beieinander waren, wieder in ihr altes Leben zurück gekehrt. Die Boote und Netze waren ja noch da. Das erlernte Handwerk der Fischerei gibt eine gewisse Sicherheit. Denn ob und wie es mit Jesus weiter geht, das ist ja überhaupt nicht abzusehen. Sie sind zurück im Alltag. Nach festlichen Stunden mit Jesus bei den großen jüdischen Festen, langen Wanderungen von Ort zu Ort, intensiven theologischen Gesprächen und langen Predigten, die sie alle hören durften, hat der Alltag ihrer ganz normalen Berufe sie wieder. Petrus geht fischen und die anderen, die mit ihm nach Kapernaum gekommen waren, schließen sich an. Und der Alltag schlägt gleich richtig zu. Sie fangen nichts. Eine Nacht Arbeit ohne Ertrag. So kann Alltag sein. Man müht sich ab, tut, was zu tun ist, und am Ende kommt nichts messbares dabei heraus.

    So fühlen Sie sich vielleicht auch nach den Festtagen. Zurück im Alltag. Die, in diesem Jahr ohnehin beschränkte, Festtagsstimmung ist vorbei. Neugeboren fühle ich mich jedenfalls nicht so richtig. Eher abgekämpft, weil unter der Woche schon wieder vieles mit dieser Coronageschichte zu regeln war.

    Besonderes im Alltäglichen

    Mitten in diesem Alltag kommt es zu merkwürdigen Begegnung. Jesus ist am Seeufer zu Fuß unterwegs. Er sieht seine Jünger mit ihrem Boot, bevor sie ihn wahrnehmen. Er sieht die müden Gesichter nach der Arbeit ohne Erfolg. Er sieht die Mühe des Alltags. Seine Jünger erkennen ihn nicht. Aber Jesus kennt sie.

    Begegnungen mit Gott im Alltag sind nicht planbar. Man kann das nicht „machen“. Jesus spricht due Jünger an, er zeigt sich. Nicht anders herum. Und trotzdem oder vielleicht gerade deshalb passiert die Begegnung mitten im Alltagstrott. Bei Petrus und Co. vielleicht im Frust. Jesus ist da. Sei wissen es nur noch nicht.

    Manchmal gibt es Begegnungen im Alltag, die zur Begegnung mit Jesus werden. Ich weiß noch gar nichts davon, dass Gott dabei ist, dass er mir begegnen will. Erst hinterher spüre ich: Hier habe ich Kraft und Ermutigung bekommen, oder eine gute Hilfestellung, vielleicht auch einmal eine Zurechtweisung. Gott gebraucht Menschen, um Menschen zu begegnen. So kann eine alltägliche Begegnung sich ganz plötzlich als etwas ganz anderes heraus stellen.

    So wie damals mit Jesus und seinen Jüngern. Auf den Hinweis hin, wo sie das Netz auswerfen sollen, erkennt Johannes, dass Jesus dort am Ufer steht. Aber Petrus ist der, der als erster reagiert. Er springt einfach ins Wasser und schwimmt ans Ufer. Das Boot ist egal, das werden die anderen schon mitbringen. Die Begegnung mit Jesus, die Liebe zu Jesus ist wichtiger. Begegnungen mit Gott im Alltag sind kostbar.

    Ein Festtag im Alltag

    Am Ufer wartet Jesus schon mit einem brennenden Feuer, frischem Brot und einigen Fischen. Manchmal brauchen wir Zeit, bis wir merken, dass Jesus am Ufer steht und uns zu sich einlädt. Manchmal sind wir so von Schmerz oder Trauer niedergedrückt, dass wir es nicht sehen können. Aber das macht nichts. Jesus wartet geduldig. Er geht nicht weg. Er bleibt so lange stehen, bis wir ihm begegnen können. Und er ist zugleich in unserem Schmerz bei uns und teilt sie mit uns, oft, ohne dass wir es wissen. Trotzdem gilt: Es ist schon alles vorbereitet. Bei der Einladung zur Abendmahlsfeier lädt der Liturg mit diesen Worten zum Abendmahl ein: Kommt, denn es ist alles bereit.

    Jesus hat alles bereit. In unserem mühevollen Alltag mit seiner Routine ist er schon da und will uns mit seiner Liebe beschenken. Tischgemeinschaft, zusammen Essen, dass war damals ein Zeichen von enger Verbundenheit und Vertrauen. Wie die neugeborenen Kinder, die ganz von ihrer Mutter abhängig sind, dürfen wir und ganz von Jesus abhängig machen. Er ist im Alltag da, genauso wie am Sonntag und an den hohen Festtagen. Er wartet auf uns und wartet uns auf. So wird aus dem Alltag ein Festtag. Quasimodogeniti nicht nur am heutigen Sonntag, sondern ein ganzes Leben lang. Bei Gott geborgen, zu Gast bei Jesus.

    Amen.

    Der Friede Gottes, der höher ist als alle Vernunft, bewahre eure Herzen und Sinne in Christus Jesus, unserem Herrn.

    Amen.

  • Predigt zum 1. Sonntag nach Epiphanias (10.01.2021)

    Predigt Römer 12,1-8

    Kanzelgruß: Gnade sei mit Euch und Friede von Gott unserm Vater und dem Herrn Jesus Christus. Amen.

    Was ist Gottesdienst?

    Liebe Gemeinde!

    Die Überschrift über dieser Predigt ist eigentlich eine überflüssige Frage. Was ist Gottesdienst? Das wissen wir doch. Gottesdienst ist das, was wir hier gerade machen. Wir sind im Namen Gottes zusammen, beten gemeinsam, singen normalerweise gemeinsam, hören auf Gottes Wort. Das ist Gottesdienst. Kann man unterschiedlich gestalten, Württembergischer Predigtgottesdienst, Evangelische Messe wie in der Ev. Kirche in Bayern zum Beispiel, Katholische Messe auf Deutsch oder gar Latein. Kann man auch als modernen Gottesdienst mit Lobpreisliedern, Theater und Ansprache mit PowerPoint-Unterstützung machen. Aber der Inhalt bleibt immer gleich: Singen, Beten, Gott Loben, auf Gottes Wort hören.

     

    Paulus schreibt im Römerbrief auch vom Gottesdienst. Aber bei ihm klingt das irgendwie anders. Ich lese den Predigttext:

    Predigttext

    1Ich ermahne euch nun, Brüder und Schwestern, durch die Barmherzigkeit Gottes, dass ihr euren Leib hingebt als ein Opfer, das lebendig, heilig und Gott wohlgefällig sei. Das sei euer vernünftiger Gottesdienst. 2Und stellt euch nicht dieser Welt gleich, sondern ändert euch durch Erneuerung eures Sinnes, auf dass ihr prüfen könnt, was Gottes Wille ist, nämlich das Gute und Wohlgefällige und Vollkommene. 3Denn ich sage durch die Gnade, die mir gegeben ist, jedem unter euch, dass niemand mehr von sich halte, als sich's gebührt, sondern dass er maßvoll von sich halte, wie Gott einem jeden zugeteilt hat das Maß des Glaubens. 4Denn wie wir an einem Leib viele Glieder haben, aber nicht alle Glieder dieselbe Aufgabe haben, 5so sind wir, die vielen, ein Leib in Christus, aber untereinander ist einer des andern Glied. 6Wir haben mancherlei Gaben nach der Gnade, die uns gegeben ist. Hat jemand prophetische Rede, so übe er sie dem Glauben gemäß. 7Hat jemand ein Amt, so versehe er dies Amt. Ist jemand Lehrer, so lehre er. 8Hat jemand die Gabe, zu ermahnen und zu trösten, so ermahne und tröste er. Wer gibt, gebe mit lauterem Sinn. Wer leitet, tue es mit Eifer. Wer Barmherzigkeit übt, tue es mit Freude.

     

    Liebe Gemeinde!

    In diesem Text ist kein Wort zu lesen von Kirchen, Liedern, Gebeten und heiligen Stunden am Feiertag. Trotzdem geht es um Gottesdienst. Wie kann das sein?

     

    Zunächst einmal: Paulus kannte mit Sicherheit auch Gottesdienstfeiern, wie wir sie kennen. Jüdische Gottesdienste in den Synagogen und im Tempel in Jerusalem sind Vorbilder unserer Gottesdienste heute. Und natürlich hat Paulus nichts dagegen, dass sich die Gemeinde zum Lob Gottes und zum Hören auf Gott versammelt. Es gibt aber einen verbreiteten Irrtum. Dieser Irrtum war damals vor ca. 2000 Jahren in der griechisch-römischen Kultur vorhanden und er kommt auch im 21. Jahrhundert bei vielen Menschen vor. Gegen diesen Irrtum haben schon Propheten des AT gepredigt. Der falsche Gedanke lautet: Religion ist etwas für den Sonntag. Im Alltag gelten andere Regeln.

     

    Diese Meinung kann man sicher auch heute von vielen Zeitgenossen hören bzw. erleben. Viele sind sich wahrscheinlich nicht bewusst, dass sie so denken und handeln. Es ist einfach ein Teil der Kultur unserer Zeit, dass wir uns als Menschen mit vielen Rollen wahrnehmen. Am Sonntag bin ich der Pfarrer, Dienstag bis Freitag der Relilehrer, zu Hause der Ehemann und Vater, im Sportverein der Vereinskamerad, beim Ehemaligentreffen der Kommilitone, beim Abiturjubiläum der Mitschüler. Sie können dieser Liste sicher ihre eigenen Rollen hinzu fügen. Überall gelten jeweils eigene Regeln. An jedem dieser Orte und in diesen unterschiedlichen Personengruppen verhalten wir uns auch anders – sind wir vielleicht sogar jemand anderes.

     

    Für den religiös orientierten Menschen gibt es dazu dann eben auch noch entsprechenden Angebote. Kirchen und Gemeinden mit unterschiedlichen Prägungen und Gottesdienstformen, auch andere Religionen als der christliche Glaube sind gleichwertig denkbar. Für Atheisten gibt es Kulturvereine, die eigentlich auch religiöse Versammlungen sind – nur das Atheisten eben glauben, dass es keinen Gott gibt. Mehr als eine Glaubensaussage ist das aber auch nicht. Damit ist es doch auch wieder eine Form von Religion.

     

    Alles in allem: Religion ist ein Teilbereich des Lebens, der seine Berechtigung hat, aber von den anderen Teilbereichen getrennt ist, so wie diese Bereiche untereinander getrennt sind.

     

    Stimmt nicht, sagt Paulus. Gottesdienst ist nicht eine Feier am Sonntagmorgen. Religion ist nicht eine weitere Ergänzung zu einem leben voller verschiedener Rollen. Vernünftiger, wörtlich logischer, Gottesdienst ist „Hingabe des Leibes als Opfer für Gott“. Man könnte auch sagen: Gottesdienst bedeutet, das ganze Leben Gott auszuliefern und ihm zur Verfügung zu stellen.

     

    Was meint Paulus damit? Mir sind drei Dinge aufgefallen.

    Nicht machen, was alle machen

    Das ganze Leben Gott ausliefern wird manchmal so verstanden, als müsste man sich in einen frommen Winkel zurück ziehen. Ein Kloster mit hohen Mauern, die alles unschöne und nicht zu Gott passende draußen halten, das wäre doch ein guter Ort, um sein Leben Gott hinzugeben. Das meint Paulus aber gar nicht. Stellt euch nicht der Welt gleich. Macht nicht was alle machen.

     

    Gerade in unserer Gegenwart habe ich den Eindruck, dass sich immer mehr Menschen in ihre eigene Nische zurück ziehen. Den engen Freundeskreis, die Facebookgruppe Gleichgesinnter, die Familie, etc. Weil vieles unsicher ist in einer Welt voller Möglichkeiten und ohne klare Vorgaben, verabschieden sich viele Menschen aus der größeren Gemeinschaft. Sie gehen nur noch dorthin, wo ihre ohnehin schon vorhandene Meinung gespiegelt und bestärkt wird.

     

    Genau das sollen Glaubende nicht tun. Nicht zurückziehen in die Sicherheit unserer Gemeinden, wo uns niemand für unseren Glauben schief anschaut. Nicht die Öffentlichkeit meiden, weil Glaube angeblich Privatsache ist. Nicht nur dorthin gehen, wo wir bestätigt werden.

     

    Christen sind ein Teil der Welt. Wir sollen sichtbar sein. Wir müssen nicht jeden Unsinn mitmachen, aber vor allem sollen wir uns nicht zurückziehen, nur weil es bequem ist.

    Sich selbst nicht zu wichtig nehmen

    Wir alle wollen gerne wichtig sein. Ansehen bei Menschen zu haben ist angenehm und hat sicher auch viele Vorteile. Und ja, die eigenen Bedürfnisse immer wieder zu verleugnen, ist sicher nicht gut. Wer immer nachgibt, weil der Klügere das nun mal tut, wird irgendwann der Dumme sein. Wenn die Klügeren ständig nachgeben, regieren irgendwann die Dummen. Das kann nicht gut sein. Aber es gibt eben auch das Andere: Umfassendes Selbstbewusstsein bei Vollständiger Ahnungslosigkeit. Menschen, die nur ihr eigenes Bedürfnis im Blick haben. Menschen, die nur den eigenen Vorteil sehen und suchen. Menschen, die Glauben und Gemeinde missbrauchen, um ihr Machtstreben zu befriedigen. Menschen, die immer nur sehen, was ihnen alles fehlt und nie, was sie alles haben. Wir alle sind gefährdet, uns davon anstecken zu lassen. Unsere ganze Gesellschaft funktioniert gerade im Moment so, dass nur wahrgenommen wird, wer sich selbst toll präsentiert. Dabei wird gerne mal die Wahrheit etwas gedehnt. Das kann bis in höchste demokratische politische Ämter führen. Aber es ist nicht gut.

     

    „Niemand halte mehr von sich, als sich’s gebührt.“ Ihr Leute, auch ihr Christen in den Gemeinden, nehmt euch selbst nicht zu wichtig. Gott nimmt euch wichtig und er nimmt euch ernst. Darum bleibt selbst realistisch.

    Die Mitmenschen im Blick behalten

    Jeder Mensch hat Fähigkeiten und Begabungen. Paulus zählt einige auf, die in einer Gemeinde wichtig sein können. Auch darüber hinaus. Letztlich kommt es darauf an, wie die Gaben eingesetzt werden. Lebenshingabe heißt, die eigenen Fähigkeiten zum Wohle anderer einsetzen. Wir sind als Menschen nicht allein auf dieser Welt. Kein Mensch ist eine Insel, die nur von einem Einsiedler bewohnt wird. Wir brauchen einander. Wir können und sollen einander helfen und unsere Gaben und Möglichkeiten füreinander einsetzen. Wer dem Mitmenschen Gutes tut, der hat Jesus Gutes getan, das wissen wir aus der Endzeitrede, die Jesus gehalten hat. Wir verlieren gerne unsere Mitmenschen aus dem Blick, weil wir so sehr mit uns selbst beschäftigt sind. Darum werden wir immer wieder aufgefordert, den Blick auch von uns weg auf den Nächsten zu richten.

     

    Was ist Gottesdienst? Gottesdienst heißt nicht, den Glauben am Sonntag als Ergänzung zu den übrigen Lebensrollen unter der Woche zu verstehen. Gottesdienst heißt, von der Begegnung mit Gott am Sonntag die Woche von Montag bis Samstag prägen zu lassen, damit wir für all unsere Lebensrollen erkennen können, was gut ist – und als glaubende Menschen dieses Gute auch tun.

    Amen.

    Der Friede Gottes, der höher ist als alle Vernunft, bewahre eure Herzen und Sinne in Christus Jesus, unserem Herrn. Amen.

  • Predigt zum 2. Sonntag nach dem Christfest (03.01.2021)

    Predigt Lukas 2,41-52

    Kanzelgruß: Gnade sei mit Euch und Friede von Gott unserm Vater und dem Herrn Jesus Christus. Amen.

    Wo gehöre ich hin?

    Predigttext

    41Und seine Eltern gingen alle Jahre nach Jerusalem zum Passafest. 42Und als er zwölf Jahre alt war, gingen sie hinauf nach dem Brauch des Festes. 43Und als die Tage vorüber waren und sie wieder nach Hause gingen, blieb der Knabe Jesus in Jerusalem, und seine Eltern wussten’s nicht. 44Sie meinten aber, er wäre unter den Gefährten, und kamen eine Tagereise weit und suchten ihn unter den Verwandten und Bekannten. 45Und da sie ihn nicht fanden, gingen sie wieder nach Jerusalem und suchten ihn.

    46Und es begab sich nach drei Tagen, da fanden sie ihn im Tempel sitzen, mitten unter den Lehrern, wie er ihnen zuhörte und sie fragte. 47Und alle, die ihm zuhörten, verwunderten sich über seinen Verstand und seine Antworten. 48Und als sie ihn sahen, entsetzten sie sich. Und seine Mutter sprach zu ihm: Mein Kind, warum hast du uns das getan? Siehe, dein Vater und ich haben dich mit Schmerzen gesucht. 49Und er sprach zu ihnen: Warum habt ihr mich gesucht? Wusstet ihr nicht, dass ich sein muss in dem, was meines Vaters ist? 50Und sie verstanden das Wort nicht, das er zu ihnen sagte. 51Und er ging mit ihnen hinab und kam nach Nazareth und war ihnen gehorsam. Und seine Mutter behielt alle diese Worte in ihrem Herzen. 52Und Jesus nahm zu an Weisheit, Alter und Gnade bei Gott und den Menschen.

     

    Liebe Gemeinde!

    Ich weiß nicht, wie Sie die Weihnachtstage verbracht haben. Aber ich weiß, dass ich unseren Sohn Jonathan an diesem Weihnachtsfest vermisst habe. Er hatte gute Gründe, aus seinem Auslandsstudium nicht zu Weihnachten nach Hause zu kommen. Die vorgeschriebene Quarantäne hätte diese Reise zu Weihnachten sehr kompliziert gemacht. Aber ich zumindest habe gespürt: Da fehlt einer, der in die Familie hinein gehört. Zum ersten Mal seit 25 Jahren waren zu Weihnachten nicht alle Kinder zu Hause. Zum Glück gibt es technische Möglichkeiten. Über ein Videotelefonat konnten wir uns dann doch sehen.

     

    Wo gehöre ich hin? Das ist eine wichtige Frage, die man als Mensch im Laufe seines Lebens beantworten muss, wahrscheinlich sogar mehrfach, in den unterschiedlichen Abschnitten des Lebens. In der Kindheit ist es einfach. Kinder gehören zu ihren Eltern und wissen das auch. Und über die Familienzugehörigkeit wird man am Ort auch eingeordnet und identifiziert: „Ah ja, du bist der Sohn von Frau X, du bist die Tochter von Herrn Y.“ Als Jugendlicher wählt man sich ein Stückweit seine Zugehörigkeit über Freunde selbst und löst sich ein Stück weit von Eltern und Familie. Als junger Erwachsener ist noch stärker der Freundeskreis, die Gruppe, die Clique, wo man sich zugehörig fühlt. Als Erwachsener dann vielleicht die eigene Familie, die man gegründet hat, oder das Wohnumfeld oder der Arbeitsplatz und die Kollegen oder eine Mischung aus allem.

     

    Wo gehöre ich hin? Manchmal ist diese Frage auch nicht leicht zu beantworten. Wenn man gerade zwischen den Stühlen sitzt. Nach einem Umzug sich am neuen Wohnort noch nicht eingelebt hat, z.B.

     

    Wo gehöre ich hin? Das ist eine Frage, mit der Jesus und seine Familie sich auseinander setzen mussten.

     

    Jesus war inzwischen 12 Jahre alt geworden. In diesem Alter feiert man in jüdischen Familien das Fest Bar Mizwa. Damit gilt ein junger Mensch als Religionsmündig. Bei uns entspricht das in gewisser Weise der Konfirmation. Damals gab es noch den Tempel in Jerusalem. An den hohen Festtagen, Passa, Jom Kippur und Laubhüttenfest, pilgerten die jüdischen Familien zum Tempel, wenn irgend möglich. Da war in Jerusalem Ausnahmezustand. Auf die 30.000 bis 40.000 Einwohner, die die Stadt damals hatte, kam besonders zum Passafest die 10fache Menge Pilgern aus der ganzen Welt. Das war ein drängeln, Stoßen und schieben in den Straßen und Gassen, das kann man sich nicht vorstellen. Dagegen sind unsere Einkaufsstraßen im normalen Weihnachtsgeschäft großräumig und komfortabel. Selbst der Sturm auf die Geschäfte vor dem 16.12.2020, als der Lockdown begann, ist damit nicht zu vergleichen. Alle wollen das Passaessen in Jerusalem einnehmen. Alle wollen ein Passalamm, das im Tempel geschlachtet wurde. In diesem Gedränge kann sich eine Gruppe von Menschen auch schon einmal verlieren. Wenn in verschiedene Richtung geschoben und gedrängt wird, passiert das schnell. Gut, wenn man einen Treffpunkt vereinbart hat, an dem man sich wieder trifft und den jeder kennt. Das Nachtquartier oder eine bekannte Sehenswürdigkeit taugen gut dazu.

     

    Maria und Josef ging es so mit Jesus. Sie hatten das Passafest in Jerusalem gefeiert und machten sich auf den Heimweg nach Nazareth. Das Reisbündel war schnell gepackt, damals brauchte man noch keine großen Koffer. Jesus war nicht bei ihnen. Er war schon am Morgen nach dem Fest auf die Straße gestürmt. Maria machte sich keine Sorgen deswegen. Sie wusste, dass Jesus jederzeit mit anderen Leuten aus Nazareth zurück wandern könnte, mit anderen jungen Leuten in seinem Alter und deren Familien. Im Lauf des Tages würden sie ihn sicher auf der Straße bei ihrer Pilgergruppe antreffen.

     

    So machten sich Josef und Maria auf den Heimweg. Unterwegs trafen sie viele Verwandte und Bekannte, die auch auf dem Heimweg nach Nazareth waren. Nur ihren Sohn fanden sie nicht.

     

    Haben Sie schon einmal ein Kind im Supermarkt aus den Augen verloren? Mir ist das schon passiert, als ich selbst noch klein war und mit meiner Mutter in einem großen Kaufhaus, da habe ich meine Mutter aus den Augen verloren. Das war beängstigend. Ebenso habe ich mal beim Einkaufen einen meiner Söhne aus den Augen verloren – oder er mich. Aufgeregt bin ich von Regal zu Regal gelaufen, bis ich die Durchsage über den Lautsprecher hörte, dass ich mein Kind abholen sollte. Wer so etwas schon erlebt hat, weiß, was Maria und Josef fühlen. Angst um ihren Sohn Jesus. Was kann passiert sein? Wo ist er geblieben? Er ist nicht in einem überschaubaren Laden verloren gegangen, sondern in einer großen Stadt.

     

    Zurück nach Jerusalem, sofort. Und da suchten sie. Drei Tage lang, voller Sorge, und mit wachsender Panik. Bis sie ihn schließlich im Tempel finden, umringt von Gelehrten und Theologen, in intensive Gespräche vertieft.

     

    „Kind, wie konntest du uns das antun“, so fragt Maria. „Wieso denn“, so lautet die Antwort. „Ich muss doch im Haus meines Vaters sein. Da gehöre ich doch hin.“ Wo gehöre ich hin, mit dieser Frage haben wir angefangen. Für den jungen Jesus ist ganz klar: Ich gehöre ins Haus Gottes. Gott ist mein Vater.

     

    Am Anfang eines neuen Jahres können wir uns auch diese Frage stellen. Wohin will ich eigentlich gehören? Ins Haus Gottes, dorthin, wo Menschen im Glauben an Gott und seinen Sohn Jesus zusammen kommen? Oder will ich woanders hin gehören?

     

    Wir sind eingeladen, hier bei Gott zu Hause zu sein. Jeder, der heute Morgen hier ist, hat diese Einladung gehört. Sicher gibt es noch viel mehr Menschen, die auch hierher gehören, aber sich wegen der Umstände gerade nicht hierher trauen.

     

    Und dann gibt es viele Menschen, die glauben nicht, dass sie zu Gott gehören, die gerne ohne Glauben und Religion auskommen wollen, Religion vielleicht sogar für gefährlich halten, weil sie so oft missbraucht wird. Aber auch diese Menschen gehören in Gottes Vaterhaus. Wenn es stimmt, das Gott die Welt und die Menschen gewollt hat, dann gehört jeder Mensch in die Gegenwart Gottes und ist bei Gott zu Hause. Ich wünsche mir für das neue Jahr, dass wir das miteinander neu entdecken: Wir sind bei Gott zu Hause. Und dass wir neue Leute in dieses Zuhause bei Gott mitnehmen können.

    Amen.

    Der Friede Gottes, der höher ist als alle Vernunft, bewahre eure Herzen und Sinne in Christus Jesus, unserem Herrn.

    Amen.

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