Predigten online

Singen und Beten

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Mit der Änderung der Verordnungen zum Infektionsschutz während der Corona-Pandemie, die zum 04. Mai inkraftgetreten ist, dürfen nun unter Auflagen wieder Gottesdienste durchgeführt werden. Einzelheiten dazu finden sich auf der Seite des Kultusministeriums. Auch wir feiern in unseren Gemeinden wieder Gottesdienst. Infos dazu auf unserer Seite "Aktuelles".

Dennoch werde ich auch weiterhin die Predigten, die ich für unsere Gemeindegottesdienste vorbereitet habe, jeweils zum aktuellen Sonntag auf dieser Seite einstellen - entweder zum Lesen direkt am Bildschirm oder zum Herunterladen als PDF-Datei, die man sich dann auch ausdrucken und ggf. weitergeben kann.

 

Gott segne Sie alle, gerade jetzt in dieser Ausnahmesituation

 

Ihr Pfarrer

Thorsten Müller

Aktuelle Predigten

Auf die Titelzeile klicken zum Lesen.

  • Predigt zum Sonntag Exaudi (24.05.2020)

    Predigt Jeremia 31,31-34

    Gnade sei mit Euch und Friede von Gott unserm Vater und dem Herrn Jesus Christus. Amen.

    Vertragsverlängerung

    Liebe Gemeinde!

     

    Die Corona-Pandemie hat uns weiterhin im Griff. Die Sportbegeisterten unter uns werden sicher enttäuscht sein, dass alles, was mit großen Sportereignissen zu tun hat, zur Zeit abgesagt ist. Die olympischen Sommerspiele in Tokio und die Fußball-Europameisterschaft sind auf das Jahr 2021 verschoben. Die Spiele in der Fußball-Bundesliga finden ohne Zuschauer statt. Und auch die kleinen Sportvereine vor Ort, die sich dem Breitensport widmen, können bestenfalls ein stark beschränktes Programm anbieten, wenn ihre Angebote nicht überhaupt unter das Gebot der Kontaktvermeidung fallen und damit gestrichen sind.

     

    Trotz dieser Einschränkungen denken die Verantwortlichen der Sportvereine aber nach vorne. Es kommt auch eine Zeit nach Corona, wann immer das sein wird. Dafür werden jetzt gerade im Fußball Verhandlungen über Verträge geführt. Wer könnte die Mannschaft verstärken? Wer möchte zu einem anderen Verein wechseln und bringt dem aktuellen Verein eine „Verkaufsprämie“ für die vorzeitige Auflösung des Vertrages? Wer bekommt in der nächsten Saison einen besseren Vertrag, wer einen schlechteren?

     

    Normalerweise ist die Phase der Vertragsverhandlungen für die Fans der Vereine jedes Jahr im Frühsommer eine sehr spannende Zeit. Die Verträge mit den Fußballern sind eine spannende Sache. Verträge sind überhaupt eine spannende Sache. Kaufverträge, Mietverträge, Pachtverträge, Versicherungsverträge, Eheverträge etc. Was da alles drin steht und geregelt ist, beschäftigt ganze Scharen von Anwälten. Es muss schließlich alles wohl geordnet sein.

     

    So einen wohlgeordneten Vertrag hatte Gott auch mit seinem Volk, mit Israel, abgeschlossen. Die Vertragsurkunde ist nach jüdischer Auffassung die Thora. Das ist der Teil der Bibel, den wir als die fünf Bücher Mose kennen. Da stehen viele Einzelheiten drin, was es bedeutet, Volk Gottes zu sein, welche Rechte und Pflichten daraus folgen. Zusammengefasst sind die gesammelten Einzelregeln in den 10 Geboten und die wiederum werden im sogenannten „Doppelgebot der Liebe“ zusammengefasst: „Liebe Gott von ganzem Herzen und deinen Nächsten wie dich selbst.“ Eigentlich in dieser Summe recht übersichtlich. Aber funktioniert hat es irgendwie nicht. Gott klagt immer wieder darüber, dass sein Volk den Bund, den Vertrag, nicht einhält.

     

    Bei uns wäre es wohl so, dass wir den Vertrag auflösen würden, wenn ein Vertragspartner die Regeln immer wieder nicht einhält. Bei Gott ist das irgendwie anders:

    Predigttext:

    31Siehe, es kommt die Zeit, spricht der HERR, da will ich mit dem Hause Israel und mit dem Hause Juda einen neuen Bund schließen, 32nicht wie der Bund gewesen ist, den ich mit ihren Vätern schloss, als ich sie bei der Hand nahm, um sie aus Ägyptenland zu führen, mein Bund, den sie gebrochen haben, ob ich gleich ihr Herr war, spricht der HERR; 33sondern das soll der Bund sein, den ich mit dem Hause Israel schließen will nach dieser Zeit, spricht der HERR: Ich will mein Gesetz in ihr Herz geben und in ihren Sinn schreiben, und sie sollen mein Volk sein, und ich will ihr Gott sein. 34Und es wird keiner den andern noch ein Bruder den andern lehren und sagen: "Erkenne den HERRN", denn sie sollen mich alle erkennen, beide, Klein und Groß, spricht der HERR; denn ich will ihnen ihre Missetat vergeben und ihrer Sünde nimmermehr gedenken.

    1.    Alter Bund – altes Testament?

    Nehmen wir einen kurzen Blick auf den großen Bund Gottes mit Israel. Die Rettungserfahrung – aus der Sklaverei heraus, in die Begegnung mit Gott am Berg Horeb oder Sinai hinein geführt, war der Auslöser für den Bundesschluss. Gott bietet seinen Bund an: Ich will euer Gott sein, und ihr sollt mein Volk sein (3Mo 26,12). Verträge bei Gott funktionieren etwas anders als zwischen Menschen. Wenn wir einen Vertrag schließen, dann ist das ein Abkommen zwischen zwei gleichgestellten Personen. Beide sind für die Ausgestaltung des Vertrags und für die Einhaltung der Bestimmungen zu gleichen Teilen verantwortlich. Wenn Gott einen Bund mit Menschen schließt, dann treffen bicht zwei Gleichgestellte aufeinander. Gott steht als der Schöpfer und Erhalter der Welt höher als der Mensch, der Gottes Geschöpf ist. Darum verhandelt Gott seinen Bund auch nicht, er bietet ihn an. Eine Beziehung zu Gott ermöglicht der Bund mit Israel. Ihr Volk – ich Gott, das gehört von Gottes Seite aus zusammen. Die Frage ist, wie kann das gelingen? Gott eröffnet den Raum dafür, indem er seinem Volk seine Gebote anvertraut. Sie sind der Lebensrahmen, in dem sich die Beziehung zwischen Gott und Menschen gestalten soll. Zuerst Israel, dann alle Menschen. Auf die eine oder andere Weise will Gott das Wohl aller erreichen. Er setzt den Rahmen und schafft dafür die Möglichkeiten. Als der, der in diesem Bund unfassbar viel höher steht, sorgt er selbst dafür, dass dieser Bund, dieser Vertrag eine Chance hat.

     

    Es kommt anders. Die Menschen, die so begeistert dem Gott zujubeln, der ihnen auf vielfache Weise geholfen hat, vergessen Gottes Bund mit ihnen schnell, wenn die Lebensumstände mühsam werden. Wenn Geduld gefragt ist und sich nicht alles sofort mit einem Wunder Gottes in Wohlgefallen auflöst. Angefangen mit dem goldenen Kalb und dann immer wieder gerät Gott in Vergessenheit, macht sich Götzendienst und Egoismus breit. Die Kultur der Gegenwart hat diesen Egoismus im Wirtschaftssystem des Kapitalismus zum Lebensideal erhoben. Jeder sehe zu, dass er das meiste aus seinem Leben und seinen Möglichkeiten heraus hole, wenn nötig, auch auf Kosten der Mitmenschen.

     

    Der Prophet Jeremia wirft seinem Volk im Namen Gottes vor, sie hätten den Bund Gottes gebrochen. Und der Ausgangspunkt dieses Vorwurfs ist meistens das erste Gebot: Ich bin der Herr, dein Gott.

     

    Martin Luther schreibt in seiner Erklärung zu diesem Gebot: Woran du nun dein Herz hängst, das ist eigentlich dein Gott.

     

    Der alte Bund ist gar nicht so alt und vergangen, wie der Name besagt. Sein Kernproblem bleibt bis in die Gegenwart das Jahres 2020 bestehen. Gott will Beziehung zu seinen Menschen, aber die sind so sehr mit sich selbst, ihren eigenen Wünschen, Zielen und Begierden beschäftigt, dass sie keine Zeit und keinen Sinn mehr für Gott haben. Das macht vor keinem von uns halt, auch nicht in der Kirche. In unserem Innersten sind wir Egoisten.

    2.    Neuer Bund – neues Testament?

    Gibt es einen Weg aus dieser Lage heraus? Wollen Sie überhaupt da heraus? Will ich es?

     

    Gute Frage. Wenn der erste Vertrag schon nicht funktioniert hat, warum dann eine Vertragsverlängerung? Warum einen neuen Einsatz? Wie eben schon gesagt, ein Vertrag, der gebrochen wird, ist ungültig. Wenn sich die Menschen nicht an den Bund mit Gott, halten, warum sollte Gott es tun? Er könnte tatsächlich sagen: Nun, dann eben nicht. Gott sei dank ist Gott kein Mensch. Er handelt zu unserem Glück nach anderen Maßstäben. Bei Gott sieht das so aus: Der erste Bund funktioniert nicht, weil die Menschen ihn nicht einhalten? Dann überlege ich mir einen neuen Bund, den sie einhalten werden. So stellt Jeremia es da: Gottes Gebote in unsere Herzen hinein gelegt. Im Sprachgebrauch der Bibel ist das Herz nicht der Sitz der Gefühle. Das wäre der Bauch. Das Herz ist der Sitz des Willens und der Persönlichkeit – die Schalzentrale des Lebens, sozusagen. Weil Gott seine Menschen nicht aufgibt, macht er etwas ganz Neues. Er kommt nicht mit Forderungen um die Ecke, die am Ende niemand erfüllen kann und die uns alle nur frustrieren. Er verändert uns von innen her. Wahre Wesensänderung kommt von innen. In kleinen Schritten. Gott kommt mit der Kraft des heiligen Geistes, der an Pfingsten der Gemeinde gegeben wurde. Diese Kraft verändert uns, sie macht uns zu Gottes Kindern und stellt uns als seine Gemeinde zusammen. Das Doppelgebot der Liebe ist nicht mehr Anspruch von außen, sondern etwas, was ich aus mir selbst heraus will, weil Gott es in mich hinein gelegt hat.

     

    Gott sei Dank, dass unser Gott uns nicht aufgibt, sondern immer wieder neu den Weg zu uns sucht, damit wir den Weg zu ihm und zueinander finden.

    Amen.

     

    Der Friede Gottes, der höher ist als alle Vernunft, bewahre eure Herzen und Sinne in Christus Jesus, unserem Herrn.

    Amen.

  • Predigt zum Sonntag Rogate (17.05.2020)

    Predigt Matthäus 6,5-15

    Gnade sei mit Euch und Friede von Gott unserm Vater und dem Herrn Jesus Christus. Amen.

    Warum Beten?

    Liebe Gemeinde!

     

    „Not lehrt beten“, sagt der Volksmund. Ich bin mir gar nicht so sicher, ob das Anno 2020 noch stimmt. Die fortschreitende Säkularisierung führt vermutlich dazu, dass immer weniger Menschen in Notzeiten auf die Idee kommen, tatsächlich ernsthaft zu beten. Wie auch, wenn man von Gott nichts mehr weiß. Zu wem sollte man beten, wenn man keine Adresse kennt.

     

    Allerdings: Das zugrundeliegende Problem, dass wir Menschen mit unserer Not und unseren Lebensfragen nicht allein fertig werden, ist durch Säkularisierung nicht erledigt. Nur, weil man Gott nicht kennt, heißt das noch nicht, dass man ihn nicht brauchen könnte.

     

    Ein aktuelles Beispiel in der Corona-Zeit ist für mich das schnelle Um-sich-greifen von Verschwörungstheorien aller Art. Ob es nun Bill Gates ist, der an der Corona-Pandemie schuld sein soll, damit er Milliarden mit dem Impfstoff verdienen kann und zugleich noch mit der Impfung den Menschen Microchips injiziert, mit denen wir dann komplett überwacht und kontrolliert werden können, oder ob es eine Weltverschwörung von Juden ist, die angeblich eine neue Weltordnung herbeiführen will, der wir uns dann alle unterwerfen müssen, oder ob die Pandemie überhaupt nur erfunden wurde, um uns alle unserer Bürgerrechte zu berauben – oder beliebige Mischungen aus den Theorien und noch vielen anderen, alle haben eines gemeinsam: Sie geben Menschen, die sich unsicher und hilflos fühlen unter der bedrohlichen Macht des Virus ein Gefühl von Kontrolle und Sicherheit zurück. Frei nach dem Motto: Ich habe wenigstens verstanden, wie der Kram funktioniert, wenn ich schon nichts dagegen machen kann.

     

    Für mich sind das alles Ersatzhandlungen zum Beten. Beten heißt doch: Gott meinen Dank bringen, mein Lob vortragen und meine Fragen, Ängste und Nöte vor ihm ausbreiten. Beten heißt, für alles, was mein Herz bewegt, eine Adresse zu haben, eine Ansprechstelle, an die ich es richten kann. Aber was, wenn mir die Worte fehlen? Was, wenn die Fragen so überwältigend sind, die Not so bedrückend ist, dass ich keine Sprache mehr dafür habe?

     

    Was, wenn ich mich zum Beten überwinde und mir die Worte im Hals stecken bleiben, weil ich keine Ahnung habe, wie ich überhaupt mit Gott reden kann? Vor etlichen Jahren rief mich einmal die Mutter eines Kindergartenfreundes eines unserer Söhne an. Der Junge hatte bei uns beim Mittagessen etwas erlebt, was er nicht kannte: Wir haben vor dem Essen Gott mit einem Tischgebet für das Essen gedankt. Jetzt wollte er das bei sich zu Hause auch so haben, aber seine Mutter kannte keine Tischgebete. Sie wollte dem Sohn aber die Bitte auch nicht abschlagen. Ich habe ihr dann ein kleines Heft mit Tischgebeten und anderen Gebetstexten für Kinder gegeben. Ein bisschen ging es wohl auch den Jüngern von Jesus so, als sie ihren Lehrer baten: Herr, lehre uns beten. Wie kann man denn mit Gott reden? Was darf man sagen? Wie bleibt man respektvoll und ist zugleich ehrlich?

    Jesus gibt auf diese Frage die folgende Antwort:

    Predigttext:

    5Und wenn ihr betet, sollt ihr nicht sein wie die Heuchler, die gern in den Synagogen und an den Straßenecken stehen und beten, um sich vor den Leuten zu zeigen. Wahrlich, ich sage euch: Sie haben ihren Lohn schon gehabt. 6Wenn du aber betest, so geh in dein Kämmerlein und schließ die Tür zu und bete zu deinem Vater, der im Verborgenen ist; und dein Vater, der in das Verborgene sieht, wird dir's vergelten.

    7Und wenn ihr betet, sollt ihr nicht viel plappern wie die Heiden; denn sie meinen, sie werden erhört, wenn sie viele Worte machen. 8Darum sollt ihr ihnen nicht gleichen. Denn euer Vater weiß, was ihr bedürft, bevor ihr ihn bittet. 9Darum sollt ihr so beten:

     

    Unser Vater im Himmel!
    Dein Name werde geheiligt.

     

    10Dein Reich komme.
    Dein Wille geschehe
    wie im Himmel so auf Erden.

     

    11Unser tägliches Brot gib uns heute.

     

    12Und vergib uns unsere Schuld,
    wie auch wir vergeben unsern Schuldigern.

     

    13Und führe uns nicht in Versuchung,
    sondern erlöse uns von dem Bösen.
    [Denn dein ist das Reich und die Kraft
    und die Herrlichkeit in Ewigkeit. Amen.]

     

    14Denn wenn ihr den Menschen ihre Verfehlungen vergebt, so wird euch euer himmlischer Vater auch vergeben. 15Wenn ihr aber den Menschen nicht vergebt, so wird euch euer Vater eure Verfehlungen auch nicht vergeben.

    1.    Reden mit dem Vater

    Manche Leute sagen, Beten sei Unsinn. Als Erwachsener sei man doch wohl aus dem Alter heraus gewachsen, in dem man noch mit unsichtbaren Freunden gesprochen habe. Wenn nicht, dann sei das wohl eher ein Fall für den Therapeuten. Ich sehe das anders. Das Gebet ist eine Ausdrucksform des Glaubens, und Glaube ist ein gewisses Vertrauen auf etwas, das man nicht beweisen kann, von dem man aber weiß, dass es wahr ist. Das erste, was Jesus über das Gebet lehrt, ist: Ihr redet mit eurem Vater. „Vater unser im Himmel“, das ist die Anrede, die Jesus seine Jünger lehrt. So dürfen wir mit Gott reden. Nun ist das mit dem Vater ja so eine Sache. Manche Menschen haben mit ihrem Vater schlechte Erfahrungen gemacht und tun sich schwer, Gott vertrauensvoll als Vater anzusprechen. Andere sind der Meinung, die Vater-Anrede sei einseitig, Gott habe doch auch die Eigenschaften einer Mutter. Ja, das ist beides richtig, keine Frage. Aber denken wir uns ein bisschen in die Anrede hinein. Zur Zeit Jesu war der Vater unbestritten das Oberhaupt einer Familie. Die Gesellschaft war männerdominiert. Ob man das aus heutiger Sicht gut findet oder nicht, spielt keine Rolle – es war so. Und so legt uns Jesus die Vater-Anrede in den Mund, weil jede und jeder von uns genauso wie die Menschen damals, eine Vorstellung davon hat, wie ein Vater sein sollte und was er tun sollte, um seiner Verantwortung und seinen Aufgaben gerecht zu werden. Auch wer mit seinem eigenen Vater negative Erlebnisse hatte, weiß doch, vielleicht gerade deshalb, wie es besser wäre. Als so einen guten, treuen, liebenden und zuverlässigen Vater dürfen wir Gott anreden. So vertrauensvoll können wir auf unseren Gott zugehen, so persönlich. Diese persönliche Beziehung zu Gott ist das, was unseren Glauben besonders macht und von anderen Religionen abhebt. Reden mit einem persönlichen Vater.

    2.    Reden über alles Wichtige

    Was sage ich denn meinem Vater? Im Laufe meines Lebens habe ich in vielen Situationen mit meinem eigenen Vater gesprochen, als Kind, wenn ich Sorgen hatte oder etwas unbedingt haben wollte. Als junger Erwachsener, wenn ich Rat suchte und die Lebenserfahrung eines gereiften Menschen brauchte. Heute erzählen wir uns einfach, was gerade in unserem Leben passiert und was uns beschäftigt. Über alles, was uns wichtig scheint, können wir reden – auch wenn wir um manche Themen vielleicht einen Bogen machen.

     

    Reden über alles wichtige im Blick auf die Welt, auf unser Leben, unsren Glauben – so sollen und dürfen wir mit Gott reden. Das Vater unser ist eine Zusammenfassung von allem, was unser Leben ausmacht. Manches möchte man vielleicht ausführlicher formulieren. Manches ist nicht immer gleich wichtig. Aber alles ist darin enthalten. Die Bitte um die Herrschaft Gottes, die aller ungerechten und falschen menschlichen Herrschaft ein Ende setzt ebenso, wie die Bitte um Versorgung mit allem, was wir zum Leben brauchen.

     

    Am täglichen Brot mangelt es den meisten Menschen hier in Deutschland nicht, wir sind ein wohlhabendes Land. Was aber jetzt gerade brauchen, ist die tägliche Portion Geduld, um die pandemiebedingten Beschränkungen zu ertragen. Was wir brauchen, ist die tägliche Dosis Weisheit, um nicht auf die am Anfang aufgezählten Verschwörungstheorien oder andere, ähnlich abstruse oder auch einleuchtende herein zu fallen. Wir brauchen die tägliche Portion Nächstenliebe, damit wir nicht vergessen, dass es nicht nur um uns geht, sondern um den Gesundheitsschutz für unsere Mitmenschen, von denen vielleicht manche zu den besonders gefährdeten Personen gehören.

     

    Wir brauchen die Vergebung unserer Schuld. In der Krisenzeit ist manchmal eben der Geduldsfaden kurz geworden, und Dinge, die wir normalerweise nicht einmal denken würden, werden ausgesprochen. Und ebenso, wie wir die Vergebung brauchen, brauche wir die Bereitschaft zum Vergeben, denn was uns passieren kann, kann auch dem Nächsten passieren. Wir tun nicht nur Unrecht, wir erleiden es auch. Krisenzeiten bringen immer sowohl das Beste als auch das Schlimmste im Menschen an die Oberfläche.

     

    Ja, und dann ist da die Bitte um Erlösung von dem Bösen und Bewahrung vor der Versuchung. Das Böse oder der Böse? Beides ist möglich, auch in den alten Sprachen, in denen das Gebet in der Bibel aufgeschrieben ist. Das Böse – im Moment ist es die Pandemie, die uns in Atem hält, unser Leben beeinflusst und die uns Angst macht. Ja, wir dürfen um Erlösung auch von diesem Bösen bitten.

     

    Alles, was wichtig ist, ist in dem Gebet Jesu zusammen gefasst.

    3.    Warum beten?

    Weil wir einen Ort brauchen, wo wir ungeschützt unser Herz ausschütten können. Haben wir den nicht, dann sucht sich unsere Unsicherheit andere Kanäle zur Selbstvergewisserung. Ich glaube, Beter sind weniger anfällig für Verführung und Verschwörung. Und es tut einfach gut, alles voller Vertrauen aussprechen zu dürfen, was mich bewegt. Ich möchte sie ermutigen, beten Sie. Nicht nur in der Kirche, sondern immer dann, wenn ihnen etwas wichtig ist. Teilen Sie es mit Ihrem Vater im Himmel. Nehmen Sie ihn mit in ihr Leben und Ihren Alltag hinein.

    Amen.

     

    Der Friede Gottes, der höher ist als alle Vernunft, bewahre eure Herzen und Sinne in Christus Jesus, unserem Herrn.

    Amen.

  • Predigt zum Sonntag Kantate (10.05.2020)

    Predigt Apostelgeschichte 16,23-34

    Gnade sei mit Euch und Friede von Gott unserm Vater und dem Herrn Jesus Christus. Amen.

    Helle Lieder in düsterer Zeit

    Liebe Gemeinde!

     

    Vor ein paar Wochen habe ich mit einigen Kirchengemeinderäten überlegt, wie es denn wohl sein wird, wenn wir nach dem kompletten Shutdown durch die Corona-Pandemie wieder Gottesdienste feiern dürfen. Ich wollte einen großen Festgottesdienst. Andere Stimmen brachten auch einen Dank- und Bittgottesdienst ins Gespräch, weil ja in der Zeit ohne Gottesdienste manches traurige Ereignis statt gefunden haben mag, an das man noch gedenkend erinnert.

     

    Wie es nun wirklich ist, das hat sich wohl zunächst einmal niemand so vorgestellt. Wir sitzen hier mit Schutzmasken. Nur ich trage keine, damit Sie mich besser verstehen können. Wir sitzen vereinzelt, nur wer zusammen wohnt, darf auch zusammen sitzen. Es ist eine merkwürdige Situation. Gottesdienst heißt doch: Gemeinsam feiern, dass Gott da ist, ihm dienen und uns von ihm beschenken lassen. Heute ist Sonntag „Kantate“. Kantate, das heißt: Singt! Singt laut. Der Psalm der Woche, Psalm 98, beginnt mit den Worten: Singt dem Herrn ein neues Lied! Aber wir singen gar nicht. Jedenfalls nicht laut und mit hörbaren Worten. Die Infektionsschutz- und Hygienemaßnahmen verbieten und den Gesang. Manchmal wird in der Auslegung das neue Lied auf Gott der Alten Leier des Jammerns gegenüber gestellt. Von einer alten Leier kann man heute nicht reden, das, was wir hier gerade machen, ist neu. Ich glaube nicht, dass es schon einmal einen Gottesdienst in dieser Art hier in Weißbach gegeben hat. Aber Gottesdienste oder Lob Gottes oder auch Lieder zur Ehre Gottes hat es schon immer wieder gegeben. Ein Beispiel findet sich in unserem Predigttext aus Apg. 16,23-34:

    Predigttext:

    23Nachdem man sie hart geschlagen hatte, warf man sie ins Gefängnis und befahl dem Kerkermeister, sie gut zu bewachen. 24Als er diesen Befehl empfangen hatte, warf er sie in das innerste Gefängnis und legte ihre Füße in den Block.

    25Um Mitternacht aber beteten Paulus und Silas und lobten Gott. Und es hörten sie die Gefangenen. 26Plötzlich aber geschah ein großes Erdbeben, sodass die Grundmauern des Gefängnisses wankten. Und sogleich öffneten sich alle Türen und von allen fielen die Fesseln ab. 27Als aber der Kerkermeister aus dem Schlaf auffuhr und sah die Türen des Gefängnisses offen stehen, zog er das Schwert und wollte sich selbst töten; denn er meinte, die Gefangenen wären entflohen. 28Paulus aber rief laut: Tu dir nichts an; denn wir sind alle hier! 29Der aber forderte ein Licht und stürzte hinein und fiel zitternd Paulus und Silas zu Füßen. 30Und er führte sie heraus und sprach: Ihr Herren, was muss ich tun, dass ich gerettet werde? 31Sie sprachen: Glaube an den Herrn Jesus, so wirst du und dein Haus selig! 32 Und sie sagten ihm das Wort des Herrn und allen, die in seinem Hause waren. 33Und er nahm sie zu sich in derselben Stunde der Nacht und wusch ihnen die Striemen. Und er ließ sich und alle die Seinen sogleich taufen 34und führte sie in sein Haus und bereitete ihnen den Tisch und freute sich mit seinem ganzen Hause, dass er zum Glauben an Gott gekommen war.

    1.    Geplagt

    Immer noch und wahrscheinlich auch noch für viele Monate beschäftigt uns das Corona-Virus. Wir sind tatsächlich einer Plage unterworfen, der wir nicht ausweichen können. Wir können niemandem die Schuld geben. Eine Virus-Pandemie passiert nun einmal. Wir tun unser Möglichstes, um die Gefahr einer Ansteckung möglichst gering zu halten. Denn auch wenn die meisten Menschen diese Infektion ohne große Probleme überstehen, für manchen ist sie gefährlich und führt zu einer schweren Erkrankung – vielleicht sogar zum Tod. Und das Virus ist sehr ansteckend, wenn keine Vorsichtsmaßnahmen erfolgen. Deshalb sitzen wir hier mit Mund-Nasen-Schutz und in Sicherheitsabstand zueinander. Aber wie wir es auch drehen und wenden – wir sind geplagt. Wenn uns die Krankheit nicht plagt, dann die Schutzmaßnahmen gegen die Krankheit. Wir sind geplagt, so wie damals Paulus und Silas. Beide hatten nichts Schlimmes getan. Sie hatten keine Straftat begangen, sondern einem gequälten Menschen geholfen, frei zu sein. Leider ging dabei für die Besitzer der Sklavin eine Einnahmequelle verloren. Und so landeten die beiden zuerst auf dem Strafbock und dann im Block. Ausgepeitscht nach römischer Sitte, das war eine harte Strafe. Wer eine Vorstellung davon bekommen will, wie grausam das ist, muss sich einen der neueren Filme anschauen, die die Passion Jesu darstellen. Da wird die Geißelung in all ihrer unmenschlichen Grausamkeit sichtbar. Und danach ab ins Gefängnis, in den Block gelegt, eine besondere Art, Gefangene möglichst sicher und zugleich unbequem zu fesseln. Noch eine Foltermethode. Die schmerzenden, blutigen Striemen auf dem Rücken, an Armen und Beinen in gekrümmter Lage gefesselt. Paulus und Silas waren wirklich hart geplagt. So wie wir heute hätten sie manchen Grund gehabt, zu klagen und zu weinen. Manchmal klagen wir in solchen Situationen ja auch Gott an: Wie kannst du das zulassen? Warum verhinderst du so eine Seuche wie Corona nicht? Gibt es nicht genügend andere Probleme?

     

    Vielleicht klagen wir auch über unsere Regierung: Warum wird so vieles eingeschränkt? Warum darf man nicht mehr in aller Freiheit leben? Oder auch anders herum: Warum werden die Beschränkungen so schnell gelockert? Ist das nicht gefährlich? Wir haben vielleicht auch Angst vor der Krankheit. An Covid19 zu sterben, muss am Ende doch sehr qualvoll sein. Das möchte man nicht für sich selbst und auch nicht für seine Mitmenschen.

     

    Vielleicht klagen wir auch über unsere Gemeinde oder die Landeskirche. Warum gab es so lange keinen Gottesdienst? Warum sind die Gemeindehäuser immer noch gesperrt, so dass kein Chor und kein Seniorenkreis statt findet? Warum wehrt sich die Kirche nicht mehr gegen die Verbote?

     

    Ja, wir könnten viel klagen. Und viele Klagen sind auch zu hören. Die Unzufriedenheit, berechtigt oder nicht, ist sehr deutlich.

    2.    Gelobt

    Paulus und Silas hatten auch allen Grund, unzufrieden zu sein. Aber sie klagen und jammern nicht. Das ist seltsam. Dass sie in ihrer schmerzhaften Situation um Mitternacht wach sind, wundert mich nicht. Aber dass ihr Gebet keine lange Klage vor Gott ist, wie schlimm doch alles ist und wie sie leiden, dass überrascht schon eher. Statt dass sie jammern, loben sie Gott. Wie haben sie das gemacht? Wahrscheinlich, indem sie Lieder gesungen haben. Paulus kannte mit Sicherheit die Psalmen auswendig, so wie viele von uns auch Lieder aus dem Evangelischen Gesangbuch oder aus anderen Liederbüchern oder auch nur aus dem Radio, von Spotify oder YouTube auswendig kennen. Und sie haben Loblieder gesungen. Sie haben Gottes Größe besungen, seine Macht, sein Liebe zu seiner Schöpfung und seinen Menschen. Hinter diesem großen Lob auf den wunderbaren Gott trat ihre eigene, echte Not zurück. Der Rücken tat immer noch weh, die Haltung im Block war unbequem wie zuvor, aber das spielte für diesen Moment des Gotteslobs keine Rolle. Nur Gott war in diesem Moment wichtig.

     

    Wir dürfen im Moment nicht einmal gemeinsam singen. Noch so eine Einschränkung, über die man klagen und jammern könnte, wenn man so wie ich und sicher viele von Ihnen, gerne singt. Aber wir können im Stillen, mit Gebeten und leisen Worten, in das Gotteslob einstimmen, das Paulus und Silas anstimmen. Wir dürfen uns anstecken lassen von diesem Blickwechsel, der von uns selbst, unseren Fragen und Nöten, hin schaut auf Gott. Gott ist immer noch der liebende und allmächtige Vater, den wir im Glaubensbekenntnis bekennen. Er ist es auch dann, wenn er nicht alle unsere Probleme durch ein Wunder löst. Wir können, dürfen und sollen Gott loben. Darum ist es so wichtig, dass wir wieder in der Kirche zusammen kommen. Im gemeinsamen hören auf Gottes Worte, in den alten und neuen Worten und Gebeten, stimmen wir ein in das Lob. Auch dann, wenn wir am Sonntag “Kantate“ nicht einmal ein altes, geschweige denn ein neues Lied singen.

    3.    Befreit

    Geplagt, gelobt – und befreit. Für Paulus und Silas ereignet sich das Wunder der Befreiung. Alle Schlösser und Türen springen auf, alle Gefangenen könnten das Gefängnis verlassen. Das für mich noch größere Wunder ist, dass es keiner tut. Keiner ergreift die Flucht, keiner entzieht sich seiner aktuellen Lebenssituation. Für mich ist das ein Gleichnis für unsere Gegenwart. Wir können durch Gotteslob nicht die Krise beenden. Ein neues Lied zu singen heißt nicht automatisch, dass auch alle Probleme sich von selbst erledigen. Schön wäre es – aber so funktioniert das Leben nicht und der Glaube funktioniert so auch nicht. Unser Gott ist keine Wunsch-Erfüll-Maschine, die wir mit Gebeten bezahlen oder mit Lobliedern oder Spenden oder was auch immer, damit er tut, was wir gerne hätten. Aber er ist Gott. Er gibt uns Menschen den Verstand, den die, die es können, einsetzen, um Mittel gegen die Krankheit zu finden. Er gibt uns Menschen die Liebe, die wir brauchen, uns gegenseitig beizustehen. Er gibt uns die Vernunft, mit der wir einschätzen können, welches Gesundheitsrisiko wir in welcher Situation eingehen können und welches besser nicht. Er gibt den Mut, auch einmal Außergewöhnliches und Ungeplantes zu tun, Angst zu überwinden und anzupacken, wo es nötig ist. Und manchmal greift er tatsächlich durch ein Wunder ein, wie damals bei Paulus und Silas im Gefängnis. Da sind Menschen am Ende frei geworden. Paulus und Silas von ihrer ungerechtfertigten Gefangenschaft. Der Gefängnisdirektor von seiner Lebensangst, die ihn beinahe in den Selbstmord trieb. Viele Menschen in der Stadt Philippi, die einen neuen Glauben kennen lernten und lernten, Gott zu vertrauen.

     

    Dieses Gottvertrauen wünsche ich uns allen in der Zeit der Pandemie. Glauben können, dass unser Gott die Dinge in der Hand behält, dass er uns, Sie und mich, in der Hand behält – das heißt für mich, befreit sein. Befreit zu einem Leben im Vertrauen, auch wenn das Leben von außen immer wieder geplagt ist und gefährdet bleibt – und immer wieder die Rückbesinnung auf den großen Gott nötig ist, der gelobt werden darf, weil er Gott ist.

    Amen.

     

    Der Friede Gottes, der höher ist als alle Vernunft, bewahre eure Herzen und Sinne in Christus Jesus, unserem Herrn.

    Amen.

  • Predigt zum Sonntag Jubilate (03.05.2020)

    Predigt Johannes 15,1-8

    Gnade sei mit Euch und Friede von Gott unserm Vater und dem Herrn Jesus Christus. Amen.

    Predigttext:

    1Ich bin der wahre Weinstock und mein Vater der Weingärtner. 2Eine jede Rebe an mir, die keine Frucht bringt, nimmt er weg; und eine jede, die Frucht bringt, reinigt er, dass sie mehr Frucht bringe. 3Ihr seid schon rein um des Wortes willen, das ich zu euch geredet habe. 4Bleibt in mir und ich in euch. Wie die Rebe keine Frucht bringen kann aus sich selbst, wenn sie nicht am Weinstock bleibt, so auch ihr nicht, wenn ihr nicht an mir bleibt.

     

    5Ich bin der Weinstock, ihr seid die Reben. Wer in mir bleibt und ich in ihm, der bringt viel Frucht; denn ohne mich könnt ihr nichts tun. 6Wer nicht in mir bleibt, der wird weggeworfen wie eine Rebe und verdorrt, und man sammelt die Reben und wirft sie ins Feuer, und sie verbrennen. 7Wenn ihr in mir bleibt und meine Worte in euch bleiben, werdet ihr bitten, was ihr wollt, und es wird euch widerfahren. 8Darin wird mein Vater verherrlicht, dass ihr viel Frucht bringt und werdet meine Jünger.

    Was hält uns zusammen?

    Liebe Gemeinde!

     

    Was für ein wunderbares Bild von Gemeinde und Glauben zeichnet Jesus hier. Der Weinstock, der das ganze zusammen hält. Die Reben, die die Früchte tragen. Der Winzer, der dafür sorgt, dass der Stock und die Reben gepflegt werden, wachsen und gedeihen können. Hier in der Weinbaugegend ist dieses Bild sicher für jeden verständlich. Wenn man einmal durch die Weinberge geht, sieht man gerade jetzt die oft alten, knorrigen Weinstöcke, an denen die meisten Reben des Vorjahres entfernt wurden. Die wenigen Reben, die am Stock geblieben sind, werden geputzt, gereinigt, von überflüssigen Nebentreiben befreit und angebunden, damit sie eine Stütze haben. Gerade in diesen Tagen sieht man, wie sich das Weinlaub an den Reben entwickelt und wächst. Vielleicht kann man bald schon die ersten Ansätze der Trauben aus Weinbeeren sehen. So sieht Glauben aus. So erleben wir Gemeinde. Weinstock und Reben, zusammen im Weinberg Gottes.

     

    Aber Moment mal. Im Moment gerade ist ja alles irgendwie anders. Wir kommen nicht im Gottesdienst zusammen, um Gott zu feiern. Wir erleben nicht den Zuspruch Gottes im Abendmahl. Wir sind auf uns allein gestellt. Reben, die nicht mehr am Weinstock sind. Wir vertrocknen irgendwann.

     

    Genauso fühlen sich vermutlich viele Menschen gerade. Unabhängig davon, ob sie religiös sind oder nicht. Wir haben jetzt 7 Wochen soziale Isolation hinter uns. Kontaktvermeidung. Keine Partys, für viele keine Arbeit an ihrem gewohnten Arbeitsplatz. Keine Besuche bei Freunden. Sogar auf den Besuch bei den alt gewordenen Eltern oder Großeltern im Altenheim muss man verzichten. Dabei hat man vielleicht ohnehin schon ein schlechtes Gewissen, dass die Eltern ins Pflegeheim ziehen mussten, weil eine Versorgung zu Hause einfach nicht möglich war. Und jetzt darf man sie nicht einmal mehr besuchen. Kontaktsperre zum Gesundheitsschutz. Das ist in der aktuellen Situation nach allem, was wir zur Zeit über Covid19 wissen, richtig und fühlt sich trotzdem völlig falsch an. All die Freude und die Kraft, die wir aus der Begegnung mit Menschen, aus einem guten Gespräch, aus einer tröstenden Umarmung, aus gemeinsamem Lachen und feiern gewinnen, ist uns genommen. Die Pandemie greift für viele Menschen, die an diesem Virus erkranken, die Gesundheit schwer an. Manche sterben an dieser Krankheit. Aber die vorbeugenden Maßnahmen, damit sich das Virus nicht zu schnell und unkontrollierbar ausbreitet, greifen uns ebenso an. Wir sind tatsächlich wie Reben, die den Kontakt zum Weinstock verloren haben. Reben, die abgebrochen oder abgeschnitten werden, vertrocknen. Sie bekommen keine Nährstoffe aus den Wurzeln des Weinstocks. Kein Wasser. Sie können keine Frucht mehr bringen. Sie haben ihren Zweck verloren. Mit der gesetzlichen Vorschrift, soziale Kontakt zu vermeiden bzw. auf das Minimum der im Haushalt zusammen lebenden Menschen zu reduzieren, werden wir aus der Gemeinschaft heraus gebrochen. Wer allein lebt, gewollt oder ungewollt, spürt das noch härter als jemand, der mit anderen in einer Wohngemeinschaft oder Familie zusammen lebt. Wir sind nun einmal soziale Wesen.

     

    Ich bin der Weinstock, ihr seid die Reben, so sagt Jesus seinen Jüngern. Glaube hat etwas mit Beziehung, mit Gemeinschaft zu tun. Dranbleiben, das heißt, in Verbindung bleiben. Jesus weiß genau, dass wir Menschen genau das brauchen, das es Teil unseres Wesens ist, soziale Kontkate zu haben und zu halten. Es ist ein zentraler Teil des Glaubens. Gemeinschaft, zusammen beten, zusammen auf Gottes Wort hören, miteinander feiern, miteinander trauern, all das ist wichtig im Glauben. Und das gilt auch nicht nur für den Glauben der Christen. Gemeinschaft der Glaubenden ist in allen Religionen ein wichtiger Bestandteil der Ausdrucksformen.

     

    Jesus wäre nicht Jesus, Gott wäre nicht Gott, wenn er all das nicht wüsste. Er hat uns als soziale Wesen gewollt. Wir sind auf Gemeinschaft hin angelegt, auf Gemeinschaft zu Gott und untereinander. Also ist die wichtigste Frage gerade: An Jesus bleiben – wie geht das in Zeiten von Pandemie und sozialer Vereinzelung? Was hält uns zusammen?

     

    Singen, beten, auf Gottes Wort hören, das geht natürlich auch allein im Wohnzimmer. Im Internet und im Fernsehen stehen inzwischen viele Möglichkeiten zur Verfügung, Ermutigung und Glaubensstärkung zu bekommen, auch wenn man selbst keinen Gottesdienst besuchen kann. Beten geht immer. Gott ist immer bereit, zuzuhören. Singen kann man auch für sich alleine. Macht vielleicht nicht so viel Freude wie gemeinsam mit anderen Menschen Musik zu machen, geht aber. Für Menschen, die Instrumente spielen, z.B. im Posaunenchor, gilt das gleiche. Wir haben keine festen Zeiten mehr, die uns helfen, unseren Alltag zu strukturieren. Aber wir haben Möglichkeiten, die uns die moderne Technik an die Hand gibt. Wenn Sie diese Predigt lesen, haben Sie diese moderne Technik genutzt oder jemand anderes hat es für Sie getan.

     

    Das ist das zweite, was uns zusammen hält. Füreinander da sein, auch dann, wenn wir uns gerade nicht sehen. Nicht: „Aus den Augen, aus dem Sinn“, sondern im Gegenteil: „Aus den Augen, aber erst Recht im Sinn“, in Gedanken und Gebeten, in gegenseitigem Helfen, wo wir können.

     

    Bleiben an Christus, das geht auch in einer Pandemie. Der 3. Sonntag nach Ostern heißt „Jubilate“. Jubelt, freut euch! Der Wochenspruch, das Thema der Woche sozusagen, lautet: Ist jemand in Christus, so ist er eine neue Kreatur, das Alte ist vergangen, siehe, Neues ist geworden. Wer in Christus ist, bei dem setzt eine Veränderung ein. Dieses „in Christus sein“ treibt uns dazu, nach Gemeinschaft mit Menschen zu suchen, die das gleiche wollen und erleben. Wir sind gemeinsam Reben am Weinstock Jesus Christus. Aber das „Bleiben am Weinstock“ ist nicht auf den Sonntagvormittag in der Kirche oder den Dienstagnachmittag im Seniorenkreis oder den Mittwochabend im Jugendkreis beschränkt. „Sein in Christus“ ist eine grundlegende Veränderung unserer Lebensausrichtung – auf Jesus, auf Gott hin. Das ist auch dann noch wirksam, wenn wir, wie jetzt gerade, die Gemeinschaft der Glaubenden und das soziale Leben reduzieren müssen. Diese grundlegende Veränderung wirkt weiter. Gerade jetzt, wo unser Gefühl uns sagt, dass wir eher abgeschnittene als frische Reben am Weinstock sind, gilt die Zusage Jesus trotzdem: „Ich bin der Weinstock, ihr seid die Reben.“ Wir sind es. Sichtbar wird das zum Beispiel, wo wir Mittel und Wege suchen und finden, die soziale Isolation zu überwinden und füreinander da zu sein, auch wenn wir in unseren Kontaktmöglichkeiten eingeschränkt sind und es noch eine Weile bleiben werden. Sichtbar wird es aber auch dadurch, dass wir auf manche Kontakte verzichten, nach denen wir uns sehnen, weil wir damit einen gefährdeten Menschen schützen.

     

    Vielleicht können wir schon am nächsten Sonntag wieder in der Kirche Gottesdienst feiern. Aber auch da wird man noch spüren und sehen, dass die Sorge um die Krankheit und die Vorsorge vor der Verbreitung uns beeinflusst. Wir werden nicht dicht beieinander sitzen wie sonst, sondern auf den Kirchenraum verteilt. Vielleicht werden nicht alle, die gerne wollen, am Gottesdienst teilnehmen können, weil wir die Besucherzahl begrenzen müssen. Aber auch unter solchen Umständen gilt: Jesus ist der Weinstock. Er ist Quelle und Lebenskraft. Glaube, dran bleiben, das zeigt sich auch darin, dass wir gemeinsam die Herausforderung annehmen und das bestmögliche füreinander aus dieser Situation machen. In unseren Gemeinden. Im Kirchenbezirk, in der Landeskirche, und weit darüber hinaus. Die Herausforderung durch die Pandemie trifft alle. Die Zusage Jesus gilt für alle: Ich bin der Weinstock, ihr seid die Reben. Wer in mir bleibt und ich in ihm, der bringt viel Frucht, denn ohne mich könnt ihr nichts tun. Wir tun alles das, was wir gerade machen, mit ihm und durch ihn.

    Amen.

     

    Der Friede Gottes, der höher ist als alle Vernunft, bewahre eure Herzen und Sinne in Christus Jesus, unserem Herrn.

    Amen.

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Ältere Predigten

Glaube und Religion

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Auf dieser Seite finden Sie die Predigten der vergangenen vier Sonntage. Ältere Predigten finden Sie in unserem

>>> Predigtarchiv

Hausandacht

Hier finden Sie einen Vorschlag für eine Hausandacht während des Läutens der Betglocke um 19:30 Uhr. Zum Lesen des vollständigen Textes einfach auf die Überschrift klicken.

 

 

  • Vorschlag zum Gebet in den Häusern

    Vorschlag zum Gebet in den Häusern

    Wir laden gemeinsam mit allen evangelischen und katholischen Kirchengemeinden in Baden-Württemberg jeweils um 19:30 Uhr mit dem Läuten der Betglocke unserer Kirchen zum Gebet ein. Das Hausgebet könnte z.B. so aussehen:

     

    Einer: "Im Namen des Vaters und des Sohnes und des Heiligen Geistes"

     

    Alle: Amen.

     

    Eine Kerze wird entzündet und ins Fenster, möglichst zur Straße hin, gestellt.

     

    Einer: Wir beten in der Stille

     

    (Gebetsstille)

     

    Alle: Vater unser im Himmel ...

     

    Alle oder Einer: Luthers Abendsegen

     

    "Ich danke dir, mein himmlischer Vater, durch Jesus Christus, deinen lieben Sohn, dass du mich diesen Tag gnädiglich behütet hast, und bitte dich, du wollest mir vergeben alle meine Sünde, wo ich Unrecht getan habe, und mich diese Nacht auch gnädiglich behüten. Denn ich befehle mich, meinen Leib und Seele und alles in deine Hände. Dein heiliger Engel sei mit mir, dass der böse Feind keine Macht an mir finde."

     

    Einer: Der Friede Gottes, der höher ist als all unsere Vernunft, bewahre unsere Herzen in Christus Jesus.

     

    Alle: Amen.

     

     

Gottesdienste und andere geistliche Online-Angebote

Die folgende Linkliste verweist auf eine Reihe von weiteren Online-Gottesdiensten und geistlichen Angeboten. So lange wir in der Zeit der Corona-Pandemie keine Gottesdienste in unserer Kirche feiern dürfen, können wir wenigstens auf diesem Weg ein wenig Gemeinschaft der Christen erleben.

Angebote der Ev. Landeskirche Württembergs:

Gemeindeleben online

YouTube-Kanal "online-kirche württemberg"

Fernseh-Gottesdienst im ZDF:

ZDF-Mediathek - Gottesdienst

Angebote auf Bibel TV:

Bibel TV Live-Gottesdienst

Bibel TV Gottesdienst-Archiv

Ideen zur Gestaltung einer Hausandacht:

Eine Liturgie für ein Tagzeitengebet, wie sie im Stift Urach, dem Einkehrhaus unserer Landeskirche gefeiert wird, finden Sie unter hier.