Predigten online

Singen und Beten

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Mit der Änderung der Verordnungen zum Infektionsschutz während der Corona-Pandemie, die zum 04. Mai inkraftgetreten ist, dürfen nun unter Auflagen wieder Gottesdienste durchgeführt werden. Einzelheiten dazu finden sich auf der Seite des Kultusministeriums. Auch wir feiern in unseren Gemeinden wieder Gottesdienst. Infos dazu auf unserer Seite "Aktuelles".

Dennoch werde ich auch weiterhin die Predigten, die ich für unsere Gemeindegottesdienste vorbereitet habe, jeweils zum aktuellen Sonntag auf dieser Seite einstellen - entweder zum Lesen direkt am Bildschirm oder zum Herunterladen als PDF-Datei, die man sich dann auch ausdrucken und ggf. weitergeben kann.

 

Gott segne Sie alle, gerade jetzt in dieser Ausnahmesituation

 

Ihr Pfarrer

Thorsten Müller

Aktuelle Predigten

Auf die Titelzeile klicken zum Lesen.

  • Predigt zum 9. Sonntag nach Trinitatis (09.08.2020)

    Predigt Jeremia 1,4-10

    Gnade sei mit Euch und Friede von Gott unserm Vater und dem Herrn Jesus Christus. Amen.

    Berufen und gesandt

    1.    Ich doch nicht

    Warum ich? Ich kann das nicht. Das kann doch auch jemand anderes machen. Ich will das nicht. Ich bin noch zu jung. Ich bin schon zu alt. Ich habe zu viel zu tun. Ich bin viel zu unwichtig. Auf mich hört ja doch keiner.

     

    Liebe Gemeinde, kommen ihnen solche Sätze oder solche Gedanken bekannt vor? Haben sie selbst schon einmal solche Gedanken gehabt oder solche Sätze ausgesprochen? Oder hat zu ihnen schon einmal jemand solche Sätze gesagt?

     

    Ich wage eine kleine Unterstellung: Jeder Mensch, der Verantwortung hat, hat schon einmal so einen Satz gehört oder selbst gedacht und ausgesprochen.

     

    Lehrer können mit Sicherheit ganze Bücher verfassen über die Ausreden ihrer Schüler. Eltern kennen ebenso Sammlungen von Ausreden ihrer Kinder. Vielleicht kennt auch der Vorgesetzte all die Ausreden seiner Mitarbeiter. Der Arzt kennt alle Gründe, die seine Patienten vom regelmäßigen Besuch abhalten. Die Fahrkartenkontrolleurin im Bus kennt jeden Grund, warum gerade jetzt kein Fahrschein da ist.

     

    Genauso kennt sicher jeder von uns auch eine Situation, wo wir selbst sagen: Ich doch nicht. Niemand möchte gerne der eine sein, der den Finger in die Wunde legt oder auf Problem hinweist, das alle anderen übersehen habe.

     

    Wer will schon in der fröhlichen Gesprächsrunde die Stimmung verderben, weil jemand einen unerträglichen Witz reißt, über den alle anderen laut lachen.

     

    Wer will schon beim Elternabend darauf hinweisen, dass die mit viel Liebe und eigenem Einsatz der Schüler geplante Klassenreise für manche Eltern einfach zu teuer ist – vielleicht gar für den eigenen Geldbeutel.

     

    Niemand möchte gerne der Spielverderber und der Nestbeschmutzer sein. Lieber hält man den Mund. Warum soll ausgerechnet ich jetzt etwas sagen? Es könnte doch auch noch jemand anderem auffallen, dass das so nicht geht.

     

    Wann waren sie das letzte Mal in einer Situation, in der sie dringend nach einer Ausrede suchten?

     

    Wann wollten Sie das letzte Mal eine unangenehme Aufgabe nicht übernehmen, einer schwierigen Situation entkommen oder fühlten Sie sich mit einem Auftrag überfordert?

     

    Ich doch nicht. Ich will das nicht. Ich kann das nicht.

    2.    Du bist nicht allein

    Wir sind in guter Gesellschaft, wenn wir sagen: „Ich doch nicht“, oder wenn wir hören: „Ich doch nicht.“

     

    Eine Aufgabe mit Verantwortung und ungewissem Ausgang zu übernehmen, ist eine echte Herausforderung. Nicht jeder drängt sich danach. Umso mehr, wenn der Auftrag von Gott kommt. So sagte Jeremia zu Gott:

     

    „Warum ich, Herr? Ich kann doch nicht predigen. Ich bin viel zu jung. Niemand wird mich ernst nehmen. Die weisen, die erfahrenen Leute, die wird man anhören. Aber mich doch nicht. Ich komme nicht einmal aus Jerusalem.

     

    Und was soll ich den Leuten denn sagen? Ich weiß gar nicht, was ich predigen soll. Und was ist, wenn die Menschen wütend auf mich werden? Vielleicht muss ich ihnen etwas sagen, was sie nicht hören wollen. Herr, davor habe ich Angst. Ich habe Angst vor den rücksichtslosen und brutalen Menschen.“

     

    Wenn man das Buch des Propheten Jeremia liest, dann stellt man fest: Jeremia kannte seine Zeitgenossen gut. Er wusste genau, was mit Gottes Auftrag auf ihn zukommt. Sie haben ihm tatsächlich nicht geglaubt. Sie wollten seine mahnenden Worte nicht hören. Sie wollten sich nicht aus der Ruhe ihres geordneten Alltags bringen lassen.

     

    Jeremia muss soziale Missstände anprangern. Er muss gegen die Gottvergessenheit seines eigenen Volkes anpredigen. Er muss warnen und ermahnen. Er muss im Auftrag Gottes sogar Drohungen aussprechen. „Das Volk aus dem Norden wird Gottes Gerichtswerkzeug sein, wenn ihr euren Lebenswandel nicht verändert.“

     

    Die Botschaft von Jeremia war so unbeliebt, dass man ihn auslachte, ausgrenzte, quälte, und einsperrte.

     

    Seine Botschaft war so eindringlich, dass Jeremia selbst darunter gelitten hat, diesen Auftrag auszurichten. Er liebte sein Land und sein Volk und muss doch beinahe 40 Jahre lang den drohenden Untergang ankündigen – bis es dann wirklich soweit ist. Und am Ende gibt man sogar noch Jeremia die Schuld, dass es dazu gekommen ist.

     

    Ich kann verstehen, dass Jeremia diesen Auftrag ablehnen wollte. Eine Berufung Gottes ist nicht immer angenehm und einfach. Mose wusste das, als er Gottes Berufung ablehnte. Jona wusste das auch, als er vor Gottes Auftrag in die entgegengesetzte Richtung davon lief.

     

    Wie kann man einen Auftrag Gottes annehmen? Das überfordert uns, das überfordert mich doch komplett. So eine Aufgabe ist zu groß für einen Menschen. Dazu reichen unsere Fähigkeiten nicht.

     

    Und dann kam Gottes Antwort an Jeremia: Ich kannte dich schon, bevor du im Leib deiner Mutter heran gewachsen bist. Ich wusste schon bei meinem ersten Gedanken an dich, dass du diese Aufgabe bekommen sollst: Mein Prophet für die Völker sollst du sein. Du bist nicht zu jung. Ich gehe mit dir und will dich retten. Ich gebe dir die Kraft, die du brauchst und die Worte, die du sagen sollst. Du bist nicht allein.

     

    Und Gott berührte Jeremias Lippen als Zeichen dafür, das er predigen kann und Gott bei ihm ist.

     

    Das ist das Geheimnis, wenn Gott einen Auftrag gibt. Du bist nicht allein. Gott ist dabei. Er hilft dir, die richtigen Worte im richtigen Moment zu finden. Du musst nicht speziell begabt oder besonders schön oder besonders klug sein. Gott fordert keine Vorleistung, er gibt dir alles mit, was du brauchst.

     

    Mose hat das erlebt. Jeremia hat das erlebt. Jona hat das erlebt.

     

    Wann haben Sie das letzte Mal den Zuspruch Gottes gespürt: Du bist nicht allein? Vielleicht in einem Bibelwort oder der Tageslosung, in einer Begegnung mit einem Menschen, einem guten Wort, einer Ermutigung?

     

    Ich schlage Ihnen ein kleines Experiment vor. Wenn Ihnen in der nächsten Woche eine Situation begegnet, die Ihnen Mut macht und gut tut, dann schreiben Sie es auf. Es ist nicht schlimm, wenn Sie nichts aufschreiben können. Manchmal ist Alltag einfach Alltag. Aber manchmal übersehen wir auch das Besondere, weil es zu schnell vorbei ist und vom Alltag überdeckt wird. Rechnen Sie mit Gott, der Ihnen Mut zum Leben macht.

     

    Als eine solche Ermutigung lese ich jetzt noch einmal den ganzen Predigttext:

    Predigttext (Gute Nachricht)

    4Das Wort des HERRN erging an mich, er sagte zu mir: 5»Noch bevor ich dich im Leib deiner Mutter entstehen ließ, hatte ich schon meinen Plan mit dir. Noch ehe du aus dem Mutterschoß kamst, hatte ich bereits die Hand auf dich gelegt. Denn zum Propheten für die Völker habe ich dich bestimmt.« 6Ich wehrte ab: »Ach, Herr, du mein Gott! Ich kann doch nicht reden, ich bin noch zu jung!« 7Aber der HERR antwortete mir: »Sag nicht: 'Ich bin zu jung!' Geh, wohin ich dich sende, und verkünde, was ich dir auftrage! 8Hab keine Angst vor Menschen, denn ich bin bei dir und schütze dich. Das sage ich, der HERR.« 9Dann streckte der HERR seine Hand aus, berührte meine Lippen und sagte: »Ich lege meine Worte in deinen Mund. 10Von heute an hast du Macht über Völker und Königreiche. Reiße aus und zerstöre, vernichte und verheere, baue auf und pflanze an!«

    Amen.

    Der Friede Gottes, der höher ist als alle Vernunft, bewahre eure Herzen und Sinne in Christus Jesus, unserem Herrn.

    Amen.

  • Predigt zum 6. Sonntag nach Trinitatis (19.07.2020)

    Predigt 5. Mose 7,6-12

    Gnade sei mit Euch und Friede von Gott unserm Vater und dem Herrn Jesus Christus. Amen.

    Beim Namen gerufen

    Liebe Gemeinde!

    Eigentumsfragen sind immer wieder Auslöser für Streit zwischen Menschen. Das fängt im Kinderzimmer an, wenn sich zwei Kinder um die Puppe oder das Spielzeugauto streiten. Das geht weiter in der Schule, wenn der Sitznachbar das Radiergummi nicht ausleihen oder das geliehene nicht zurückgeben will. Im Beruf dreht sich die Frage dann darum, zu welcher Arbeit wieviel Lohn gehört. In der Familie, wer welche Rechte und Ansprüche an der Nutzung gemeinsamer Ressourcen wie Fernseher, Sofa, oder Spielekonsole hat. Wem gehört was? Wer hat Anspruch darauf? Wer darf darüber verfügen? Das sind manchmal heiße Diskussionen.

     

    Dieselbe Frage geht auch anders herum: Wer hat hier seine Bücher herum liegen lassen? Wem gehören die Spielsachen auf dem Boden? Wer hat sein Geschirr nicht in die Spülmaschine geräumt? Wer hatte eigentlich den Auftrag, diese oder jene Arbeit zu erledigen und hat es nicht gemacht? Wem gehört eigentlich dieses verrostete Auto oder dieses verwahrloste Haus? Bei Eigentumsfragen geht es nicht nur ums Verfügungsrecht, sondern auch um Verantwortung für die Dinge.

     

    Und wie ist das mit Menschen? Seit der Abschaffung der Leibeigenschaft in Europa und der Sklaverei in den USA sollte man eigentlich meinen, jeder Mensch gehöre sich selbst, darf über sich selbst verfügen und für sich selbst Entscheidungen treffen. Leider sieht die Wirklichkeit oft nicht ganz so eindeutig aus. Auch aus der Perspektive Gottes schaut das etwas anders aus. Ich lese den Predigttext:

    Predigttext:

    6Denn du bist ein heiliges Volk dem HERRN, deinem Gott. Dich hat der HERR, dein Gott, erwählt zum Volk des Eigentums aus allen Völkern, die auf Erden sind. 7Nicht hat euch der HERR angenommen und euch erwählt, weil ihr größer wäret als alle Völker - denn du bist das kleinste unter allen Völkern -, 8sondern weil er euch geliebt hat und damit er seinen Eid hielte, den er euren Vätern geschworen hat. Darum hat der HERR euch herausgeführt mit mächtiger Hand und hat dich erlöst von der Knechtschaft, aus der Hand des Pharao, des Königs von Ägypten. 9So sollst du nun wissen, dass der HERR, dein Gott, allein Gott ist, der treue Gott, der den Bund und die Barmherzigkeit bis ins tausendste Glied hält denen, die ihn lieben und seine Gebote halten, 10und vergilt ins Angesicht denen, die ihn hassen, und bringt sie um und säumt nicht, zu vergelten ins Angesicht denen, die ihn hassen. 11So halte nun die Gebote und Gesetze und Rechte, die ich dir heute gebiete, dass du danach tust. 12Und wenn ihr diese Rechte hört und sie haltet und danach tut, so wird der HERR, dein Gott, auch halten den Bund und die Barmherzigkeit, wie er deinen Vätern geschworen hat,

    1.    Gott gehören

    Gott hat dich erwählt. Zuerst geht es nicht um einzelne Menschen, sondern um ein ganzes Volk. Von Gott erwählt zum Eigentum. Wem gehören die Menschen, diese Frage hat hier eine klare, eindeutige Antwort. Mindestens die Menschen in Israel gehören Gott. Er hat mit diesem Volk eine Geschichte, die von Generation zu Generation weiter erzählt wird. Erwählt zum Eigentum Gottes, nicht als Sklaven und Unterworfene, sondern aus Liebe und Barmherzigkeit.

     

    Gott gehören, von Gott erwählt sein, was heißt das eigentlich, wenn es nicht um Unterdrückung und Beherrschung geht? Am Anfang des Predigttextes steht das Wort „heilig“. Wir kennen dieses Wort heute kaum noch in seiner ursprünglichen Bedeutung. Es kommt in unserer Alltagssprache vor allem in Kraftausdrücken vor. „Heilig’s Blechle“ und ähnliches ist aber nicht das, was unser Predigttext sagen will. „Heilig sein“ – das ist eine besondere Zustandsbeschreibung. Heilig ist sozusagen das Gegenteil von alltäglich. Heiliges ist für Gott zur besonderen Verwendung beiseite gelegt. Zugleich ist etwas Heiliges oder Geheiligtes aber auch so gestaltet, dass es zu Gott passt. Mensch und Gott, das geht normalerweise nicht zusammen. Die Bibel beschreibt das so, dass der Mensch in seinem Wesen sich ständig gegen Gott auflehnt, Gott ignoriert, ihn ablehnt, seinen Anspruch als Schöpfer auf diese Welt und auf sich selbst zurück weist. Ein heiliges Volk, das sind also Leute, die für Gott besonders zur Verfügung stehen und die zugleich von Gott selbst so verändert sind, dass sie zu Gott passen. Das ist kommt auch in unserem Wochenspruch zum Ausdruck: Fürchte dich nicht, denn ich habe dich erlöst; ich habe dich bei deinem Namen gerufen; du bist mein! Von Gott gerufen, Gott gehören, erlöst sein – das gehört zusammen. Erlöst sein von der Last von Schuld und Versagen, die wir mit uns herum schleppen. Erlöst sein von dem überhohen Anspruch, den andere Menschen und wir selbst an uns stellen. Erlöst sein von dem ständigen Gefühl, nicht genügen zu können, sich selbst verbessern oder zumindest besser darstellen zu müssen. Erlöst von der bangen Frage, ob ich etwas Wert bin, auch, wenn ich mal nichts leisten kann.

     

    Gott gehören, für Gott heilig sein, das stellt Menschen in einen neuen Lebenszusammenhang. Da ist etwas anders geworden als bei allen anderen Menschen. Gott gehören heißt, von Gott geliebt sein. Es heißt, den eigenen Wert nicht verdienen und ständig beweisen zu müssen. Gott spricht diesen Wert zu: Ich habe dich geliebt.

     

    Auch wenn dieser Text aus dem AT zunächst einmal zu Israel gesagt wurde und als Versprechen an Israel galt, dürfen wir uns auch als Nicht-Juden mit angesprochen fühlen. Schon in der Verheißung an Abraham ist gesagt, dass Gottes Segen allen Menschen gilt. Im neuen Testament greift Paulus das auf und sagt uns, dass Gottes Zuspruch durch den Glauben an Jesus Christus allen Menschen gilt.

    2.    Gott entfliehen

    Gott gehören, weil er sein Volk liebt, das fragt nach einer Antwort. Eine Liebeserklärung ist immer auf den Dialog ausgerichtet. Niemand wird einem Menschen eine Liebeserklärung machen und keine Antwort erwarten, ja erhoffen. Und normalerweise hofft man auf eine positive Antwort: Ich liebe dich – ich dich auch! So ist es auch bei Gott. Die Erwählung, die Liebeserklärung und die Treue Gottes ist denen zugesagt, die Gott lieben.

     

    Eine Liebeserklärung kann auch zurückgewiesen werden. Ein Mensch, der seine Liebe erklärt, macht sich verletzlich. Natürlich erhofft man ein „Ja“. Aber Liebe kann man nicht erzwingen und nicht befehlen. Von Gott erwählt, geliebt und für Gott heilig zu sein ist ein Versprechen. Aber es ist kein Zwang. Auch Gott macht sich verletzlich, wenn er seine Liebe erklärt. Liebe braucht Freiheit. Und Freiheit beinhaltet immer die Möglichkeit, „Nein“ zu sagen. Und Menschen sagen oft „nein“ zu Gott. Genau genommen ist jede Handlung, die einem andern Menschen, einem Teil der Schöpfung Gottes oder auch mir selbst schadet, ein „nein“ zu Gott. Jede selbstsüchtige Entscheidung, unser Raubbau an der Natur, fehlende Barmherzigkeit den Hilflosen, z. B. Flüchtlingen auf dem Mittelmeer gegenüber, fehlender Respekt vor dem Leben, zusammengefasst: Liebloses Handeln, alles das ist unser tägliches, beständiges „nein“ Gott gegenüber. Und es funktioniert eben nicht so, wie es im Islam teilweise gelehrt wird, dass böse und gute Taten gegeneinander aufgewogen werden. Genauso wie einmal Ladendiebstahl nicht durch hundertmal korrektes Bezahlen aufgewogen wird. Gott ruft und erlöst und nennt uns bei unserem Namen. Und unsere Taten zeigen, ob wir Gottes Liebe mit Liebe beantworten. Oft sieht die Antwort ganz anders aus

    3.    Gott lieben

    Zwischen dem „Ich habe dich erlöst“ und dem „Liebe Gott von ganzem Herzen“ bleibt immer eine Spannung. Ich weiß, dass ich von Gott geliebt bin. Der Wochenspruch dieser Woche ist Teil der Taufliturgie und wird über jedem getauften Menschen ausgesprochen. In der Taufe sagt Gott dir zu: Du gehörst zu mir. Ich liebe dich. Die Antwort gebe ich mit meinem Leben. Leider ist diese Antwort oft nicht „Ich liebe dich auch“, darum handle ich so, wie es dir entspricht und zu einem von dir geheiligten und erlösten Menschen passt. Oft ist sie eher: Schön, ist mir aber im Moment nicht so wichtig. Das besondere an einem Versprechen, das Gott einmal gibt, ist, dass er es nicht zurück nimmt. „Ich habe dich erlöst“, das gilt. Auch wenn du scheiterst, wenn du gerade nicht von Gottes- und Nächstenliebe überfließt. Ich habe dich erlöst – sogar von deinem eigenen Versagen.

     

    Darum liebe ich Gott, darum glaube ich an Jesus Christus – weil seine Liebe zuerst da war und mich annimmt, sogar dann noch, wenn ich selbst scheitere. In der Taufe wurde mir das zugesprochen. Damals war ich noch nicht in der Lage, selbst drauf zu antworten. Darum gibt es bei uns in der Kirche Konfirmandenunterricht und die Konfirmation. Die Konfirmanden sollen diese Liebeszusage Gottes noch einmal ganz persönlich hören und darauf eine Antwort geben – mit ihrem Bekenntnis und mit ihrem Leben – getragen, so wie jeder Mensch, der es annehmen will, von der erlösenden und heiligenden Liebe Gottes, die uns bei unserem Namen ruft.

    Amen.

     

    Der Friede Gottes, der höher ist als alle Vernunft, bewahre eure Herzen und Sinne in Christus Jesus, unserem Herrn.

    Amen.

  • Predigt zum 5. Sonntag nach Trinitatis (12.07.2020)

    Predigt Lukas 5,1-11

    Gnade sei mit Euch und Friede von Gott unserm Vater und dem Herrn Jesus Christus. Amen.

    Mit Jesus im selben Boot

    Liebe Gemeinde!

    Geht es ihnen auch so? Glaube, das ist was für den Sonntag. Die Begegnung mit Gott, das ist nichts für unseren Alltag, für das Alltägliche, für das Normale. Religion das ist der leuchtende Kranz für besondere Stunden, der den ansonsten grauen Alltag etwas hell macht. Wer hat schon Zeit, den ganzen Tag, jede Minute, jede Stunde an Gott zu denken? Und das ist ja auch völlig normal. Unser Leben besteht nun einmal aus 86% Alltag und nur 14% Sonntag. Wir haben unsere Aufgaben, unsere Verpflichtungen und die Verantwortung für unser Leben. Da kann nicht jeder Gedanke auf Gott ausgerichtet sein. Manchmal macht das vielleicht ein schlechtes Gewissen. Sollte ich nicht mehr Zeit für Gott haben? Als Pfarrer habe ich da den Vorteil, dass es mein Beruf ist, Zeit für Gott zu haben. Aber auch in meinem Beruf kommt es immer wieder vor, dass der Gedanke an Gott im Alltag verdrängt wird von Planungen, Vorbereitungen, Verwaltung, Gesprächen, Telefonaten usw.

     

    Wie gut, dass unser Gott das weiß. Glauben im Alltag, das heißt, Gott nimmt sich Zeit, unseren Alltag mit uns zu teilen. Manchmal wird der Alltag dadurch verändert. Ich lese den Predigttext:

    Predigttext:

    1Es begab sich aber, als sich die Menge zu ihm drängte, zu hören das Wort Gottes, da stand er am See Genezareth. 2Und er sah zwei Boote am Ufer liegen; die Fischer aber waren ausgestiegen und wuschen ihre Netze. 3Da stieg er in eines der Boote, das Simon gehörte, und bat ihn, ein wenig vom Land wegzufahren. Und er setzte sich und lehrte die Menge vom Boot aus.

     

    4Und als er aufgehört hatte zu reden, sprach er zu Simon: Fahre hinaus, wo es tief ist, und werft eure Netze zum Fang aus! 5Und Simon antwortete und sprach: Meister, wir haben die ganze Nacht gearbeitet und nichts gefangen; aber auf dein Wort hin will ich die Netze auswerfen. 6Und als sie das taten, fingen sie eine große Menge Fische und ihre Netze begannen zu reißen. 7Und sie winkten ihren Gefährten, die im andern Boot waren, sie sollten kommen und ihnen ziehen helfen. Und sie kamen und füllten beide Boote voll, sodass sie fast sanken. 8Da Simon Petrus das sah, fiel er Jesus zu Füßen und sprach: Herr, geh weg von mir! Ich bin ein sündiger Mensch. 9Denn ein Schrecken hatte ihn erfasst und alle, die mit ihm waren, über diesen Fang, den sie miteinander getan hatten, 10ebenso auch Jakobus und Johannes, die Söhne des Zebedäus, Simons Gefährten. Und Jesus sprach zu Simon: Fürchte dich nicht! Von nun an wirst du Menschen fangen. 11Und sie brachten die Boote ans Land und verließen alles und folgten ihm nach.

    1.    Jesus hören

    Jesus ist in Kapernaum. Viele Leute wollen in seiner Nähe sein. Aber der Platz reicht einfach nicht aus, das Gedränge ist zu groß. Es wird geschoben und gestoßen, jeder will in der ersten Reihe stehen. Da wird unser Blick auf so eine Alltagsszene gelenkt. Am Seeufer sind einige Fischer dabei, nach getanem Nachtwerk ihr Handwerkszeug in Ordnung zu bringen, damit es für den nächsten Einsatz in der kommenden Nacht bereit liegt. Alltag für die Fischer. Alltag für jeden Handwerker, damals wie heute. Seine Werkzeuge muss man in Ordnung halten. Und die Witze um den Lehrling, der zum Feierabend die Werkstatt fegen muss, haben genau darin ihren Ursprung. Alltag eben. Die Arbeit abschließen und auf einen neuen Arbeitstag vorbreitet sein.

     

    So machen es auch Simon und andere Fischer am See Genezareth. Die Boote sind auf den Strand hochgezogen oder irgendwie befestigt, die Netze zum Trocknen, Reinigen und Ausbessern ausgebreitet.

     

    Mitten in diesen Alltag platzt Jesus hinein. Die drängende Menschenmenge macht es ihm unmöglich, zu den Menschen zu sprechen. Er geht zu den Fischern, setzt sich in Simons Boot und bittet ihn um Hilfe.

     

    Ich weiß nicht, wie Sie über Gott denken und was Sie mit ihm reden, wenn Sie beten. Ich weiß aber von mir selbst, dass ich oft Gott für meine Fragen, und Probleme um Hilfe bitte. In dieser Alltagsszene ist die Situation umgedreht. Jesus, den damals viele für den Messias, den von Gott gesandten Heilskönig für Israel gehalten haben, kommt in den Alltag der Fischer hinein und bittet um Hilfe. Und er bittet um eine Hilfe, die Simon ihm leicht gewähren kann. Zwar muss er seine Arbeit unterbrechen, vielleicht ist er auch ein wenig mürrisch deswegen. Vielleicht ist ihm die Pause aber auch ganz willkommen. Einfach mit dem Boot ein Stück auf den See hinaus fahren, damit alle Jesus besser sehen und hören können. Das Boot wird zur Kanzel und Simon sitzt mit darin. Mitten im Alltag ist auf einmal Gottes Wort zu hören. Nicht Simon hat in seinem Alltag nach Gott gesucht, sondern Jesus, der Sohn Gottes, ist mitten in seinen Alltag hinein gekommen.

     

    Jesus in unserem Alltag, geht das? Wo wir doch so vielbeschäftigte Leute sind? Jesus geht heute auch nicht mehr am Ufer des Kocher entlang und spricht dort die Angler an. Aber so kleine Momente gibt es doch. Die Betglocke unserer Kirche läutet zum Beispiel drei Mal am Tag für fünf Minuten, um uns daran zu erinnern: Gott ist da, mitten in unserem Alltag. Er hat Zeit für uns. Im Radio, wenn Sie Radio hören, gibt es gelegentlich kurze Impulse, die uns zum Nachdenken und an Gott denken anregen sollen. Und manchmal ist es ein Satz den man hört, ein gutes Wort, das von jemand anderem kommt, eine Begegnung auf der Straße oder beim Einkaufen. Begebenheiten, in den man spürt. Jetzt ist oder war Gott da, mitten im Alltag.

    2.    Jesus erleben

    Mitten in seinem Alltag durfte Simon eine Pause machen und Jesus zuhören. Aber damit ist diese Geschichte noch nicht zu Ende. Aus der Begegnung im Alltag wird ganz plötzlich eine gar nicht mehr alltägliche Geschichte. Jetzt mischt sich Jesus nämlich in den Alltag ein. Dass Gott im Alltag Zeit für mich hat, ist ja schön. Dass mir ein kurzes Gebet und vielleicht ein Bibelwort eine Pause und ein kurzes geistliches Durchatmen ermöglicht, ist auch wunderbar. Aber was ist, wenn die Begegnung mit Gott den Alltag auf den Kopf stellt?

     

    Für Petrus heißt das: Fahr los und wirf die Netze aus. Eigentlich für einen Fischer nichts Ungewöhnliches, nichts, was er nicht machen könnte. Nur fischte man damals nicht am Tag. Am Tag halten sich die Fischschwärme tatsächlich im tiefen Wasser auf, nur nachts kommen sie in flacheres Wasser. Die Netze damals waren aber nicht zum Fischen in tiefem Wasser gemacht. Was Jesus von Simon verlangt, ist ungefähr so, als wenn der Glaser dem Schreiner erklären wollte, wie er den Hobel halten muss oder der Sanitär-Installateur dem KFZ-Mechatroniker, wie die Abgasanlage am Auto funktioniert. Ich weiß nicht, wie es Ihnen in solchen Momenten geht. Am besten den anderen reden lassen und sich sein Teil denken? Oder etwas sagen wie: „Schuster, bleib bei deinen Leisten?“

     

    Simon reagiert unerwartet. Er spricht von seinem Frust und seiner Enttäuschung. Alles richtig gemacht, so wie es seit Generationen gemacht wird, wie es sich bewährt hat. Alle erlernte Handwerkskunst eingesetzt. Und trotzdem erfolglos. Auch so kann Alltag sein. Enttäuschend, ernüchternd. Der Alltag des erfolglosen Fischers, dem der Ertrag für den Tag fehlt. Der Alltag einer schrumpfenden Kirche mit mehr Todesfällen und Austritten als Taufen und Eintritten. Der Alltag in einer durch die Corona-Pandemie bewirkten Wirtschaftskrise. Der Alltag einer überforderten Familie zwischen HomeOffice und HomeSchooling in einer Drei-Zimmer-Wohnung. Alles richtig gemacht, selbst nicht schuld, und trotzdem hart getroffen.

     

    Und Simon regiert noch einmal unerwartet. „Lehrer, wenn du es sagst, dann mache ich das.“ Ich weiß nicht, warum Simon Jesus so sehr vertraut. So gut kannten sie sich da noch nicht. Vielleicht war es die Predigt, die Jesus gehalten hatte. Vielleicht war es die Hoffnung, doch noch zu einem Arbeitsertrag zu kommen, an die er sich wie an einen Strohhalm klammerte. Vielleicht traute er Jesus einfach auch alles zu. Egal, warum, der Erfolg ist umwerfend. In jeder Hinsicht. Das Boot wird beinahe vom schweren Fang umgeworfen. Und Simon wird von einer Erkenntnis umgeworfen. Hier ist Gott am Werk. Das kann kein Mensch. Und noch schlimmer: Gott und Simon, Gott und Mensch, Gott und ich, das passt irgendwie nicht. „Geh weg! Ich bin ein sündiger Mensch.“

    3.    Jesus folgen

    Jesus geht nicht. Er bleibt in der Alltagssituation. Er macht Mut: „Fürchte dich nicht“, so steht es immer wieder in der Bibel an Stellen, wo Menschen plötzlich Gott erkennen und feststellen, Gott und Mensch, dass passt nicht zusammen. Wenn ich über Gedanken erschrecke, die mit kommen und die so gar nicht zu meinem guten Selbstbild passen. Wenn ich plötzlich in einem Streit drin bin und mir sagen muss, ich hätte den Streit vermeiden können. Wenn mir Worte über die Lippen kommen, die verletzen. Diese Liste lässt sich in viele Richtungen erweitern. Immer dann kommt der Gedanke: Gott, Jesus, du und ich, wir passen doch gar nicht zusammen. Du kannst doch mit mir gar nicht einverstanden sein. Und genau dann gilt das Wort: „Fürchte dich nicht!“

     

    Genau dann geht Jesus nicht weg. Er bleibt, er sagt: Komm mit mir. Ich stelle deinen Alltag neu auf. Für Petrus heißt das: Menschen fangen, so wie er vorher Fische gefangen hat. Zeigen, dass Gott nicht weg geht, wenn wir meinen, wir passen nicht zu ihm oder wenn wir ihn loswerden wollen, weil er sich in unser Leben einmischt. Gott bleibt. Er bleibt an der Seite der Menschen. Auch durch andere Menschen, die ihm folgen. Wir sind mit Jesus im selben Boot.

    Amen.

     

    Der Friede Gottes, der höher ist als alle Vernunft, bewahre eure Herzen und Sinne in Christus Jesus, unserem Herrn.

    Amen.

  • Predigt zum 4. Sonntag nach Trinitatis (05.07.2020)

    Predigt Römer 12,17-21

    Gnade sei mit Euch und Friede von Gott unserm Vater und dem Herrn Jesus Christus. Amen.

    Jenseits von Gut und Böse

    Liebe Gemeinde!

     

    Kennen Sie diesen Ausdruck: „Jenseits von Gut und Böse“? Ich weiß nicht, ob er hier gebräuchlich ist, in meiner Heimat in Norddeutschland, sagt man das über jemanden, der in seinem Leben so weit ist, dass er von Gut oder Böse nicht mehr berührt wird, zum Beispiel von einem Menschen, der im Sterben liegt. Jemand, der „Jenseits von Gut und Böse“ ist, der wird von weltlichen Dingen nicht mehr berührt und erreicht, die Sorgen des Alltags, die kleinlichen Streitigkeiten mit Nachbarn, Spannungen innerhalb der Familie usw. berühren ihn nicht mehr. Sein Blick ist schon über den Horizont dieser Welt hinaus gerichtet.

     

    Wir, die wir heute hier im Gottesdienst sind, können das noch nicht von uns sagen. Wir sind noch hier, mitten im Leben, mitten im Alltag, mitten in allen Freuden und Sorgen, Freiheiten und Begrenzungen, Schönheiten und Herausforderungen des Lebens. Dabei wäre es manchmal vielleicht ganz gut, ein bisschen „Jenseits von Gut und Böse“ zu sein. Allzu schnell reagieren wir nämlich auf harsche Worte mit harschen Worten, auf Gegenwind mit Sturm, auf Unrecht mit Rachegedanken. Unser heutiger Predigttext erinnert uns daran, dass Gott sich das so nicht gedacht hatte:

    Predigttext:

    17Vergeltet niemandem Böses mit Bösem. Seid auf Gutes bedacht gegenüber jedermann.  18Ist's möglich, soviel an euch liegt, so habt mit allen Menschen Frieden. 19Rächt euch nicht selbst, meine Lieben, sondern gebt Raum dem Zorn Gottes; denn es steht geschrieben (5.Mose 32,35): "Die Rache ist mein; ich will vergelten, spricht der Herr." 20Vielmehr, "wenn deinen Feind hungert, so gib ihm zu essen; dürstet ihn, so gib ihm zu trinken. Wenn du das tust, so wirst du feurige Kohlen auf sein Haupt sammeln" (Sprüche 25,21-22). 21Lass dich nicht vom Bösen überwinden, sondern überwinde das Böse mit Gutem.

    1.    Das Böse überwinden

    Wie ist das nun mit dem Bösen? Mit dem Bösen, das wir erleiden. Darum geht es in unserem Predigttext. Nicht um das Böse, das wir womöglich selbst tun. Dazu hat Paulus schon weiter oben im Römerbrief geschrieben, dass wir um das Gute und die Liebe untereinander bemüht sein sollen. Aber was ist mit den anderen Menschen? Was ist, wenn mir unrecht getan wird? Wie reagiere ich darauf?

     

    Vor einigen Jahren waren bei Jugendlichen Armbänder aus Kunststoff sehr beliebt. Darauf fanden sich oft irgendwelche Symbole oder Abkürzungen von Sinnsprüchen. Eine dieser Abkürzungen lautete: WWJD. Das konnten nur eingeweihte verstehen, das war so eine Art Geheimsprache und Geheimschrift. WWJD ist die Abkürzung für die Frage: What would Jesus do – Was würde Jesus tun? Genau diese Frage ist eine gute Leitfrage, wenn es um die Frage geht, was wir mit erlittenem Bösen machen. Was würde Jesus tun?

     

    Die Antwort lautet: Kommt drauf an. Kommt drauf an, worum es geht. Wenn es um die Ehre Gottes geht, wurde Jesus schon mal sehr energisch und jagte Händler aus dem Tempel, damit die Menschen dort wieder in Ruhe beten konnten. Wenn es um persönliche Kränkungen, Beleidigungen oder Angriffe gegen ihn ging, dann hat er selten etwas dagegen gesagt. Er hat es hingenommen und nur darauf verwiesen, dass vielleicht Gott etwas dazu zu sagen haben wird.

     

    Sich so zu verhalten, ist das nicht am Ende total weltfremd? Immerhin, Jesus hat diese Einstellung am Ende bis zur Kreuzigung gebracht, Paulus starb, so weit wir wissen, als Märtyrer bei einer Christenverfolgung in Rom. Wenn der Klügere immer nachgibt, regieren irgendwann die Dummen.

     

    Warum also stellen junge Menschen diese Frage: Was würde Jesus tun? Warum schreibt Paulus: Vergeltet niemandem Böses mit Bösem?

     

    Die Erfahrung lehrt: Gewalt führt zu Gegengewalt, Hass führt zu neuem Hass und noch mehr Hass, Unrecht führt zu immer neuem Unrecht. Wenn ich erlittenes Unrecht mit Unrecht vergelte, was hindert mein Gegenüber, weiteres, noch schlimmeres Unrecht zu tun? Wie weit soll das gehen? Wo soll so eine Spirale enden? Schon im AT steht „Auge um Auge, Zahn um Zahn, Leben um Leben“. Das ist keine veraltete Rechtsformel, wie man manchmal heute hören kann, sondern der erste Versuch, die Spirale von Rache und Gewalt, die zu immer neuer, größerer Rache und Gewalt führt, zu durchbrechen. Die Strafe muss zum Vergehen passen. Auge um Auge. Nicht zwei Augen für ein Auge. Nicht zwei Tote für einen Mord, bis irgendwann die Blutrache einen ganzen Stamm auslöscht. Die Spirale von Rache und Gewalt wird durchbrochen durch Begrenzung.

     

    Paulus geht noch einen Schritt weiter. Die Spirale von Bösem und immer wieder Bösem wird am besten durchbrochen, wenn Böses mit Gutem beantwortet wird.

    2.    Das Gute tun

    Was ist das Gute? Das möchte ich manchmal Fragen. Dabei ist die Antwort einfach – so einfach, dass man sie gar nicht hören möchte. So einfach, und so unbequem: „Es ist dir gesagt, Mensch, was gut ist und was der Herr von dir fordert: Gottes Wort halten, liebe üben und demütig sein vor deinem Gott.“

     

    Wie gesagt: Einfach und zugleich unbequem. Liebe üben, das heißt doch, aktiv danach fragen: Was dient dem Wohl des anderen Menschen? Was hilft dem, der mir Unrecht getan hat? Nicht, was mit hilft, mit dem Unrecht klar zu kommen, ist die Frage, sondern, was dem anderen gut tut, dem Halbdackel, dem Säckel, der mir das und jenes angetan hat. Das Böse mit Gutem überwinden – ist das nicht eine totale Überforderung? Meine natürliche menschliche Reaktion ist doch, mich selbst zu schützen, zu verteidigen. Selbsterhaltungstrieb nennt man das. Der Drang, überleben zu wollen. Da bedeutet „Liebe üben“ gegenüber jemandem, der mir Unrecht getan hat, durch den ich Böses erlitten habe, doch gerade, diesen Selbsterhaltungstrieb zu unterdrücken. Wie soll das möglich sein?

     

    Wenn wir den Predigttext so allein betrachten, aus dem großen Zusammenhang des ganzen Römerbriefes heraus geschnitten, dann kann man wohl wirklich sagen: Das Gute tun, um Böses zu überwinden, das ist eine totale Überforderung. Das kann keiner. An so einem hohen ethischen und moralischen Anspruch werden wir scheitern, wenn wir das von uns fordern – oder zulassen, dass es andere tun.

     

    Das Gute tun, das geht nur und das fordert Paulus nur von Menschen, die an Jesus, den Sohn Gottes, gläubig geworden sind. Menschen, die erlebt haben, dass der Glaube Berge versetzt und Leben verändert. Um das Böse mit Gutem zu überwinden, muss Jesus Christus durch seinen heiligen Geist in uns wirken. Ich glaube, dann ist es möglich. Dann kann unglaubliches geschehen. Dann können wir die Spiralen von Hass und Gewalt durchbrechen, dann können wir mit den Menschen in Frieden leben. Jesus sagt: Ohne mich könnt ihr nichts tun. Aber mit ihm können wir es. Liebe üben, dem Feind Gutes tun und das Böse mit Gutem besiegen. Langsam oft, in kleinen Schritten. Aber es geschieht. Auch heute. Überall da, wo Menschen um des Glaubens und Liebe willen losgehen, um zu helfen und Gutes zu tun. Damit sind wir nicht „Jenseits von Gut und Böse“, sondern Überwinder des Bösen – jenseits des Bösen, aber nicht jenseits des Guten.

    Amen.

     

    Der Friede Gottes, der höher ist als alle Vernunft, bewahre eure Herzen und Sinne in Christus Jesus, unserem Herrn.

    Amen.

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Glaube und Religion

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Hausandacht

Hier finden Sie einen Vorschlag für eine Hausandacht während des Läutens der Betglocke um 19:30 Uhr. Zum Lesen des vollständigen Textes einfach auf die Überschrift klicken.

 

 

  • Vorschlag zum Gebet in den Häusern

    Vorschlag zum Gebet in den Häusern

    Wir laden gemeinsam mit allen evangelischen und katholischen Kirchengemeinden in Baden-Württemberg jeweils um 19:30 Uhr mit dem Läuten der Betglocke unserer Kirchen zum Gebet ein. Das Hausgebet könnte z.B. so aussehen:

     

    Einer: "Im Namen des Vaters und des Sohnes und des Heiligen Geistes"

     

    Alle: Amen.

     

    Eine Kerze wird entzündet und ins Fenster, möglichst zur Straße hin, gestellt.

     

    Einer: Wir beten in der Stille

     

    (Gebetsstille)

     

    Alle: Vater unser im Himmel ...

     

    Alle oder Einer: Luthers Abendsegen

     

    "Ich danke dir, mein himmlischer Vater, durch Jesus Christus, deinen lieben Sohn, dass du mich diesen Tag gnädiglich behütet hast, und bitte dich, du wollest mir vergeben alle meine Sünde, wo ich Unrecht getan habe, und mich diese Nacht auch gnädiglich behüten. Denn ich befehle mich, meinen Leib und Seele und alles in deine Hände. Dein heiliger Engel sei mit mir, dass der böse Feind keine Macht an mir finde."

     

    Einer: Der Friede Gottes, der höher ist als all unsere Vernunft, bewahre unsere Herzen in Christus Jesus.

     

    Alle: Amen.

     

     

Gottesdienste und andere geistliche Online-Angebote

Die folgende Linkliste verweist auf eine Reihe von Online-Gottesdiensten und geistlichen Angeboten. Wir dürfen zwar inzwischen wieder Gottesdienste in unserer Kirche feiern, aber vielleicht sind diese Angebote trotzdem für Sie interessant.

Angebote der Ev. Landeskirche Württembergs:

Gemeindeleben online

YouTube-Kanal "online-kirche württemberg"

Fernseh-Gottesdienst im ZDF:

ZDF-Mediathek - Gottesdienst

Angebote auf Bibel TV:

Bibel TV Live-Gottesdienst

Bibel TV Gottesdienst-Archiv

Ideen zur Gestaltung einer Hausandacht:

Eine Liturgie für ein Tagzeitengebet, wie sie im Stift Urach, dem Einkehrhaus unserer Landeskirche gefeiert wird, finden Sie unter hier.